Organisierte Kriminalität Warum es die Mafia nach Deutschland zieht

Die Mafia findet in Deutschland günstige Bedingungen für illegale Geschäfte. Die deutsch-italienische Politikerin Laura Garavini erklärt die Hintergründe und fordert härtere Maßnahmen.

Mafia-Morde in Duisburg (im Jahr 2007)
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Mafia-Morde in Duisburg (im Jahr 2007)

Ein Interview von


Zur Person
    Laura Garavini, 50, lebt in Berlin, sitzt aber für die Demokratische Partei im römischen Parlament und vertritt sie im Anti-Mafia-Ausschuss. In der deutschen Hauptstadt gründete sie gemeinsam mit italienischen Restaurantbesitzern die Initiative "Mafia? - Nein Danke".

SPIEGEL ONLINE: Der Autor des Mafia-Thrillers "Gomorrha", Roberto Saviano, hat Deutschland kürzlich als ein Eldorado für Mafiosi bezeichnet. Hat er recht?

Garavini: Die organisierte Kriminalität Italiens, allen voran die 'Ndrangheta aus Kalabrien, arbeitet inzwischen wie ein multinationaler Konzern. Sie investiert ihre Milliarden aus Drogenhandel, Waffenhandel und Erpressung dort, wo die Bedingungen am günstigsten sind: Also dort, wo die Profite am höchsten und das Risiko der Entdeckung am geringsten sind. Und das ist in Deutschland der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Garavani: Mafia-Strukturen fallen hierzulande kaum auf. Deutschland ist der Rückzugsraum und der Ort, um Geld zu waschen. Gemordet wird zu Hause. Ein Blutbad wie 2007 in Duisburg, als sich verfeindete 'Ndrangheta-Clans eine wilde Schießerei mit sechs Toten lieferten, ist die Ausnahme. Der normale Bürger in Deutschland erlebt die Mafia kaum als direkte Bedrohung. Und man neigt deswegen dazu, das Problem zu unterschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Politiker und Strafverfolgungsbehörden?

Garavani: Da muss man differenzieren. Bei der Polizei gibt es nach den Morden von Duisburg eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien. Auch deswegen sind die Mitglieder von Mafia-Clans, die hier leben, den deutschen Behörden inzwischen weitgehend bekannt. Allerdings gibt es keine Anti-Mafia-Gesetze wie in Italien, wo allein die Zugehörigkeit zu einem Clan reicht, damit Telefongespräche oder Internetkommunikation abgehört werden können. In diesem Punkt gibt es Nachholbedarf.

Laura Garavini
picture alliance / dpa

Laura Garavini

SPIEGEL ONLINE: Die Unverletzlichkeit der Wohnung und der Datenschutz sind ein hohes Gut und dürfen nur eingeschränkt werden, wenn der Verdacht auf schwere Straftaten vorliegt. Bei den hier lebenden Mafiosi gelingt es den Behörden aber selten, eine solchen Tatverdacht zu begründen.

Garavani: Weil mit zweierlei Maß gemessen wird. Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors sind solche Maßnahmen zulässig. Die Staatsanwaltschaft kann jemanden anklagen, weil er Mitglied des "Islamischen Staates" ist. Das müsste genauso für 'Ndrangheta-, Camorra oder Cosa-Nostra-Angehörige gelten. Denn wir wissen aus verschiedenen Ermittlungen, dass es inzwischen eine Zusammenarbeit zwischen international operierenden Terrorgruppen und Mafia-Clans gibt.

SPIEGEL ONLINE: In Italien konfiszieren die Behörden regelmäßig Mafia-Besitz, etwa Immobilien, Luxusautos, Bargeld und Wertpapiere. Das Vermögen im Ausland, auch in Deutschland, bleibt meist unangetastet. Wie kann sich das ändern?

Garavani: Wir brauchen zumindest europäische Standards bei der Beschlagnahme von Mafia-Vermögen. Auch hier tut sich Deutschland schwer. Das hat vielleicht auch historische Gründe. Jemandem Besitz wegzunehmen, weckt Erinnerungen an die DDR. Da gibt es Hemmungen, entsprechende Gesetze zu ändern. Doch die Erfahrungen in Italien zeigen, dass der präventive Vermögensentzug eines der wirksamen Mittel im Kampf gegen die Mafia ist.

Kampf gegen die Mafia
Mafia-Killer Giovanni Rossi

Die Fragen stellte Andreas Wassermann



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