Abgehörte Telefonate Die Mafia regiert mit

Neue Enthüllungen zeigen: Die Mafia hat Rom jahrelang faktisch mitregiert. Politiker und hohe Beamte wurden geschmiert oder waren selbst kriminelle Strippenzieher. Die Bande führte Buch über ihre Machenschaften. Ein Fehler.

Ros Carabinieri

Der Ex-Chef der römischen Müllabfuhr erhielt 15.000 Euro im Monat, dazu einen 120.000 Euro schweren Extra-Bonus. Außerdem wurde der Rasen in dessen Garten unentgeltlich gemäht. Der öffentliche Fünf-Millionen-Auftrag hat sich zumindest für einen Mann gelohnt.

Weitere Beispiele:

  • 5000 Euro an einen Funktionär der Provinzverwaltung, für einen kleineren öffentlichen Auftrag zur Unterbringung von Einwanderern.
  • 40.000 Euro an eine Stiftung des zweifachen Ex-Ministers Gianni Alemanno, von 2008 bis 2013 Bürgermeister von Rom. Außerdem: 75.000 Euro für dessen "Wahlkampf-Abendessen".
  • 25.000 an einen Funktionär des Grünflächenamtes.

So geht es weiter, Jahr um Jahr.

Auch die Mafia führt Buch. Ein System von Leistung und Gegenleistung, von Wahlkampfzuschüssen für Politiker, monatlichen "Gehältern" an wichtige und "befreundete" Beamte, Sonderzuwendungen für gefälschte Ausschreibungen, kleine Geschenke zur Anbahnung guter Beziehungen. Das alles will ordentlich abgerechnet sein, mit Namen und Summen.

Dumm nur, wenn die Buchhaltung in falsche Hände gerät.

Das "Schwarze Buch" fand die Polizei bei einer Sekretärin, gut versteckt zu Hause. Seit Anfang dieser Woche haben Ermittler Dutzende von Wohnungen durchsucht, etwa vierzig Menschen sind bislang verhaftet worden. Insgesamt wird gegen mehr als hundert Personen unter dem Verdacht der systematischen Korruption, des Kreditwuchers, der Geldwäsche und der Bildung einer mafiösen Vereinigung ermittelt. Geld und Sachwerte von über 200 Millionen Euro wurden beschlagnahmt. Allein bei dem für die römischen Parks und Grünflächen zuständigen Beamten fanden die Fahnder 572.000 Euro in bar.

Zuständig für Gewalt und Angst

Es ist ein Skandal ungeheuren Ausmaßes. Was in Sizilien, in Kalabrien, eben im Mafia-verseuchten Süden des Landes üblich scheint, war für Rom nicht vorstellbar. Natürlich wird auch dort der Handel mit Drogen, Sex und Waffen von der organisierten Kriminalität abgewickelt. Natürlich gibt es auch in Rom Korruption. Gerade erst ist ein Professor an der römischen Sapienza-Universität aufgeflogen, weil er "bestandene" Prüfungen für 2.000 Euro pro Test verhökert hat. Dergleichen gibt es täglich überall in Italien.

Doch die jetzt immer detaillierteren Enthüllungen zeigen, dass eine kriminelle Gruppe Italiens Hauptstadt jahrelang faktisch mitregiert hat. Ob bei der Müllabfuhr, der Stadtreinigung, dem öffentlichen Nahverkehr, der Unterbringung von Obdachlosen und Immigranten in Sozialwohnungen, Pensionen oder Lagern, überall mischte die römische Gang jahrelang mit. Ließ sich lukrative Aufträge zuschanzen und verteilte von den exorbitanten Gewinnen Millionen an ihre Helfer im öffentlichen Dienst. Und sorgte dafür, dass ihre Freunde auf die richtigen Posten kamen.

Chef der römischen Mafia, so sehen es jedenfalls die Ermittler, ist Massimo Carminati, heute 56 Jahre alt. Er war in seiner Jugend als rechtsradikaler Schläger und Terrorist, später als Mitglied der römischen Brutalogang "Banda della Magliana" berüchtigt. 1998 floh er vor einer zehnjährigen Haftstrafe ins Ausland, kehrte aber bald zurück und fand viele Freunde und viel Verständnis vor. Er ist für Gewalt und Angst zuständig, heißt es, und soll säumigen Schuldnern gern mal die Rippen brechen lassen.

Fürs Geschäft sorgt offenbar sein Kumpel Salvatore Buzzi, 59, der in den Achtzigerjahren wegen Mordes im Gefängnis saß. Noch im Knast gründete er die "Gemeinnützige Organisation 29. Juni", die sich um Jobs für Ex-Knackis kümmert. Kaum war er wieder auf freiem Fuß, gründete Buzzi zahlreiche Betriebe, allesamt sehr erfolgreich, vor allem dank der offenbar guten Zusammenarbeit mit der Handelskette Coop. Voriges Jahr machte der inzwischen angesehene Unternehmer einen Umsatz von 60 Millionen Euro.

Und das, obwohl er offenbar ganz gehörige Kosten hatte: Hohe Abgaben an Helfer und korrupte Behörden, über die er nicht nur Buch führen ließ, sondern auch am Telefon freimütig sprach. Nicht ahnend offenbar, dass er abgehört und gefilmt wurde. So können Italiens Medien nun mit Wortprotokollen und Videos aufwarten, in denen Buzzi stolz darüber redet, wer was wofür bekommen hat. Und da sind viele dabei, die in der römischen Administration etwas zu sagen haben.

