Von Vandad Sohrabi
Nachbarn versammeln sich vor dem Haus der getöteten Semanur S. in der Köthener Straße in Berlin Kreuzberg. Der Klinkerbau ist mit Graffiti übersät, gerade erst wurden die Blutspuren vom Tatort entfernt. Aus alten Lautsprechern ertönen islamische Trauergesänge, auf dem Boden liegen Blumen. Die Anwohner entzünden Kerzen, manche haben einen Abschiedsbrief geschrieben, sie sind noch immer geschockt. "Die Kinder haben Angst, das ist wie im Horrorfilm", sagt eine Nachbarin.
Der grausame Tod von Semanur S. in Kreuzberg hat bundesweit für Erschrecken gesorgt. In der Nacht zum Montag hatte der 32-jährige Orhan S. seine 30-jährige Ehefrau brutal umgebracht. Er stach offenbar mehrfach schreiend auf sie ein und soll dann die Leiche enthauptet haben. Die Nachbarn mussten nach eigenen Angaben hilflos mit ansehen, wie er den Kopf und weitere Leichenteile in den Innenhof des Mietshauses warf. Orhan S. wurde nach der Tat von einem Arzt als psychisch krank eingestuft und vom Richter in die Psychiatrie eingewiesen. Die Eheleute hatten sechs Kinder, die jetzt in einem Heim untergebracht und psychologisch betreut werden.
Nun fragen sich die Nachbarn, wie es so weit kommen konnte. Und viele belastet die Frage, wie sich ein solches Verbrechen künftig verhindern lässt.
"Der Mord ist ein Rückschlag für unsere Arbeit, aber wir müssen nach vorne schauen und mit der Mahnwache ein Zeichen setzen", sagt Kazim Erdogan. Er hat die Mahnwache organisiert und leitet Aufbruch Neukölln , einen Verein türkischer und arabischer Männer. Der Verein setzt sich gegen häusliche Gewalt ein und bietet eine Telefonhotline für Krisen an - Orhan S. hat sich dort niemals gemeldet.
Immer wieder weinte sie sich bei Nachbarinnen aus
Vor dem Haus zünden türkischstämmige Männer Kerzen an für Semanur S. Sie tragen T-Shirts auf denen "Männer gegen Gewalt" steht. Darunter sind ein Paar Engelsflügel und ein Schnurrbart gezeichnet. "Dieses Verbrechen hat nichts mit einer bestimmten Kultur oder Aussehen zu tun. Ich bin als Mensch traurig, dass ich heute hier sein muss", sagt Zemci Catar, der zwei Töchter hat. "Frauen müssen sich bilden und stark sein, nur so können sie rechtzeitig Hilfe holen."
Die 30-jährige Semanur S. stammt aus dem kurdischen Teil der Türkei und wurde mit ihrem Cousin Orhan S. verheiratet. Anwohnerinnen sagen, sie sei häufig zu Hause geblieben und habe sich um ihre sechs Kinder gekümmert. Immer wieder weinte sie sich bei Nachbarinnen aus. Sie klagte über ihren Mann, der sie schlug und fremdgegangen sein soll.
Lina Ganama bietet Hilfe für Frauen in Krisensituationen an, sie arbeitet bei Al Nadi, einer Beratungsstelle für arabische Frauen aus ganz Berlin. Die Sozialarbeiterin hilft bei Familienkonflikten und häuslicher Gewalt. "Häufig holen sich die Frauen keine professionelle Hilfe, weil sie sich schämen und hoffen, alles selbst in den Griff zu bekommen", sagt sie. "Bis es zu spät ist."
Sie wollte sich trennen - dann musste sie sterben
Özcan Mutlu warnt davor, häusliche Gewalt mit einer bestimmten Kultur zu verbinden. Der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus sieht eher in mangelnder Bildung und finanziellen Problemen einen Grund für Aggressionen. Daher müsse den Frauen gezielt geholfen werden. "In Integrationskursen sollen sie gesagt bekommen, welche Rechte sie haben", sagt Mutlu. Bis vor wenigen Monaten wohnte er ganz in der Nähe des Tatorts. Die Köthener Straße bezeichnet er als eine "eigentlich freundliche Gegend", aber sie verändere sich. Gut verdienenden Familien seien in den letzten Jahren weggezogen, ökonomisch schwache zurückgeblieben. Damit entstehen deutliche Kontraste: zwischen den Sozialwohnungen im Osten und dem nahegelegenen Potsdamer Platz mit seinen luxuriösen Bauten.
Semanur S., die junge Mutter, wollte sich von ihrem Mann trennen. Am vergangenen Montag schrieb sie ihm eine Kurznachricht. Er solle nicht mehr nach Hause kommen - wenige Stunden vor ihrer Ermordung.
Fraglich ist, ob professionelle Hilfe oder bessere ökonomische Bedingungen in ihrem Fall geholfen hätten. Orhan S. ist vermutlich krank, er wurde in die Psychiatrie eingewiesen. "Eine Sensibilisierung der Nachbarschaft aber hätte helfen können und wird es in Zukunft möglich machen früher einzugreifen", sagt Mutlu, der Grünen-Politiker.
Kazim Erdogan, der "Aufbruch-Neukölln"-Gründer, hat für die Kinder von Semanur S. ein Spendenkonto eingerichtet. "Viele Projekte müssen folgen, aber heute kann man sehen: Ein einzelner Mann begeht eine solch schreckliche Tat, aber hundert Männer tragen T-Shirts gegen die Gewalt und engagieren sich für Frieden", sagt er.
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