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09. Mai 2012, 21:23 Uhr

Verhungerter Neunjähriger

Schuldspruch für die Mutter, Freispruch fürs Amt

Von , Mannheim

Die Frau stand unter Aufsicht des Jugendamts, war mit der Pflege ihres unheilbar kranken Sohns völlig überfordert und ließ den Jungen verhungern: Das Landgericht Mannheim verurteilte die hemmungslos weinende 30-Jährige nun zu neuneinhalb Jahren Haft - und sprach die Behörde von jeglicher Schuld frei.

Tief drückt ihre Schuld Nathalie B. in den blau gepolsterten Holzstuhl vor dem Richtertisch. Mit der linken Hand versucht sie, ihr rotgeweintes Gesicht zu verbergen. Mit der rechten wischt sie unaufhörlich die Tränen fort, die auf die Tischplatte vor ihr tropfen. Ohne Unterbrechung weint die dreifache Mutter knapp drei Stunden lang vor sich hin.

So lange begründet der Vorsitzende Richter Ulrich Meinerzhagen das Urteil des Landgerichts Mannheim: Nathalie B. muss für neuneinhalb Jahre in Haft - wegen Totschlags durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie sei schuld am Tod ihres neun Jahre alten Sohnes Marcel. Ihr Verteidiger Steffen Lindberg will nun prüfen, ob er in Revision geht.

Im Frühjahr 2008 diagnostizierten Ärzte bei Marcel Adrenoleukodystrophie, eine unheilbare Erbkrankheit, die einen rapiden neurologischen Verfall zur Folge hat. Die Lebenserwartung ist gering, maximal drei Jahre. Nathalie B. will den Jungen zu Hause pflegen, er soll in seiner gewohnten Umgebung sterben.

Die 30-Jährige hat noch zwei weitere Kinder und einen Partner, Vater der drei Geschwister. Er kümmert sich nicht um sie. Die Familie steht längst unter Aufsicht des Jugendamts und lebt von Unterstützung des Sozialamts. Die Akte B. ist voll mit Vermerken von Mitarbeitern der Behörde und der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Kindern und Jugendlichen Familienhilfe Stiftung (AGFJ). Von Problemen bei der Pflege und Versorgung der Kinder ist die Rede, von Alkohol und Drogen bei den Eltern.

Sohn Marcel ist taub, blind, muss gewaschen und gefüttert werden

Und doch schafft es Nathalie B., ihren Sohn Marcel so zu betreuen, dass Behörde und Kinderarzt den Jungen für gut aufgehoben befinden. Im Herbst 2009 kann Marcel nicht mehr gehen, seine Knochen haben sich verformt. Er muss im Rollstuhl sitzen. Er ist taub und blind und muss gewickelt, gewaschen und gefüttert werden. Später kann er nicht mehr schlucken und muss durch eine Sonde ernährt werden, die seine Mutter regelmäßig auswechselt. Er schreit vor Schmerz, manchmal die ganze Nacht. Ende 2009 ist er ans Bett gefesselt, kann nicht mehr sprechen, ein hilfloser Pflegefall. Nathalie B. ist restlos überfordert, im Januar 2010 legt sie dem Jungen keine Sonde mehr.

Zu diesem Zeitpunkt herrscht im Leben von Nathalie B. mehr Chaos als je zuvor: Sie hat sich vom Vater ihrer Kinder getrennt, der neue Partner, ein stadtbekannter Drogendealer, ist mehr Belastung als Stütze, das Jugendamt erwägt, Marcels Geschwister in Obhut zu nehmen. Marcels Bruder soll die kleine Schwester missbraucht haben.

Die Kammer ist davon überzeugt, dass Nathalie B. in dieser Zeit unter dem Druck steht, sich entscheiden zu müssen: Entweder Marcel aushäusig pflegen und sterben zu lassen oder die beiden anderen Kinder in fremde Obhut zu geben.

Marcel liegt in seinem abgedunkelten Zimmer, die Rollläden und Fenster geschlossen, keiner darf zu ihm - nur Nathalie B. Ihr neuer Lebensgefährte sagte vor Gericht, sie habe ihm lediglich gestattet, einen Eimer Wasser an die Tür zu stellen. Oft sei Nathalie B. mehrere Stunden in dem Raum verschwunden und habe ihn sichtlich gezeichnet verlassen. Über den erbarmungswürdigen, besorgniserregenden Zustand ihres Kindes verliert sie kein Wort.

"Sie hat seinen Tod nicht gewollt, ihn aber vorausgesehen"

Die dreifache Mutter habe keine Vorstellung davon gehabt, wie die Endphase des Krankheitsverlaufs aussehen würde, so Richter Meinerzhagen; ob Marcel noch einmal ins Krankenhaus müsse oder einfach zu Hause sterben würde. Aber sie habe gewusst, dass das Kind durch die Mangelernährung und der desolaten Pflege in absehbarer Zeit sterben würde. "Sie hat seinen Tod nicht gewollt, ihn aber vorausgesehen."

