Schulleiter nach tödlicher Messerattacke in Lünen "Ich wurde als Mörder bezeichnet"

Der Direktor der Lünener Käthe-Kollwitz-Gesamtschule sah sich nach einem tödlichen Messerangriff an seiner Schule massiven Bedrohungen ausgesetzt. Reinhold Bauhus sagte dem SPIEGEL, er habe zahlreiche Hassmails erhalten.

Reinhold Bauhus, Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen
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Reinhold Bauhus, Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen

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Der Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen klagt nach dem tödlichen Messerangriff auf seinem Schulflur über die Gewalt unter Jugendlichen. "Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wo die Grenze ist und was passiert, wenn sie überschritten wird", sagte Reinhold Bauhus, 61, im Interview mit dem SPIEGEL.

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Auch früher habe es Prügeleien auf dem Pausenhof gegeben, "aber wenn damals einer am Boden lag, war Schluss. Heute fehlt die Beißhemmung, es müssen auch mal drei, vier Lehrer dazwischengehen und zwei Schüler auseinanderreißen, damit es nicht böse endet."

Die Bluttat in Lünen erregte Aufsehen: Ein 15-Jähriger war im Januar mit seiner Mutter in die Schule gekommen und zückte ein Messer, als ein 14-Jähriger vorbeikam und angeblich provozierend schaute. Das Opfer starb noch in der Schule.

Der Täter habe schlechte Noten gehabt, sagt Bauhus, der Abschluss des Jungen sei in Gefahr gewesen. "Er war respektlos, hielt sich nicht an Regeln. Einmal trat er gegen einen Spind, mehr findet sich in seiner Akte aber nicht. Er hatte an unserer Schule zuvor nie eine körperliche Auseinandersetzung mit anderen", sagt Bauhus im SPIEGEL. (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

"Verstecken Sie lieber schnell Ihre Kinder"

Zwei Schüler hätten die Schule aufgrund der Tragödie verlassen, manche Lehrer würden noch immer Hilfe von Psychologen bekommen. Nach der Tat habe er zahlreiche Hassmails erhalten, in denen er für die Messerattacke verantwortlich gemacht worden sei. "Ich wurde als Mörder bezeichnet, jemand schrieb: Verstecken Sie lieber schnell Ihre Kinder", sagt Bauhus. Er habe daraufhin 30 Anzeigen bei der Polizei gestellt, wegen Beleidigung, Volksverhetzung, Nötigung und Bedrohung.

Zuletzt gab es mehrere tödliche Messerstechereien unter Jugendlichen. In Berlin erstach ein 15-Jähriger seine 14-jährige Mitschülerin in deren Kinderzimmer, in Flensburg wurde eine 17-jährige mit einem Messer getötet, mutmaßlich von einem 18-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. In Dortmund starb eine 15-Jährige nach einer Messerattacke einer 16-Jährigen.

Laut Polizei ist es unter Teenagern zunehmend verbreitet, Stichwaffen bei sich zu tragen. Bauhus ist allerdings dagegen, die Sicherheitsvorkehrungen an Schulen zu verschärfen und beispielsweise Taschen und Rucksäcke der Schüler durchsuchen zu lassen. "Dann passiert so eine Attacke eben außerhalb der Schule oder auf dem Schulweg", sagt Bauhus, "ist das dann besser? Ich will keine Schule, die sich einigelt, die Körperscanner aufstellt und Zäune hochzieht".

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