Madeleines verzweifelte Eltern Hoffen, beten, warten

Der Urlaub in Portugal wurde für die Eltern der kleinen Madeleine zum Alptraum: Seit elf Tagen ist die Vierjährige spurlos verschwunden, die Ermittler stehen vor dem Nichts. Die Zeit der Ungewissheit stehen die McCanns gefasst durch - mit Unterstützung Tausender Helfer.


Hamburg - "Bitte sucht weiter! Betet weiter! Bitte helft, Madeleine heimzubringen!" Es ist der verzweifelte Ruf zweier Menschen, die um das Leben ihres Kindes bangen. Gerry und Kate McCann klammern sich an jede noch so kleine Hoffnung, dass es ihrer Tochter Madeleine, die sie Maddie nennen, gut geht.

Die Vierjährige ist am 3. Mai aus einer Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz an der Atlantikküste verschwunden, während die Eltern in einer 50 Meter entfernten Tapas-Bar der Anlage zu Abend aßen. Das Apartment befindet sich in dem beliebten Ferienparadies "Ocean Club". Maddie war nicht alleine, auch ihre Geschwister, ein zweijähriges Zwillingspaar, hatten die Eltern dort zurückgelassen.

Allerdings hatten sie von dem Lokal aus Blick auf die Eingangstür ihrer Ferienwohnung. Außerdem hätten sie alle 30 Minuten nach den schlafenden Kindern gesehen, sagen Gerry und Kate McCann. Um 22 Uhr fand die Mutter nur noch die Zwillinge Amelie und Sean friedlich schlafend vor. Von Madeleine fehlt seither jede Spur. Der oder die Kidnapper müssen durch ein hinteres Fenster in die Wohnung eingedrungen sein. Es stand offen, als Kate McCann feststellte, dass Maddie fehlte.

Ihre Eltern, beide von Beruf Ärzte, treten gefasst vor die Fernsehkameras, sprechen auch Tage nach dem Unfassbaren noch ruhig mit den Reportern von "Sky News", "BBC", einheimischen und britischen Zeitungen wie "The Guardian" und "Daily Telegraph".

"Wir gehen davon aus, dass es Maddie gut geht"

Das Ehepaar McCann ist katholisch und findet Halt in seinem Glauben. In einer kleinen Kirche in Praia da Luz beten die beiden für ihre vermisste Tochter. 300 Gläubige stehen ihnen zur Seite, versuchen, ihnen in diesen schweren Stunden Halt zu geben. Der Pfarrer, der sie 1998 traute und Madeleine vor mehr als drei Jahren taufte, fliegt von Großbritannien zur Unterstützung der Familie nach Portugal.

"Um die ganzen Spekulationen aus unserem Kopf herauszubekommen, versuchen wir, nach vorne zu blicken", sagt Gerry McCann, seine Frau Kate fest an der Hand haltend. "Wir gehen davon aus, dass es Maddie gut geht, dass sich jemand um sie kümmert - nur so können wir die derzeitige Situation ertragen."

Ein Angestellter der Tapas-Bar habe der Version, wonach die Eltern alle halbe Stunde nach ihren Kindern geschaut hätten, widersprochen, berichtet die Zeitung "Diario de Noticias". Die Ermittler schließen dennoch aus, dass das Ehepaar mit dem Verschwinden seiner Tochter etwas zu tun hat. Mehrere Stunden lang waren sie vernommen worden.

Madeleines Kuscheltier trägt die Mutter immer bei sich

Die beiden 38-Jährigen wollen so lange in Portugal bleiben, "wie es dauert", zitiert "The Sun" das Ehepaar, das sich in seiner verzweifelten Sorge immer wieder zu zweit an den Strand zurückzieht. "Ich kann im Moment nicht einmal daran denken heimzufahren", so Gerry McCann. Seine Frau Kate hat in Verbundenheit zu ihrer vermissten Tochter ein gelbes Band um ihren blonden Pferdeschwanz gebunden. Das Lieblingsstofftier der Kleinen, eine Kuschelkatze, trägt sie ständig bei sich.

Der Ermittlungsstand der Polizei liegt bei Null. Britische Fernsehreporter berichten, dass die Ermittler mit ihrer Suche noch immer am Anfang stünden, da es keine Spur gibt, die sie aufnehmen könnten. "Wir hatten mehrere Hinweise, sind ihnen nachgegangen - aber ohne Erfolg", zitiert die "Sun" Chefermittler Oligario Sousa.

Auch Freunde der Familie werden von portugiesischen Ermittlern befragt, berichtet "The Guardian" - nicht als Verdächtige, sondern um noch einmal alle Details abzufragen, in der Hoffnung, man habe einen winzigen Hinweis übersehen oder nicht ernst genug genommen. Eine portugiesische Zeitung spekuliert laut "n-tv", dass Maddies Entführer aus dem Umfeld ihrer Eltern stammen.

Die Zeitung "24 Horas" zitiert wiederum Fahnder, die behaupten, dass das Kind nach Nordafrika verschleppt worden sei, um dort verkauft zu werden. "Kinder mit dem Aussehen Madeleines sind in arabischen Ländern sehr gefragt", zitiert das Blatt einen Beamten der Kriminalpolizei.

Prominente sammeln Rekordsumme von 3,7 Millionen Euro

Prominente spendeten Geld für die Suche nach der entführten Madeleine. So die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling, deren Tochter nicht weit von dem Ort, in dem Madeleine entführt wurde, geboren worden ist. Auch der schottische Wellness-Hotel-Besitzer Stephen Winyard, Virgin-Chef Richard Branson und der englische Nationalkicker Wayne Rooney sammelten Geld. Bisher kamen insgesamt 3,7 Millionen Euro zusammen. Allein 2,2 Millionen Euro kommen von der Sonntagszeitung "News of the World".

"Wir freuen uns über diese Spenden", sagt Gerry McCann. "Aber sie bereiten uns auch Probleme." Denn noch sei unklar, wie das gespendete Geld eingesetzt werden soll. Daher hätten er und seine Frau Anwälte damit beauftragt, das Geld zu verwalten.

Viele Briten tragen derzeit gelbe Schleifchen an Anstecknadeln am Revers - Ausdruck ihres Beistandes und tröstendes Zeichen der Solidarität. Die Fußballer Cristiano Ronaldo und David Beckham appellierten im Fernsehen an die Bevölkerung, sich an der Suche nach Maddie zu beteiligen.

"Everton"-Fans schwangen Transparente für Maddie

Spieler des Fußballvereins FC Everton trugen bei ihrem gestrigen Spiel im Stadion weiße Langarm-Shirts, auf die sie ein Bild von Maddie gedruckt hatten. Darüber stand: "Bringt uns unsere Maddie sicher zurück!" Auf den Zuschauertribünen wehten Transparente und Fahnen mit ähnlichen Aufschriften.

Das Verschwinden der kleinen Madeleine sorgt auch in Portugal für viel Aufregung: Hunderte von Kilometern entfernt hängen Fahndungsplakate des blonden Mädchens mit den großen blauen Augen, aus dem Internet heruntergeladen und von Privatpersonen aufgehängt.

Madeleines Onkel John in Glasgow warnte die Entführer seiner Nichte: "Ihr könnt fliehen, aber Euch nicht verstecken. Wir werden mit unsrer Suche erst aufhören, wenn wir Madeleine gefunden haben."

jjc



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