Mafia-Prozess in Boston: "Ich schoss ihm ins Herz"

Aus Boston berichtet

Gangster Johnny Martorano (2008): "Der Schlächter aus der Basin Street" Zur Großansicht
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Gangster Johnny Martorano (2008): "Der Schlächter aus der Basin Street"

Zwei böse Greise vor Gericht: Der legendäre Gangsterboss James "Whitey" Bulger muss sich wegen 19 Morden verantworten. Johnny Martorano, der "Schlächter aus der Basin Street", sein einstiger Vollstrecker und jetziger Erzfeind, belastet ihn schwer. Ein filmreifes Spektakel.

Der Killer ist in die Jahre gekommen. Schnaufend durchquert Johnny Martorano den Gerichtssaal und sackt in den Zeugenstand. Seine Miene ist gequält, widerwillig, sein Blick nach unten gerichtet. "Morgen", brummt er, das "Guten" spart er sich. Das, was er hier zu erzählen hat, ist alles andere als gut.

Johnny Martorano, 72, ist auch noch unter anderen Namen bekannt. Etwa "Der Henker". Oder "Der Schlächter aus der Basin Street". 20 Morde hat er gestanden, eine beliebige Zahl, in Wahrheit waren es viel mehr. So viele, dass er am Ende selbst keinen Überblick mehr hatte.

Es wird mucksmäuschenstill. Dies ist der Moment, auf den sie alle warten. Der Moment der Wahrheit. Zumindest der Wahrheit, wie ein eiskalter Killer wie Johnny Martorano sie sieht.

Der Kronzeuge meidet den Blick des Angeklagten. Sie waren mal beste Freunde. "Partners in crime", wie Martorano ohne jeden Anflug von Ironie sagt: Komplizen im Leben und im Geschäft. Dann kam ein Verrat, "es brach mir das Herz", seither sind sie Erzfeinde, und nun folgt die Stunde der Abrechnung.

Der Ex-Gangster und sein Ex-Vollstrecker

Der Angeklagte ist James "Whitey" Bulger, 83, Bostons legendärer Gangsterboss der siebziger und achtziger Jahre. Nach 16-jähriger Flucht ging er den Fahndern 2011 ins Netz, seit voriger Woche wird ihm der Prozess gemacht: Erpressung, Drogenhandel, Geldwäsche, Raub, illegaler Waffenbesitz und was sonst noch alles so dazugehört zum organisierten Verbrechen.

Und natürlich, nicht zu vergessen, 19 Morde.

Als erster Belastungszeuge der Anklage soll Martorano ihn nun ans Messer liefern. Ihm diese Morde anhängen wie einen Betonklotz, der ein Mafia-Opfer ins nasse Grab zieht. Im Gegenzug musste er selbst nur zwölf Jahre für die Morde absitzen.

Es ist ein filmreifes Bild: Der Ex-Gangster und sein Ex-Vollstrecker, vereint in Saal 11 des Bostoner US-Bezirksgerichts, im wohl letzten großen Prozess ihrer Branche. Beide sind zu Greisen reduziert, zu Schatten ihrer selbst.

Der gedrungene Bulger - die reale Vorlage für Jack Nicholsons Schurke im Kinothriller "Departed - Unter Feinden" (2006) - sitzt wie versteinert da. Martorano trägt eine dicke Brille und hört schlecht. "Wie bitte?", nuschelt er oft.

Schreckensherrschaft über Boston

Staatsanwalt Fred Wyshak steuert ihn mit Fragen durch eine Darstellung seiner blutigen Karriere. Martorano erfüllt die Pflicht als larmoyanter Buchhalter: Eine Hinrichtung nach der anderen lässt er Revue passieren - eine Schreckensherrschaft, die Boston bis heute bannt, ausgeführt mit der Mentalität von Berufskillern, in aller Banalität ausgebreitet.

Sie waren unzertrennlich: Martorano, Bulger und Bulgers rechte Hand, Stephen "Rifleman" Flemmi, der später ebenfalls für die Anklage aussagen soll. Erst nach seiner Verhaftung 1995 erfuhr Martorano, dass seine engsten Freunde nebenher FBI-Informanten waren.

"Sie brachen jedes Vertrauen", erinnert er sich an seinen Schock damals. "Jede Loyalität." Und das besiegelte das Ende des Mörder-Trios.

Gemeinsam terrorisierten sie Boston, von Kneipen aus, die Luigi's hießen, Sugar Shack und Basin Street Club. Mehrere Gangs stritten um die Herrschaft, es waren blutige Revierkämpfe, bis Bulgers Winter Hill Gang siegte. Wer im Weg stand, überlebte nicht. Das Motto, so Martorano: "Macht mit uns Geschäfte - oder macht gar keine Geschäfte."

