Mafia-Enthüllungsbuch "Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!"

Kaum ein anderer hat so akribisch beschrieben, wie die Mafia arbeitet, mordet - und davonkommt. Roberto Saviano recherchierte jahrelang verdeckt in Neapels Camorra, wird nun von Killern bedroht. Das Massaker von Duisburg verleiht seinem Buch, das jetzt in Deutschland erscheint, neue Brisanz.

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Hamburg - Es gibt eine erschütternde Episode in diesem an erschütternden Episoden so reichen Buch, die vielleicht einen Hinweis darauf gibt, warum nun vor einer Pizzeria im Herzen des Ruhrgebiets sechs Menschen in einer Mafia-Fehde hingerichtet wurden. Sie beginnt mit einem ausgebrannten Auto. Darin liegt die verkohlte Leiche einer Frau: Gelsomina Verde, "Mina" genannt, 22. Sie wurde gefoltert und mit einem aufgesetzten Kopfschuss exekutiert, weil sie sich mit dem falschen Mann eingelassen hatte.

Schriftsteller Saviano: "Die Clans müssen zuschlagen"
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Schriftsteller Saviano: "Die Clans müssen zuschlagen"

Für einige Monate hatte sich Verde mit Gennaro Notturno getroffen, einem kleinen Licht in der großen kriminellen Organisation der neapolitanischen Camorra. Eines Tages, als die beiden schon kein Paar mehr waren, beging Notturno einen folgenschweren Fehler. Er lief zu einer anderen Bande über - und besiegelte damit sowohl sein Schicksal als auch das seiner Ex-Freundin.

"Gennaro war zum Tode verurteilt", schreibt der italienische Schriftsteller Saviano in seinem Beststeller "Gomorrha", der am 25. August in der deutschen Übersetzung erscheinen wird. "Er hatte sich aber irgendwo verstecken können." Der Mafioso habe es allerdings nicht für nötig gehalten, seine frühere Freundin zu schützen. Er hatte keinen Kontakt mehr zu ihr. "Aber die Clans müssen zuschlagen, und die Menschen werden für sie Teil einer Karte, auf der Freundschafts-, Verwandtschafts- und sogar Liebesbeziehungen eingezeichnet sind. Auf diesen Karten werden Botschaften verschickt, auch die schlimmsten. Man muss strafen. Wenn jemand straflos davonkommt, erwächst daraus die Gefahr des Verrats, die Möglichkeit neuer Spaltungen", schreibt Saviano.

Der 28 Jahre alte Autor, Sohn eines Arztes, stammt aus einem Städtchen in der Nähe Neapels, in der man noch weitaus selbstverständlicher Mafioso ist als auf einem deutschen Dorf Mitglied eines Schützenvereins. "44 Prozent der Einwohner von Casal de Principe haben eine Vorstrafe wegen Paragraf 416/2: Bildung einer mafiösen Vereinigung", sagte der Schriftsteller unlängst dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung".

Hart, lässig, skrupellos

Die Camorristi sind in der Region Kampanien Vorbilder. Die jungen Männer eifern ihnen nach, während die jungen Frauen glauben, so müssten richtige Männer sein: hart, lässig, skrupellos. Auch den jungen Saviano beeindrucken die dubiosen Typen, doch als in seinem unmittelbaren Umfeld plötzlich getötet und gestorben wurde, beschloss der junge Mann, die Camorra lieber verstehen zu wollen, als sich ihr anzudienen.

Er arbeitete verdeckt als Hafenarbeiter in Neapel, half Schmuggelware an Land zu bringen, zog mit den Dealern durch die Vororte und tat sich in den Fabriken und Firmen der Clans um. Das Resultat dieser jahrelangen Mühen ist überaus lesenswert. Saviano versteht es, die traurigen Tatsachen und schwerwiegenden Fakten, destilliert aus Akten, Protokollen, Gesprächen und Beobachtungen, im Stil eines Mark Bowden so meisterhaft zu arrangieren, dass daraus eine fesselnde Erzählung entsteht. In Italien wurden schon 800.000 Exemplare des Buches verkauft. Plötzlich ist die Camorra, die sich ansonsten sehr bemüht, im Stillen ihren schmutzigen Geschäften nachzugehen, wieder in aller Munde. Saviano ist ein Star.

Wer "Gomorrha" liest, wird vielleicht eher verstehen, wie die Mafia funktioniert, wie abenteuerlustige Teenager zu mitleidslosen Verbrechern heranwachsen, die "der Zauberer" oder "der Bulle" genannt werden, wie sie Drogen verkaufen, Gelder waschen, Modeartikel fälschen, Müllberge verschieben und Menschen schleusen, töten, in Salzsäure auflösen - und vor allem wird man ein Gefühl dafür bekommen, wie eng Politik, Wirtschaft und Verbrechen in Kampanien und sicherlich auch anderswo miteinander verzahnt sind.

Es geht um Geld

Saviano schreibt: "Ich bin geboren im Land Camorra, wo mehr Menschen ermordet werden als irgendwo sonst in Europa, wo Geschäftemacherei und brutale Gewalt unauflöslich miteinander verbunden sind und nur das einen Wert besitzt, was Macht verspricht." Denn im Grunde geht es, allen Überhöhungen der Organisierten Kriminalität, allen Legenden um "Scarface", allen geheimen Ritualen und mystischen Bünden zum Trotz, nur um eines: Es geht um Geld. So einfach ist das.

Für Roberto Saviano jedoch geht es seit der Veröffentlichung seines Werkes um weitaus mehr als das. Sein Leben ist in Gefahr. Ein Clan der Camorra will ihn umbringen lassen. Saviano wird seither auf Schritt und Tritt von zwei Carabinieri bewacht. Er wechselt alle zwei Tage seinen Aufenthaltsort, fährt im gepanzerten Wagen, sieht seine Freunde nur noch selten und geht nicht mehr alleine vor die Tür.

Er lebt wie ein flüchtiger Verbrecher - im Untergrund.

Seinen Häschern widmete der Untergetauchte jedoch den letzten Satz in seinem Buch: "Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!"


Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. Carl Hanser Verlag, 2007; 368 Seiten; 21,50 Euro; erscheint am 25. August.

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