Erstochener Teenager in Lünen Vereint in Trauer und Schweigen

Tränen der Trauer, Wut auf den Täter: Der gewaltsame Tod eines 14-Jährigen an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen bringt Schüler wie Lehrer an ihre Grenzen. Bei einer Schweigeminute finden sie zueinander.

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Aus Lünen berichtet Christian Parth


Um 12 Uhr schlägt kurz eine helle Glocke, dann wird es still. Die etwa tausend Schüler der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule und ihre Lehrer haben sich auf dem Schulhof versammelt, um für eine Minute gemeinsam zu schweigen. Nur ein Tag ist vergangen, seit in einem der Flure ein Schüler gewaltsam zu Tode kam. Ein 15-Jähriger hatte einen ein Jahr jüngeren Teenager kurz nach acht Uhr am Morgen, vor Unterrichtsbeginn, mit einem Messer angegriffen und in den Hals gestochen. Der Junge starb noch am Tatort.

Neben dem Schultor ist ein Gedenkort entstanden. Dutzende Grablichter brennen, am Boden liegen Blumensträuße und ein silberner Fußball, als Erinnerung an den getöteten Jungen, der für die B-Jugend des VfB 08 Lünen stürmte. An einem grünen Zaun hängen Zeichnungen und handgeschriebene Briefe, in denen die Schüler Abschied nehmen. Manche Absender kannten das Opfer nur vom Sehen. Und doch war es ihnen offenbar ein Bedürfnis, ihm jetzt einen letzten Gruß zu senden.

Nach der Schweigeminute gibt es Applaus. Er wirkt wie ein Akt der Solidarität, ein Ausdruck von Stolz, dass sie alle in dieser Situation so eng zusammenstehen. Um für diese 60 Sekunden ungestört zu sein, haben die Schüler Decken über den Zaun gehängt, als Sichtschutz vor den Kameras. Zuvor hatten sie Medienvertretern deutlich gemacht, dass im Moment keiner von ihnen mehr etwas zur Tat sagen wolle. "Sie haben den Wunsch nach einem geschützten Raum geäußert", sagt die Polizeisprecherin vor Ort. "Die Schüler wollen in Ruhe gelassen werden. Das muss respektiert werden."

"Meine größte Sorge war, dass jemand emotional zusammenbricht"

Reinhold Bauhus war schon früh am Mittwochmorgen in die Schule gefahren. Mit einem traurigen Gefühl habe er das Gelände betreten, nach einer beinahe schlaflosen Nacht und dem schlimmsten Tag seiner Karriere, sagt der Schulleiter. Um 7:30 Uhr ruft er das Kollegium zusammen, um mit Notfallseelsorgern und Schulpsychologen den Tag vorzubereiten. Eine Dreiviertelstunde später nehmen die Lehrer die Schüler in Empfang, um im Klassenverbund das Geschehene aufzuarbeiten und der Trauer Raum zu geben. Auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer und Lünens Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns kommen vorbei, um ihre Anteilnahme auszudrücken.

Er sei erstaunt gewesen, wie stark seine Lehrerkollegen trotz aller Betroffenheit gewesen seien, sagt Bauhus. "Meine größte Sorge war, dass jemand emotional zusammenbricht, vielleicht überhaupt nicht in der Lage ist, mit der Situation umzugehen. Aber all das ist ausgeblieben. Das ist schon beeindruckend." In der Aula der Schule wurde ein Kondolenzraum eingerichtet mit einem Buch, in dem die Schüler ihre Gefühle niederschreiben können. "Wir denken natürlich an das Opfer, aber auch an die Familie des Täters, die nun auch erst mal begreifen muss, was passiert ist", sagt Bauhus.

Nach Darstellung der Polizei kam der mutmaßliche Täter am Dienstagmorgen in Begleitung seiner Mutter in die Gesamtschule. Sie hatten einen Termin bei einer Schulsozialarbeiterin. Der Junge gilt als schwierig. Die Sozialarbeiterin hat ihn Ermittlern zufolge in einer Zeugenaussage als "aggressiv" und "unbeschulbar" bezeichnet.

Die Mutter ist dabei, als ihr Sohn tötet

Polizeilich war er bislang wegen einer Sachbeschädigung in Erscheinung getreten. Weil es immer wieder Ärger gegeben haben soll, wurde er schließlich auf eine andere Schule geschickt. Doch auch dort kam man offenbar nicht mit ihm klar. Jetzt sollte er an die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule zurückkehren. "In dem geplanten Gespräch wollten wir gemeinsam mit der Mutter über den weiteren Schulkarriereweg des Jungen beraten", sagt Schulleiter Bauhus.

Doch dazu kam es nicht mehr. Während Mutter und Sohn auf dem Flur auf den Termin warteten, lief irgendwann auch der 14-Jährige vorbei. Die beiden Teenager hätten sich von früher gekannt und auch schon Ärger miteinander gehabt, sagt die Polizei.

Laut Staatsanwaltschaft Dortmund sagte der mutmaßliche Täter in seiner Vernehmung am Dienstagnachmittag, seine Mutter sei von dem 14-Jährigen "provozierend angeschaut" worden. Das habe ihn so sehr gereizt, dass er ein Messer gezogen und zugestochen habe. Die Mutter ist dabei, als ihr Sohn tötet. Inzwischen wurde gegen ihn Haftbefehl wegen Mordes erlassen.

"Viele haben geweint, sie sind traurig über den Verlust eines Freundes"

Willi Wohlfeil verlässt am Mittwochnachmittag als einer der letzten die Schule. Der Ort ist leer, beinahe einsam, ein böiger Wind zieht durch das Wohngebiet, an dessen Ende das schmucklose Gebäude steht. Mit neun Kollegen hat der Notfallseelsorger aus dem benachbarten Unna die Schüler in Gruppen- und Einzelgesprächen betreut. (Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Wohlfeil.)

"Der Redebedarf ist groß", sagt Wohlfeil in einem sanften Ton. "Manche Schüler wollen einfach nur erzählen, andere wollen wissen, wie sicher die Schule überhaupt noch ist." Es sei eine Reise durch sämtliche Gefühlswelten. "Viele haben geweint, sie sind traurig über den Verlust eines Freundes. Andere sind wütend auf den Täter, aber auch wütend auf die Schule. Sie fragen, ob man das nicht hätte verhindern können."

Es gehe vor allem darum, zuzuhören und Informationen zu liefern, sagt Wohlfeil, der immer dann gerufen wird, wenn es eine Krise an einer Schule gibt. Er habe als Seelsorger in vielen schwierigen Situationen gearbeitet, es gab Suizide von Schülern oder den Fall einer Mutter, die ihre zwei Kinder umgebracht hat. Was jetzt in Lünen passiert ist, sei auch für ihn neu, sagt er. "Dass ein Schüler auf dem Schulgelände einen Mitschüler tötet, habe ich noch nicht erlebt." Am Donnerstag werden Wohlfeil und seine Kollegen noch einmal zurückkommen. "Unsere Arbeit ist noch nicht zu Ende."

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