Kopfschuss bei Polizeieinsatz "Die Person stand nicht auf dem Zettel des MEK"

Eine Spezialeinheit wollte in Mecklenburg-Vorpommern einen Straftäter fassen. Ein Polizist schoss - und traf einen anderen Mann, dieser wurde schwer verletzt. Wie konnte das passieren?

Von Thomas Heise

Polizeieinsatz in Lutheran: "Es soll eine Gefährdungslage gegeben haben"
SPIEGEL TV

Polizeieinsatz in Lutheran: "Es soll eine Gefährdungslage gegeben haben"


Auf der Landstraße 161 in Lutheran, Mecklenburg-Vorpommern, spielten sich am Freitagnachmittag um kurz nach 16 Uhr dramatische Szenen ab. Mehrere Einsatzwagen eines mobilen Einsatzkommandos (MEK) drängten einen schwarzen Dodge RAM von der Straße ab. Der MEK-Trupp war im Auftrag des Landeskriminalamts (LKA) Hamburg unterwegs.

Die Fahnder wollten Nico S. festnehmen. Die Hamburger Rotlichtgröße wurde vor Kurzem wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Er soll, so ein Szenekenner, mit der "Konkurrenz aus Rumänien nicht gerade sanft umgesprungen" sein. Nun wird der 37-Jährige mit Haftbefehl gesucht, weil er nicht zum Haftantritt erschienen war.

In dem schweren amerikanischen Pick-up, der unmittelbar vor einer Fleischerei zum Stehen kam, saß aber nicht Nico S., was die MEK-Beamten offenbar nicht überprüften: Einer der Polizisten soll durch die geschlossene Scheibe dem Fahrer, David A., in den Kopf geschossen haben.

Das LKA selbst will sich zu dem Vorfall nicht äußern und verweist auf die ermittelnde Staatsanwaltschaft Schwerin. Deren Sprecher sagte SPIEGEL TV: "Es soll eine Gefährdungslage gegeben haben, die einen Schusswaffeneinsatz rechtfertigte."

Auf dem Beifahrersitz des Pick-ups saß der Bootsbauer Andy W. Die beiden kamen aus Boizenburg. Sie hatten dort offenbar Dachbleche abgeholt und wollten einen Schuppen für Feuerholz bauen. "Den Dodge RAM hatten sie sich von der Mutter von Nico S. geliehen", so Benjamin Richert, Anwalt von Andy W.

Der schwerverletzte David A. liegt jetzt auf der Intensivstation. Die Ärzte haben ihn ins künstliche Koma versetzt, sein Zustand ist mittlerweile stabil. Er hat aber ein Auge verloren. Im Gesicht des Beifahrers Andy W. ist ein Hämatom zu sehen. Das MEK soll ihn aus dem Auto gezerrt haben, dabei sei W. mit dem Kopf auf die Fahrbahn geknallt, behauptet dessen Anwalt.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin prüft derzeit, "ob Straftatbestände vorliegen". Mehr will der Pressesprecher nicht sagen, nur so viel: "Die verletzte Person stand nicht auf dem Zettel des MEK."



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