Internationale Razzia Warum Fahnder sich auf die 'Ndrangheta konzentrieren

Es ist der größte Ermittlungskomplex in der Geschichte des BKA: Hunderte Ermittler gehen gegen die 'Ndrangheta vor, eine der mächtigsten kriminellen Organisationen der Welt. Die Hintergründe zur kalabrischen Mafia.

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Ermittler durchsuchten Dutzende Wohnungen, Büros oder Restaurants: Mit einer international koordinierten Aktion gehen Polizisten in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Spanien und Belgien gegen die italienische Mafia vor.

In Deutschland sind unter Führung des Bundeskriminalamtes (BKA) mehrere Hundert Polizisten beteiligt, unter anderem Spezialkräfte der Antiterroreinheit GSG 9. Das Verfahren richtet sich namentlich gegen 47 Beschuldigte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten Restaurants und andere Firmen in Deutschland betreiben. Knapp 20 Haftbefehle sollen vollstreckt werden, es gab international Dutzende Festnahmen, unter anderem wegen des Verdachts auf Kokainhandel und Geldwäsche.

Durchsucht wurde am Morgen unter anderem eine Pizzeria in Pulheim bei Köln, eine Eisdiele in Viersen sowie ein Café im Zentrum von Duisburg. Der Aktion gingen jahrelange Ermittlungen voraus: Bei der Polizei Köln arbeitet seit 2016 die Sonderkommission "Falabella". Insgesamt gibt es drei Ermittlungsverfahren in Deutschland: vom BKA und der Staatsanwaltschaft Duisburg, vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen und der Staatsanwaltschaft Duisburg sowie von der Polizei Köln und den Staatsanwaltschaften Köln und Aachen.

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Organisierte Kriminalität: Großrazzia gegen die Mafia

Die europaweite Aktion läuft im Rahmen eines Joint Investigation Teams, einer länderübergreifenden Ermittlungseinheit aus Deutschland, Italien und den Niederlanden unter Koordination der europäischen Justizbehörde Eurojust.

Im Fokus der Razzien steht die 'Ndrangheta, von der Bundesregierung als "bedeutendste Gruppierung" des organisierten Verbrechens in Deutschland eingestuft. Mitte 2017 hatte die Mafia-Organisation hierzulande demnach 333 Mitglieder, verteilt auf 51 Clans.

Keimzelle San Luca

Einer davon ist der Romeo-Clan, dem die Verdächtigen zugerechnet werden. Er gehört zu den mächtigsten Mafiafamilien und stammt aus San Luca, einem Ort mit rund 5000 Einwohnern am Rand des Aspromonte-Gebirges in Kalabrien. Die Region an der Spitze des italienischen Stiefels ist eine der ärmsten Italiens.

Rund 40 verschiedene Familienclans gibt es laut Ermittlungsbehörden in dem Dorf, die sich in zwei Gruppen teilen und untereinander verfeindet sind: Strangio-Nirta und Pelle-Romeo. Durch ihren Konkurrenzkampf starben viele Menschen.

Erst nach den Morden von Duisburg 2007, als sechs Angehörige des Romeo-Clans beim Verlassen des Lokals "Da Bruno" getötet wurden, erreichten die Bosse im nahegelegen Kloster von Polsi einen Frieden, zumindest einen Waffenstillstand. Die Mörder sitzen, dank deutscher Ermittler, in Haft. Die Ermittlungen schadeten dem Geschäft.

Hinweise auf kriminelle Geschäfte der Clans aus San Luca in Deutschland finden sich in BKA-Analysen genug: Falschgeld, Waffen- und Drogenhandel, Betrug, zudem enge Kontakte zu Verdächtigen in den Niederlanden und Belgien bis hin zu Drogenhändlern in Kolumbien. Doch bislang fehlten stichhaltige Beweise. Nun, nach den groß angelegten Razzien, könnte sich das ändern.

Anfang der Neunzigerjahre zogen laut Bundeskriminalamt viele Bewohner aus San Luca nach Deutschland, zunächst nach Duisburg und Umgebung, wo sie mehr als 50 Restaurants, Bars und Diskotheken eröffneten. Sie waren höfliche und charmante Gastgeber. Unauffällig bauten sie Deutschland zum Stützpunkt aus, vor allem das Ruhrgebiet und später Sachsen.

Im Video: Die Ndrangheta - Leben im Schatten der Mafia

Viele Firmen wurden von mittellosen Männern gegründet, die dafür Kredite aufnahmen, die - wie Ermittler vermuten - teilweise mit Geldern aus kriminellen Geschäften abbezahlt werden. So kann Geld gewaschen werden. Die 'Ndrangheta verfügt über ein Netzwerk von Stützpunkten in der gesamten westlichen Welt, von Europa über Australien, die USA und Südamerika, wo das Kokain produziert wird.

San Luca gilt als die Mutter der 'Ndrangheta, ohne Zustimmung von dort darf kein kalabrischer Clan außerhalb seines Gebietes agieren. Für die Polizei gilt San Luca als "rechtsfreier Raum". Im vergangenen Jahr wollte niemand für das Amt des Bürgermeisters kandidieren.

"Die Bewohner des Dorfes wurden bekannt durch Raub, Entführungen und Rauschgifthandel", heißt es in einem Bericht. Razzien sind fast unmöglich, weil der Ort nur durch eine lange, schmale Bergstraße zu erreichen und jedes Auto schon kilometerweit zu sehen ist. Die Häuser sind vielfach noch unverputzt.

Die vordergründige Ärmlichkeit des Orts täuscht darüber hinweg, dass hinter den bröckelnden Fassaden reiche Mafiabosse leben, teils in versteckten Räumen, die nur durch Geheimgänge zugänglich sind. Der jährliche Umsatz der 'Ndrangheta im Kokainhandel beträgt nach italienischen Schätzungen mehrere Milliarden Euro.

Mehr als 150 Männer aus San Luca leben in Deutschland, gut ein Drittel wird einem Mafiaclan zugerechnet. Auch ein führendes Mitglied, Antonio Pelle, genannt "La Mamma", hielt sich lange in Duisburg auf. Er wurde nach den Morden vor dem "Da Bruno" in Italien verhaftet und entkam auf seltsam ruhige Art: mit einer Überdosis Schlankheitspillen täuschte er eine Krankheit vor, wurde ins Krankenhaus verlegt und spazierte von dort 2011 unbehelligt in die Freiheit. 2016 wurde er erneut festgenommen. Pelle hatte sich in einem Bunker versteckt, dessen Eingang von einem Schrank verdeckt wurde.

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