Bluttat an Schule Das entsetzliche Rätsel von Lünen

Ein 14-Jähriger in Lünen ist tot, offenbar umgebracht von einem älteren Mitschüler. An der Schule und in der Stadt herrscht Fassungslosigkeit. Eine Spurensuche.

VOGEL/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von , Lünen


Döndü Karatas hält die Hand ihres Sohnes Eren fest umschlungen, als sie ihn am Mittag aus der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen abholt. Die beiden gehen über das Schulgelände, vorbei an den vielen Polizeiwagen und dem Bus der Notfallseelsorge. Dabei bleiben sie immer wieder stehen und nehmen sich kurz in den Arm. Eren schrieb seiner Mutter am Morgen eine WhatsApp-Nachricht: "Ein Schüler ist tot, mir geht es gut." Döndü Karatas sagt, sie sei fast in Ohnmacht gefallen, als sie die Nachricht ihres Sohnes gelesen habe.

So wie Döndü Karatas und Eren kommen nach und nach auch andere Eltern mit ihren Kindern aus dem Schulgebäude. Manche bleiben stehen, schütteln verständnislos den Kopf und reden mit den Reportern, die sich seit dem Morgen vor dem Schultor aufgestellt haben. Auch ein paar Lehrer machen sich auf den Weg nach Hause, von ihnen möchte niemand über die grausame Tat sprechen, die sich wenige Stunden zuvor an der Schule zugetragen hat.

Es passierte gegen 8 Uhr am Morgen. Ein 14-Jähriger wurde umgebracht. Tatverdächtig ist ein 15-jähriger Mitschüler. Beide gingen in die Klasse 8a der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, beide kommen aus Lünen, einer Stadt rund zehn Kilometer nördlich von Dortmund.

Fotostrecke

14  Bilder
Lünen bei Dortmund: Trauer in der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule

Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Die Polizeisprecherin, die vor dem Schulgelände im Einsatz ist, schüttelt bei den meisten Fragen nur freundlich den Kopf. Die Tatwaffe? Das Motiv? Die Beziehung zwischen Täter und Opfer? Man könne zu alldem leider keine Auskunft geben, sagt die Beamtin. Nur so viel: Der mutmaßliche Täter sei nach dem Vorfall aus der Schule gerannt, die Polizei habe eine Fahndung eingeleitet und ihn wenig später "in der Nähe" gefasst, am nahe gelegenen Datteln-Hamm-Kanal.

Fest steht, dass um kurz nach 8 Uhr am Dienstagmorgen eine Lautsprecherdurchsage durch die Schule hallte: "Es hat einen Vorfall gegeben, bitte alle in den Klassenräumen bleiben." Eren Karatas, 14, der in die 8b geht, erzählt, dass er gerade im Hauswirtschaftsunterricht gesessen habe, als die Durchsage kam. Sein Klassenlehrer habe den Schülern später erklärt, was vorgefallen sei.

Nach SPIEGEL-Informationen kursieren an der Schule Mutmaßungen, der 15-Jährige habe ursprünglich eine Lehrerin oder einen Lehrer attackieren wollen. Als ihm das nicht gelungen sei, soll er auf den 14-Jährigen losgegangen sein. Der Vorfall wurde offenbar von keinem Lehrer gesehen. Berichte, wonach die Mutter des Tatverdächtigen ihren Sohn begleitet und die Tat mit angesehen hatte, wurden am Abend von der Staatsanwaltschaft und der Polizei Dortmund bestätigt.

Der 15-Jährige sollte am Morgen offenbar gemeinsam mit seiner Mutter mit einer Sozialarbeiterin der Schule sprechen. Die Sozialarbeiterin hatte ihn nach Informationen der Ermittler als "aggressiv und unbeschulbar" eingestuft. Deshalb besuchte der Jugendliche zwischenzeitlich eine andere Schule - ohne Erfolg. Der 15-Jährige kehrte an die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule zurück, wo er zunächst mit der Sozialarbeiterin reden sollte.

Während er zusammen mit seiner Mutter auf den Termin wartete, erschien das spätere Opfer. Nach Angaben des Tatverdächtigen soll der 14-Jährige die Mutter "mehrfach provozierend angeschaut" haben. So heißt es in der Pressemitteilung der Ermittler. Der 15-Jährige habe sich dadurch so gereizt gefühlt, dass er dem anderen mehrmals mit dem Messer in den Hals stach. Beide Jugendlichen hatten sich nach Polizeiinformationen schon in der Vergangenheit gestritten. Der 15-Jährige soll am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt werden.

"Na ja, der hatte schon öfter Ärger"

"Wir konnten unserem Lehrer noch Fragen stellen", sagte Eren, "aber die meisten waren nur geschockt, es war einfach nur still in unserer Klasse, manche weinten." Er kenne den 15-Jährigen, sagt Eren: "Na ja, der hatte schon öfter Ärger."

Anes Aozanovic, 14, der neben seiner Mutter auf der Straße vor der Schule steht, saß mit dem Tatverdächtigen im Philosophie-Unterricht. "Er hat gern provoziert, er hat gern beleidigt", sagt Anes. "Da kamen dann so Sprüche wie: Ich box dich, Alter!" Auch mit den Lehrern soll sich der 15-Jährige öfter angelegt haben. "Manchmal hat er sexistisches Zeug von sich gegeben", erzählt Anes, "dann wurde er von den Lehrern ermahnt."

Es ist kurz nach 13 Uhr, als Jürgen Kleine-Frauns vor der Schule auftaucht. Mit bleichem Gesicht spricht Lünens Bürgermeister in die Mikrofone. "Es gibt kaum Worte, die in diesem Moment Trost spenden können", sagt er. Wenig später geht er ins Gebäude, um sich mit der Schulleitung zu besprechen.

Ein paar Meter weiter stehen zwei Jugendliche in Jogginghosen, beide 17 Jahre alt, ihre Namen, sagen sie, solle man bitte nicht schreiben. Kannten sie den 15-Jährigen? Sie nicken. "Der hing oft am Bahnhof in Lünen rum und kiffte", sagt der eine Jugendliche. Der andere kratzt sich am Kopf: "Aber der ist dünn und klein, ein Strich in der Landschaft, so etwas hätte ich ihm nie zugetraut."

Über das Opfer des Angriffs ist noch weniger bekannt als über den Tatverdächtigen. Schüler, die ihn kennen, beschreiben ihn als ruhig und introvertiert. Der 14-Jährige spielte Fußball beim VfB 08 Lünen, er war Stürmer in der B-Jugend. "Er war ein Talent", sagt ein ehemaliger Trainer dem SPIEGEL. "Ich habe ihn schon im Probetraining bei Borussia Dortmund gesehen."

Am frühen Abend legen Schüler und Eltern Blumen vor der Schule nieder und zünden Kerzen an. Für Mittwoch ist eine Schweigeminute im Rathaus und an allen Schulen in Lünen geplant.



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.