Anfangs arbeitete Martorano auf eigene Faust. Assistiert von Staatsanwalt Wyshak, rezitiert er seine Opfer wie Stationen eines Lebenslaufs. Bobby Palladino: 15. November 1966. Johnny Jackson: 28. September 1966. Herbert Smith: 6. Januar 1968. Ronald Hicks: 19. März 1969.

"Er war der Falsche?"

Später mordete er, wie er behauptet, im Verbund mit Bulger. Zum Beispiel Al Notarangeli: Martorano beschreibt, wie er den Rivalen 1974 im Auftrag Bulgers in eine Falle gelockt und umgebracht habe: "Ich schoss ihm ins Herz." Bulger habe Flankenschutz geleistet.

Zuvor mussten aber noch zwei Unschuldige sterben, die Martorano fälschlicherweise für Notarangeli hielt. Darunter Barkeeper Michael Milano: "Er war der Falsche?", fragt Wyshak. "Der Falsche", murmelt Martorano ungerührt.

Auch da sei Bulger mit dabei gewesen - wie beim Mord an Notarangelis Bruder Joe: Den erschoss Martorano 1973. James O'Toole, einen weiteren Gegner, hätten sie auf offener Straße erledigt: "Er stand hinter einem Briefkasten, ich lehnte mich darüber und schoss."

So geht es weiter, einer nach dem anderen. Bulger habe die Entscheidung als Anführer stets abgesegnet und meist auch mitgemacht.

Am Ende reicht der Verhandlungstag nicht aus. An diesem Dienstag soll Martorano seine Aussage fortsetzen, auch im Kreuzverhör der Verteidigung, die ihn als unglaubwürdigen Verräter darstellen will. Als er den Gerichtssaal verlässt, würdigt Bulger ihn keines Blickes.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Die Vorlage von Departed...
mulili 18.06.2013
war allerdings eher der chinesische Film "Internal Affairs"!
2.
MaHatMaGlückMahatmaGhandi 18.06.2013
Zitat von muliliwar allerdings eher der chinesische Film "Internal Affairs"!
Hallo mulili, habe gerade mal in Wikipedia nachgesehen, wenn es dort richtig beschrieben ist, waren sowohl der von ihnen benannte Film Vorlage für "Departed − Unter Feinden", als auch Hr. James Bulger Vorlage aus der Realität. Hier der link: Departed (http://de.wikipedia.org/wiki/Departed_%E2%80%93_Unter_Feinden) Zitate daraus: 1) "Die von Jack Nicholson dargestellte Figur ist nach dem New Yorker Gangsterboss Frank Costello der 1930er Jahre benannt. Vorlage für Nicholsons Rolle war dagegen der Gangsterboss James J. Bulger." 2) "... Im Grunde behandelt Scorsese seine chinesische Vorlage, ..." 3) "... Er hat die Hongkonger Vorlage ins Milieu ..." Insofern hat der Journalist, der diesen Bericht geschrieben hat, durchaus recht, aber ggf. könnte man diesen Bericht als nicht ganz vollständig bezeichnen. Und sicherlich holen Filmschaffende oder auch andere Menschen Ihre Inspiration aus vielen unterschiedlichen Quellen. Mit freundlichen Grüßen aus der schönsten Stadt dieses und aller Paralleluniversen, nämlich aus Köln, wohin auch immer...;-)2222
3. Ohne jetzt klugschssn zu wollen,
Pale 18.06.2013
aber die Hong Kong Film-Reihe hieß "Infernal Affairs" 1-3.
4. Nun mal zur Sache!
verruggt 18.06.2013
Da ereifern sich "Filmkenner" über Vorlage oder nicht Vorlage... Hey, hier geht es um mehrfache Morde, und das in Amerika, wo schon viel kleinere Gangster in die Todeszelle kommen. Ist das Euer Versuch, Gefühle auszuschalten?
5. Was ich nicht verstehe...
000.Zulu 18.06.2013
...warum gewähre ich einem 72 Jahre alten Mann, für beinah unzählige Morde, der auch gerne Kollateralschäden in kauf nimmt, einen Deal für 12 Jahre Gefängnis, um einen 81 Jahre alten anderen Verbrecher lebenslang (lol?) hinter Gitter zu bringen? Den übergeordneten gesellschaftlichen Vorteil hätte ich mal gerne erklärt bekommen...
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