Netflix-Doku "Making a Murderer" Tausende Amerikaner zweifeln an der Schuld dieses Mannes

Die US-Doku "Making a Murderer" stellt ein Mordurteil infrage: Steven Avery sitzt in Haft, doch viele Zuschauer halten ihn für unschuldig. Nun ist beim zuständigen Sheriff eine Bombendrohung eingegangen.

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Steven Avery: Verurteilt wegen Mordes
REUTERS/Manitowoc County County Sheriffs Department

Steven Avery: Verurteilt wegen Mordes


Spoiler-Hinweis: Dieser Text geht auf Eckdaten und den groben Rahmen der Netflix-Dokuserie "Making a Murderer" ein.


Manitowoc County, ein kleiner Flecken Land am Lake Michigan im Norden der USA, rund 80.000 Einwohner. Ein Ort zum Relaxen und Auftanken, wie es im Besucherzentrum heißt. Doch seit einigen Wochen ist es mit der Ruhe vorbei.

Zorn entlädt sich über dem County. Behördenmitarbeiter berichteten von Anrufen, E-Mails und Social-Media-Postings voller Beschimpfungen. Am Mittwoch ging im Sheriff's Department eine Bombendrohung ein: Im Gebäude und auch außerhalb seien Sprengsätze versteckt. Der Anrufer soll "Gerechtigkeit für Steven" gefordert haben.

Mit Steven, davon gehen die Ermittler aus, ist Steven Avery gemeint. Der wurde 2007 in Manitowoc wegen Mordes an einer Fotografin zu lebenslanger Haft verurteilt - ohne Chance auf vorzeitige Entlassung.

Steven Avery auf einem alten Polizeifoto: Hauptperson in einem Justizthriller
Netflix

Steven Avery auf einem alten Polizeifoto: Hauptperson in einem Justizthriller

Ein spektakulärer Fall, der wegen seiner Vorgeschichte schon damals großes Aufsehen in der Region erregte. Inzwischen aber scheint eine neue Dimension erreicht: Seit dem Prozess gegen O.J. Simpson sei Amerika wahrscheinlich nicht mehr so auf einen Kriminalfall fixiert gewesen, hieß es etwa im TV-Sender ABC. Und das mehr als acht Jahre nach dem Urteil - wie kann das sein?

Mitte Dezember wurde die rund zehnstündige Dokuserie "Making a Murderer" auf Netflix veröffentlicht. Die Autorinnen Laura Ricciardi und Moira Demos haben für ihren Film Unmengen an Material zu Averys Fall zusammengetragen: Telefongespräche aus dem Gefängnis, Videos von Polizeiverhören, Fotos vom Tatort, Zeugenaussagen, Interviews mit Angehörigen, Aufzeichnungen aus dem Gericht.

Die Geschichte beginnt mit einem schweren Irrtum: 18 Jahre lang saß Steven Avery unschuldig in Haft, weil er eine Frau vergewaltigt haben soll. DNA-Spuren bewiesen schließlich seine Unschuld. Avery verklagte die Behörden auf Schadensersatz - und wurde wenig später unter Mordverdacht festgenommen.

"Making a Murderer" beleuchtet die folgenden Ermittlungen und Prozesse zum gewaltsamen Tod der Fotografin: Ist Avery diesmal wirklich der Täter? Oder Opfer eines unbegreiflichen Justizskandals?

Morddrohungen gegen den Ankläger

Ankläger im Fall Avery: Ken Kratz 2007 im Gerichtssaal
AP

Ankläger im Fall Avery: Ken Kratz 2007 im Gerichtssaal

Wer die Serie sieht, muss starke Zweifel am Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft bekommen. Den Verteidigern Averys wird viel Platz eingeräumt für ihre Version, wonach die Gesetzeshüter hier die eigentlichen Schurken sind. Und tatsächlich geben die Behörden in Manitowoc County in der Doku ein sehr schlechtes Bild ab.

"Making a Murderer" ist die jüngste Erfolgsstory im True-Crime-Genre. Bereits zuvor hatten etwa "The Jinxs" im Bezahlsender HBO oder der Podcast "Serial" alte Kriminalfälle neu aufgerollt. Der schauerliche Stoff beschäftigt die Zuschauer, viele wollen teilnehmen an der Mörderjagd und den Ermittlungen.

Echte Strafverfahren, echte Protagonisten, aufbereitet wie in einer dramatischen Unterhaltungssendung - die Konsequenzen reichen weit über das Serienende hinaus. Ganz besonders im Fall Avery: Hobbydetektive überprüfen alte Hinweise und forschen nach neuen, Touristen fahren laut "New York Times" für Selfies zum Schrottplatz der Avery-Familie.

Steven Averys Anwälte sind mittlerweile kleine Stars, sie werden im Netz als Helden der Gerechtigkeit und Frauenschwärme gefeiert, sie geben Interviews im "Rolling Stone". Die Gegenseite hingegen, der damalige Ankläger Ken Kratz etwa, berichtet von zahlreichen Todesdrohungen.

Fast eine halbe Million Menschen fordern in einer Online-Petition von Präsident Barack Obama die Freilassung Averys . Das Weiße Haus stellte jedoch schnell klar, dass man in diesem Verfahren auf Bundesstaatenebene nicht zuständig sei.

Verteidiger Jerome Buting: Popularitätsschub in den USA
AP

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Wichtige Beweise ausgelassen?

Die Filmmacherinnen Ricciardi und Demos mussten sich auch Kritik gefallen lassen. Ihre Dokumentation sei zu einseitig, Beweise für Averys Schuld seien weggelassen worden, mit dem Staatsanwalt sei nicht gesprochen worden. Eine Protagonistin aus der Doku, Averys frühere Geliebte, stellt ihren Ex inzwischen ganz anders dar als noch in "Making a Murderer".

Die Filmerinnen weisen die Kritik zurück. Es sei ihnen nie darum gegangen, jemanden als schuldig oder unschuldig zu präsentieren. "Making a Murderer" solle vielmehr die Schwächen im US-Justizsystem aufzeigen.

Die Erzählung der Doku endet 2015, die juristische Aufarbeitung dauert an. Steven Avery und sein angeblicher Mittäter Brendan Dassey, ein zur Tatzeit minderbemittelter Teenager, hoffen auf neue Prozesse.

Beiden dürfte das neue Aufsehen sehr recht sein. Beide haben, nach allem was bekannt ist, "Making a Murderer" selbst nicht sehen können. Im Gefängnis bekamen sie keinen Zugang zu Netflix.

Brendan Dassey 2007 vor Gericht: Umstrittenes Verhör durch die Polizei
AP

Brendan Dassey 2007 vor Gericht: Umstrittenes Verhör durch die Polizei



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