Mafiaprozess "Verdammt, ich habe einen explosiven Sitzplatz!"

Neun mutmaßliche Mafiosi stehen in Karlsruhe vor Gericht - der Vorwurf: Drogen, Waffenhandel, Mordversuch. Kooperieren Cosa Nostra und 'Ndrangheta nun auch in Deutschland?

Das Landgericht Karlsruhe ist nur Gastgeber für den Prozessauftakt, später geht es in Konstanz weiter
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Das Landgericht Karlsruhe ist nur Gastgeber für den Prozessauftakt, später geht es in Konstanz weiter

Von Margherita Bettoni und Sandro Mattioli


Bevor er überhaupt beginnt, sprengt dieser Prozess den Rahmen: Neun Angeklagte stehen vor Gericht, erst nach 67 Prozesstagen soll ein Urteil gesprochen werden. Die Gerichtsräume in Konstanz sind zu klein, eine eigens hergerichtete ehemalige Firmenkantine ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Deswegen wird der Prozess an diesem Freitag in Karlsruhe eröffnet.

Wofür der Aufwand? Die Anklagepunkte lauten unter anderem: Drogenhandel im großen Stil, Waffenschmuggel, einem Angeklagten wird auch versuchter Mord vorgeworfen.

Dabei beginnt die Vorgeschichte harmonisch. Massimiliano B. und seine Frau wollen im Juni 2016 gemeinsam eine Hochzeit in Italien besuchen, wie man im italienischen Haftbefehl lesen kann. B. reist in einem Transporter seines Geschäftspartners Placido A.

Überwachungskamera zeigt die Schmuggler bei der Arbeit

Doch an der Hochzeitsfeier nimmt er nicht teil. Als seine Fähre im Hafen von Palermo ankommt, wird Massimiliano B. von der Guardia di Finanza, der italienischen Finanzpolizei, festgenommen.

Die zerlegt den Sprinter in viele Einzelteile und findet im Rücksitz schließlich das, wonach sie gesucht hat: Eine Pistole Kaliber 357 und mehrere Packungen passender Munition. Und nein: Die Waffen haben nicht Unbekannte in den Wagen geschmuggelt.

Überwachungsaufnahmen der Polizei im schwäbischen Tuningen, wo die Reise begonnen hat, zeigen B. beim Verstecken der illegalen Fracht. In der Aufnahme hören die Beamten Placido A. sagen: "Hier kannst du tun und lassen, was du willst, hier sind wir sicher." Massimiliano B. scherzt noch: "Verdammt, ich habe einen explosiven Sitzplatz!"

Die Gruppe um Placido A. stand schon länger unter Beobachtung. Nicht wegen Waffenschmuggels, sondern weil sie mit Drogen handelte. Im Jahr 2015 hatten italienische Sicherheitskräfte von Kollegen in den USA einen Tipp über eine Drogenlieferung aus der Türkei bekommen. Bei den Ermittlungen stießen sie auf eine weitere Gruppe mutmaßlicher Drogenhändler. Ihr mutmaßlicher Kopf: Placido A.

Kooperieren die Cosa Nostra und 'Ndrangheta?

Der Mann stammt aus Sizilien und war ohne großes Vermögen im Jahr 2007 nach Deutschland ausgewandert. Seither hatte er es zu zwei Restaurants in Villingen-Schwenningen und Rottweil gebracht. Die Gruppe um Placido A. soll mehr als 200 Kilogramm Marihuana und auch Kokain durch Europa transportiert und mit dem Stoff gehandelt haben. Vor Gericht wird nun auch ein Mann stehen, der in diesem Zusammenhang 2017 auf eine Gaststätte in Baden-Württemberg geschossen haben soll. Hier lautet die Anklage auf Mordversuch.

Schon jetzt haben die Ermittlungen zu einem weiteren interessanten Ergebnis geführt: Die Gruppe um Placido A. soll den Ermittlern zufolge eine albanische kriminelle Organisation als Lieferant für Drogen eingesetzt haben. Nachdem diese Quelle ausfiel, sollen Placido A. und seine Leute den Kontakt zu Stuttgarter Italienern gesucht haben, die verdächtigt werden, Verbindungen zur 'Ndrangheta zu unterhalten, der kalabrischen Mafia.

Im Video: Die 'Ndrangheta - Leben im Schatten der Mafia

Dies könnte darauf hindeuten, dass die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrischen 'Ndrangheta inzwischen auch im Ausland kooperieren. Die Cosa Nostra war früher sehr stark, hat sich aber in den vergangenen Jahren mit extrem blutigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Clans und mit dem italienischen Staat aufgerieben.

Die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte war gestiegen, wirksame Gesetze waren beschlossen worden, vor allem aber hatten die Clans den Rückhalt bei der sizilianischen Bevölkerung verloren. Seitdem wurde die Partnerschaft zwischen Cosa Nostra und der Organisation von der anderen Seite der sizilianischen Meerenge, der 'Ndrangheta, intensiviert.

Einzelner Beamter häuft 1500 Überstunden an

In Deutschland ist die bloße Zugehörigkeit zur Mafia für die Ermittler vor Gericht oft schwer zu verwerten: Der Nachweis, dass die Verdächtigen tatsächlich Mitglieder einer kriminellen Vereinigung sind, ist hier juristisch kompliziert. Im Gerichtsverfahren dürfte es da kaum eine Rolle spielen, dass hier möglicherweise die erste Zusammenarbeit zwischen Cosa Nostra und der 'Ndrangheta verhandelt wird.

In Konstanz ist Staatsanwalt Joachim Speiermann für organisierte Kriminalität zuständig und hat die Ermittlungen geleitet. Die Arbeit habe die Behörden an ihre Grenzen gebracht, sagt er. "Das schaffen sie nur, wenn sie ein hochmotiviertes Team haben." Ein einzelner Beamter in Villingen habe 1500 Überstunden angehäuft.

Einen Prozess mit so vielen Angeklagten und all ihren Rechtsanwälten habe er in Konstanz noch nicht erlebt - und dann findet der Start wegen des Gebäudes in Karlsruhe statt. Zum dritten Prozesstag zieht das Gericht an den Bodensee: Mitte Oktober soll die Firmenkantine fertig umgebaut sein.



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