Der "Law and Order"-Bürgermeister unter Verdacht

Aber auch auf die Politik rollt nun einiges zu, vor allem auf Ex-Bürgermeister Gianni Alemanno. Der erklärt sich für völlig unschuldig, hat seine politischen Ämter nur "vorübergehend" niedergelegt, damit seine Partei nicht von übelwollenden Medien verunglimpft werden kann. Aber die Einträge im "Schwarzen Buch" wiegen schwer, wie auch manche Treffen mit in den Skandal involvierten Personen. Wie Carminati war auch Alemanno im rechtsradikalen Schlägermilieu aktiv, hat mit Molotowcocktails auf die russische Botschaft von sich Reden gemacht. Als er 2008 zum Bürgermeister gewählt wurde, marschierten unter seinen Anhängern einige Hundert Rechtsextremisten mit faschistischem Gruß auf.

Doch auch die regierende Mitte-links-Allianz bleibt kaum außen vor. Gegen einzelne Kommunalpolitiker aus deren Reihen wird ohnehin ermittelt. Und heute eröffnete der bekannte Mafia-Enthüller Roberto Saviano die Jagd auf einen der wichtigsten Männer in der aktuellen Regierung, Arbeitsminister Giuliano Poletti. Der war von 2002 bis 2013 Präsident der Coop-Dachorganisation und im Sommer 2010 auf einem Fest des tüchtigen Coop-Geschäftspartners Buzzi. Auf Fotos von der Feier sind außer Poletti und Alemanno weitere leitende Herren aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu sehen, allesamt Menschen, "die an unserer Seite stehen", wie der Mafia-Organisator damals frohgemut im Saal vorgetragen haben soll.

Nicht zuletzt das finanzielle Desaster der italienischen Hauptstadt bekommt durch die Enthüllungen einen neuen Hintergrund. Denn obwohl sie seit 2009 zu den üblichen Zuwendungen insgesamt mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich aus der italienischen Staatskasse bekam, war Rom spätestens beim Abgang von Bürgermeister Alemanno faktisch pleite. Die Sozialisierung der Verluste, die Privatisierung der Gewinne - hier hat es wieder einmal gut geklappt.

Freilich, der weitsichtige Geschäftsfreund hilft auch, wenn die andere Seite einmal Probleme hat. Als der für die Schneeräumung zuständige Amtsleiter im Februar 2012 klagte, im dafür vorgesehenen Etat fehle dummerweise Geld - wer habe denn auch an Schnee in Rom denken können? - brachte Buzzi auf die Schnelle 25.000 Euro vorbei.

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Kaffee Wien 04.12.2014
1. Ach, das ist ja eine ganz neue Erkenntnis...
..., dass die Mafia in Italien mitregiert! Und die Medien haben davon nichts gewusst? Na, sowas!
alice-b 04.12.2014
2. Ja, ja,
und da reden wir immer über das Korrupte Russland. Dabei haben wir die Korruption in der EU genauso, wenn nicht noch schlimmer. Im übrigen hat sich die Mafia längst gegen Norden ausgerichtet, weil sie den Süden Italiens ausgesaugt hat. Da gibt es nur noch Krümel, mit Krümel gibt die Mafia sich nicht ab.
denny101 04.12.2014
3. Mafia rechts und links
Das ist die Mafia der Rechten. Die ist längst bekannt und im Land omnipräsent. Es gibt in Italien aber auch eine Mafia der Linken. Das sind die vielen Schmarotzer und Blutsauger in den Verwaltungen und Betrieben im öffentlichen Eigentum (Gemeinden, Provinzen, Regionen, Staat). Erst kürzlich wurde eine Bericht öffentlich, der von ca. 10000 Betrieben in öffentlichem Eigentum spricht (keiner hat so recht den Überblick, in Frankreich sollen es nur 1000 sein), die so wichtige Aufgaben in Öffentlichem Interesse erfüllen wie Reisebüros, Produktion von Blumen, Wein, Käse oder Schinken oder einfach nur irgendwen beraten. Eigenartig nur, dass von den 10000 "Betrieben" mehr als 2600 mehr Verwaltungsräte als Angestellte haben, dass mehr als 1800 überhaupt keine Angestellte haben, sondern nur Verwaltungsräte und dass sehr viele außer Personalspesen keinerlei Umsätze machen, also Verluste, die vom Steuerzahler getragen werden. Das sind reine Postenbeschaffungsanstalten. Genauso wie die rechte Proleten-Mafia, das sind die mit den Knüppeln und Knarren, praktiziert die "linke Mafia" das systematische Ausrauben und Zerstören jeglicher Grundlagen einer funktionierenden Gesellschaft. Resteuropa hat nicht den Hauch eines Schimmers davon, wie grausig und abgründig Italien in Wirklichkeit ist und wie weit das kitschige Bild von "Bella Italia" von der Realität entfernt ist. Und wenn Resteuropa nicht aufpaßt wird es in Zukunft mit den selben mafiösen Methoden ausgenommen. Italien hat das Zeug dazu...
Wellness 04.12.2014
4. Unfähigkeit
Und so ein Land wird mit Steuergeldern aus Brüssel erst zum Selbstbedienungsladen.Würde ein Effektives Controlling in den Verwaltungen funktionieren würde mancher Euro gerettet.
holy10 04.12.2014
5. Tschau Bella
Ich war vor 12 Jahren zum ersten mal in Rom und musste feststellen das es einmal zuviel war. Für mich persönlich ist Italien ein Land, dass man meiden sollte.
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