Mutmaßlicher Serientäter Manfred Seel Morde eines Menschenhassers

Er wirkte wie ein netter Nachbar, doch Manfred Seel soll fünf Frauen und womöglich auch einen Jungen getötet und verstümmelt haben. Laut Polizei lebte er ein "perfektes Doppelleben".

Von Daniel Hartung und , Frankfurt (Main)


Ein Herz aus Stein liegt auf dem kleinen Grab auf dem Friedhof Höchst, unterhalb eines weißen Kreuzes. Eingraviert sind zwei Jahreszahlen, das Geburtsjahr und das Todesjahr, und zwei Wörter: "Tristan" und "ermordet".

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Heft 21/2016
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Hier liegt Tristan Brübach begraben, ein 13-jähriger Junge, der 1998 dort getötet wurde, wo er sich gern die Zeit vertrieb: am Bahnhof Frankfurt-Höchst.

Es ist ein Verbrechen, zu dem es 18 Jahre lang keine Spur gab, zu dem sich jeder Verdacht irgendwann in Luft auflöste. Der Fall blieb ein Rätsel.

Zum ersten Mal stehen die Fahnder nun vor der Aufklärung: Tristan könnte das Opfer eines Serienmörders sein, das Opfer von Manfred Seel aus Schwalbach im Taunus, der im Verdacht steht, außer Tristan noch mindestens fünf Frauen getötet zu haben.

SPIEGEL-TV-Autor Daniel Hartung hat sich auf die Spuren von Manfred Seel begeben und auf die Spuren seiner möglichen Opfer, exklusiv begleitete er die Ermittler bei ihrer Arbeit. Entstanden ist eine eindringliche Dokumentation, die um 22.20 Uhr bei RTL ausgestrahlt wird.


Mehr über die Ermittlungen zu Manfred Seel im SPIEGEL TV-Magazin, Sonntag, 22:20 Uhr, RTL


"Ein perfektes Doppelleben"

"Es ist von einem Frauenhasser oder möglicherweise auch einem Menschenhasser auszugehen", sagt Frank Herrmann im Film. Er ist der Leiter der Mordkommission 2 am Polizeipräsidium Frankfurt am Main und mit der Mordserie betraut.

Herrmann spricht über den mutmaßlichen Täter, einen Mann, der auf besonders grausame Weise mehrere Menschen getötet haben soll. Er spricht über Manfred Seel, der im August 2014 an Krebs starb. Ein Mann mit Brille und Bart, in jungen Jahren mit dunklem Haar.

Manfred Seel lebte nach Ansicht der Ermittler "ein perfektes Doppelleben": Nach außen hin war er der nette Nachbar von nebenan. Mitglied in einer Jazzband, Inhaber einer Firma für Wohnungsauflösungen und Entrümplungen, Ehemann und Vater einer Tochter.

Der Film widmet sich der dunklen Seite Manfred Seels, eines Mannes mit einer Persönlichkeit voller Brüche und Widersprüche. Einer, der auf mehreren Rechnern in seinem Keller Gewaltpornografie hortete, der sich in Kannibalismus-Foren im Internet herumtrieb, der in den Neunzigerjahren Stammgast auf dem Frankfurter Straßenstrich war.

Eine ehemalige Prostituierte erinnert sich in der TV-Dokumentation, dass Manfred Seel einmal ihr Gast war. "Er hat Laute von sich gegeben", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Einmal und nie wieder." Die Frau kennt auch Simone Diallo, sie war eine Kollegin auf dem Straßenstrich. Dreimal will sie mitbekommen haben, wie Simone Diallo bei Manfred Seel ins Auto stieg.

Suche nach Merkmalen einer Serie

Warum gerade Simone Diallo, eine drogenkranke, heruntergekommene, hilflose Person? "Die meisten nehmen Leute mit, die am abgewracktesten sind, weil sie sie besser kommandieren können", sagt die ehemalige Prostituierte.

Simone Diallo verschwand im Herbst 2003. Ihre zerstückelte Leiche wurde im September 2014 in zwei Plastiktonnen entdeckt, die in einer Garage standen, die Manfred Seel 2008 angemietet hatte. Ihr Mörder hatte sie in sexuell relevanten Zonen grausam verletzt, als sie noch lebte.

Wer so tötet, muss schon zuvor getötet haben. Im Film erklären die Ermittler, nach welchen Kriterien sie nach ähnlichen Mordfällen suchten und wie sie fündig wurden: Gudrun Ebel, Hatice Erülkeroglu, Gisela Singh und Dominique Monrose - Frauen, die in den Jahren 1971, 1991 und 1993 verschleppt und auf besonders bestialische Weise umgebracht wurden. Ihr Mörder schnitt sie auf, zerteilte sie und entnahm ihnen Organe, die er mitnahm.

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Mutmaßliche Mordserie: Der Fall Manfred Seel

Fallanalytiker wie Alexander Horn, Leiter der Dienststelle für Operative Fallanalyse in Bayern, sind sich sicher: Bei dem Täter handelt es sich um einen sadistisch veranlagten Mann mit sexueller Präferenzstörung. Sadismus müsse jedoch nicht immer nur das Quälen von Menschen bedeuten, es könne auch nur um die Kontrolle über Menschen gehen. Die "maximale Kontrolle" habe man über ein totes Opfer, sagt Profiler Markus Hoga: "Um mit dem toten Opfer letztendlich das tun zu können, was ich will."

"Leicht zugänglich"

Obwohl Tristan ein Junge und bedeutend jünger war als die Frauen, die die Ermittler der Serie zuordnen, passe er zum Opferbild, sagen sie im Film: Er war "leicht zugänglich" für den, der ihn umbrachte und die Leiche verstümmelte.

Tristans Mörder stellte die Schuhe des Jungen auf dessen Leiche. Ebenso wie es der Mörder von Gisela Singh tat: Er drapierte ihre Schuhe neben ihrem Kopf. Was der Täter damit zum Ausdruck bringen wollte, wissen die Ermittler bislang nicht. Sie bitten die Öffentlichkeit um Hinweise. Die Hoffnung ist groß, dass sie nach der Ausstrahlung der TV-Dokumentation Antworten finden.

Hinweise - auf Wunsch auch vertraulich - an das hessische Landeskriminalamt unter der Rufnummer: 0611/83 83 83 oder per Mail an alaska.hlka@polizei.hessen.de



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