Maddies Eltern unter Verdacht Blutspuren im Kofferraum

Die Eltern der verschwundenen vierjährigen Madeleine gelten der portugiesischen Polizei nun als verdächtig. Es ist die Rede von Blutspuren im Mietwagen der McCanns. Nun will das Ehepaar Portugal so schnell wie möglich verlassen - innerhalb von 48 Stunden könnte ihnen eine formelle Anklage drohen.


Portimão - Die Verhöre der vergangenen Tage Stunden müssen hart gewesen sein. Elf Stunden lang wurde Kate McCann am Donnerstag befragt, am darauffolgenden Tag weitere drei Stunden lang. Gestern Nachmittag kam ihr Ehemann Gerry McCann an die Reihe. Nach gut zehn Stunden trat er in der Nacht ins Blitzlichtgewitter vor der Tür der Polizeistation der Policia Judiciaria in Portimão, sichtlich ermüdet. Die Polizei hat die beiden offiziell zu Verdächtigen erklärt - ein in Portugal notwendiger Schritt, um bestimmte, besonders bohrende Fragen zu stellen, mit denen bloße Zeugen dort nicht behelligt werden dürfen.

Nun haben die McCanns die Nase voll von Portugal - einem Freund der Familie zufolge wollen sie das Land so schnell wie möglich verlassen. Monatelang hatte das Ehepaar mit seinen anderen Kindern im Ferienort Praia da Luz ausgeharrt, wo ihre Tochter am 3. Mai verschwunden war. Nun müssen sie noch abwarten, ob formell Anklage erhoben wird oder nicht.

Kate und Gerry McCann haben einen langen Weg hinter sich: Von den bemitleideten Eltern eines verschwundenen Mädchens, die überall in der Welt Sympathie, Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendung fanden, zu "arguidas", offiziell Verdächtigen, die sich Dauerverhören unterziehen müssen, und denen sogar die heimatliche Boulevardpresse langsam mit einer gewissen Skepsis begegnet.

Kate McCann wurde sogar mit Buh-Rufen und Pfiffen begrüßt, als sie die Polizeistation nach dem zweiten Verhör mit versteinertem Gesicht verließ. Medienberichten zufolge wird sie nun verdächtigt, selbst für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein. Sie soll die Leiche des Mädchens zunächst versteckt und später in einem Mietwagen an einen anderen Ort gebracht haben, um sie endgültig zum Verschwinden zu bringen.

Gerry McCanns Schwester Philomena zufolge haben die Ermittler ihrer Schwägerin Kate über ihren Anwalt ein Geschäft angeboten. Wenn sie gestehe, dass sie ihre kleine Tochter versehentlich getötet habe und die Leiche habe verschwinden lassen, käme sie mit einer Strafe von zwei Jahren Haft oder weniger davon, sagte Philoma McCann dem Sender ITV.

Die Stimmung beginnt sich zu drehen

Anfangs hatten sich Stars wie David Beckham oder "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling an die Seite des Ehepaares gestellt und den "Findet Maddie"-Fonds der McCanns mit gewaltigen Spenden unterstützt. 1,5 Millionen Euro sollen bislang zusammengekommen sein. Papst Benedikt XVI. empfing die beiden Ende Mai im Vatikan und segnete ein Foto des verschwundenen Mädchens. Eine Kampagne wurde ins Leben gerufen, mit eigener Webseite und tatkräftiger Unterstützung von PR-Profis. Nun dreht sich der Wind.

In Portugal hat sich die Stimmung längst gegen die beiden gewendet - genährt von einer regelrechten Kampagne der lokalen Boulevardpresse, die immer wieder vermeintliche Hinweise auf eine Verwicklung der Eltern in den Fall präsentierten. Doch nun beginnt sich auch der Tonfall der britischen Berichterstattung zu wandeln. Bislang hatten die Londoner Boulevardblätter stets eher die Ermittlungsarbeit der portugiesischen Polizei und die Berichte der dortigen Medien kritisiert - nun katalogisieren auch "The Sun" und der "Daily Telegraph" die angeblich durchgesickerten Indizien, die für eine Beteiligung der Eltern am Verschwinden des Mädchens sprechen sollen. Ein Kommentator im "Daily Telegraph" fragte rhetorisch: "Hat man wirklich niemals ein gewisses Unbehagen verspürt angesichts ihrer Omnipräsenz in den Zeitungen und im Fernsehen?"

Blutspuren im Kofferraum

In erster Linie geht es bei den neuen Indizien um DNA-Beweise. In einem Auto, das die McCanns erst Wochen nach Madeleines Verschwinden angemietet hatten - kurz bevor sie nach Rom aufbrachen - fanden sich angeblich Spuren von Blut und Haar von Madeleine. Eigens eingeflogene Spürhunde der britischen Polizei sollen die Spuren im Kofferraum des Renault Scenic entdeckt, ein britisches Labor ihre Echtheit bestätigt haben.

Auch nach einer weiteren Theorie sollen die portugiesischen Beamten gefragt haben: Schon vor einiger Zeit hatte ein lokales Boulevardblatt berichtet, die McCanns - beide sind Ärzte - hätten womöglich versucht, ihre Tochter mit einem Sedativum ruhigzustellen, um in Ruhe zum Abendessen gehen zu können. Die "Sun" berichtet, Kate McCann habe zugegeben, ihren Kindern manchmal Schmerzmittel gegeben zu haben, sie habe ihre Tochter aber nicht getötet. Madeleine verschwand nach Darstellung der Eltern, während sie rund 50 Meter entfernt in einer Ferienanlage zu Abend aßen. Ihre drei Kinder hatten die McCanns im Appartement zurückgelassen.

Wurde die Stoffkatze gewaschen?

"The Sun" will außerdem erfahren haben, dass die Polizisten Kate McCann mit neuen Erkenntnissen über das Appartement konfrontiert hätten, aus dem Madeleine verschwunden war. Das Blut des Mädchens sei am Fenster und unter einem Sofa entdeckt worden. Ein Spürhund habe außerdem den "Geruch des Todes" an Kate McCanns Kleidung und an dem Stofftier entdeckt, das einst Madeleine gehörte und das ihre Mutter seitdem fast ständig bei sich trägt. Sie sei auch darüber befragt worden, warum sie die Stoffkatze nach dem Verschwinden ihrer Tochter gewaschen habe. Sie sei beinahe zusammengebrochen, als ihr Anwalt ihr eröffnete, die portugiesischen Behörden hätten nun genügend Indizien, um Anklage zu erheben.

Freunde und Angehörige der McCanns sind erbost und schockiert über die neue Wendung. Kate McCanns Mutter Susan machte der "Sun" gegenüber ihrer Wut Luft: Ihre Tochter solle hereingelegt werden, die portugiesische Polizei versuche, Kate und Gerry den Mord anzuhängen. "Wenn es irgendwelche Beweise gibt, die Kate und Gerry in Verdacht bringen, dann sind diese Beweise absichtlich plaziert worden." Gerry McCanns Schwester Philomena bezeichnete die involvierten Polizisten der "Sun" zufolge als "Schwachsinnige".

"Wir werden dies bis zum Ende durchfechten"

Gerry McCann selbst reagierte im eigenen Weblog empört auf die Tatsache, das sowohl seine Frau als auch er selbst nun offiziell zu den Verdächtigen im Fall Maddie zählen: "Die Unterstellung, dass Kate in Madeleines Verschwinden verwickelt ist, ist aberwitzig", schrieb er. "Jeder, der irgendetwas über den 3. Mai weiß, weiß auch, dass Kate vollkommen unschuldig ist. Wir werden dies bis zum Ende durchfechten und wir werden nicht aufhören, nach Madeleine zu suchen."

Ein Freund der Familie, Clarence Mitchell, teilte unterdessen mit, die Eltern wollten nun so schnell wie möglich aus Portugal abreisen. Nach seinem siebenstündigen Verhör erwarte Gerry McCann, dass der rechtliche Status des Ehepaares in 48 Stunden geklärt sei. Beide hätten schon länger vorgehabt, Südportugal zu verlassen, wo sie sich seit dem Verschwinden ihrer Tochter meistens aufgehalten haben. "Sie wollen ihren Namen wieder reinwaschen."

Gerry McCanns Bruder John sagte laut dem "Daily Telegraph": "Es scheint sehr unplausibel, dass Madeleine nach all den Suchaktionen heimlich in einen Mietwagen hätte verfrachtet werden können. Ich verstehe das nicht, es ergibt keinen Sinn."

cis/dpa/AP/rtr



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