Auf Initiative von Marcels Urgroßmutter verschafft sich am 9. April 2010 der Amtsarzt des Mannheimer Gesundheitsamts Zutritt zu Marcels Kinderzimmer. Der Neunjährige ist abgemagert auf 14 Kilo, sein Körper wundgelegen, an manchen Stellen offen und entzündet, seine Haare verfilzt, sein Blick leer. Marcel kommt ins Universitätsklinikum. Dort stirbt er sieben Wochen später.

Wer hat Schuld an Marcels Tod? Für die Kammer ist es eindeutig Nathalie B., die die alleinige Schuld trägt. Sie sei nicht mehr beim behandelnden Arzt erschienen und habe Kontaktversuche der Frau, die die Sonden lieferte, abgewimmelt. Beiden könne man keinen Vorwurf machen, so Richter Meinerzhagen. Ihre Vermutungen, Nathalie B. habe den Arzt gewechselt oder Marcel sei im Krankenhaus seien nachvollziehbar.

Zudem habe die 30-Jährige die Anstrengungen Dritter - beispielsweise aus dem Familienkreis oder von Seiten der Familienhilfe - abgewimmelt. "Keiner nahm etwas wahr von den tatsächlichen Vorgängen", resümiert Meinerzhagen am Mittwoch.

Seit Mitte 2009 habe das Jugendamt konkrete Erziehungshilfe für die beiden gesunden Kinder angeboten. Nathalie B. habe bewusst, alle Hilfsangebote ausgeschlagen. Sie habe Marcel partout selbst pflegen, sich aber nicht eingestehen wollen, dass sie überfordert sei. "Sie hat das zwar erkannt, aber nicht wahrhaben wollen", betont Richter Meinerzhagen.

Doch wie konkret die Hilfe des Jugendamts und der Familienhilfe aussah, erläutert er nicht. Auch nicht, ob es in so einem Fall fahrlässig ist, sich abwimmeln zu lassen. Gehören platte oder gar originelle Ausreden nicht zur täglichen Arbeit von Sozialarbeitern?

Das Jugendamt habe keinen Grund für einen Verdacht gehabt, erklärt Meinerzhagen. Bis Dezember 2009 habe Nathalie B. ihren Sohn hingebungsvoll gepflegt. Dass sie von einem Augenblick auf den nächsten die Versorgung einstellt - "damit konnte das Jugendamt nicht rechnen". Zumal sie sich bis dahin den Mitarbeitern der Behörde immer kooperativ gegenüber gezeigt habe.

Und wenn das Jugendamt im Herbst 2009 der dreifachen Mutter unterstellt hätte, dass sie die Sonden-Ernährung ihres kranken Kindes einstellen würde? "Sie hätten es weit von sich gewiesen", wandte sich Meinerzhagen direkt an Nathalie B. "Das Jugendamt trifft keine Mitschuld." Die Mangelernährung habe zum Tod des Kindes geführt, so der Richter; eine Kausalität, die die Verteidigung vehement bestreitet. "Das ist nicht nachgewiesen", sagt Rechtsanwalt Steffen Lindberg, "es kann genauso sein, dass die Erkrankung zum Tode geführt hat".

Doch dass es Fehler bei der Betreuung der Frau und ihrem kranken Sohn gegeben hat, ist durchaus möglich: Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamts und zwei Angestellte von freien Trägern.

"Sie müssen versuchen, mit dieser Schuld fertig zu werden"

Mit einem Schicksal wie es dem kleinen Marcel widerfuhr, fertig zu werden, zehrt an den Kräften. Richter Meinerzhagen, dem im Mannheimer Raum der Ruf des Hardliners vorauseilt, vermittelte überzeugend, dass sich die Kammer bewusst sei, dass diese Aufgabe fast nicht zu bewältigen sei - und dass es ihr schwergefallen ist, ein gerechtes Urteil zu finden. "Aber warum haben Sie keine Hilfe angenommen?", fragte er die aufgelöste Angeklagte. "Hilfe kann man Ihnen nicht aufzwingen! Diesen Vorwurf müssen Sie sich gefallen lassen."

Die Kammer rechnete Nathalie B. hoch an, dass sie von Beginn an und in aller Öffentlichkeit die Verantwortung übernommen und ihre Schuld eingestanden habe. Als strafmildernd wertete sie, das Leben der Angeklagten am Rande der Gesellschaft, am Rande des Existenzminimums von Geburt an; dass sie als Kind von ihrem Großvater sexuell missbraucht wurde und auf Unverständnis stieß, als sie sich ihrer Mutter anvertraute. Diese traumatisierende Erfahrung, niemandem Vertrauen schenken zu können, habe sicher auch beim Tatgeschehen eine Rolle gespielt.

Straferschwerend sei das langsame Sterben des Jungen, Woche um Woche, Tag für Tag, Stunde um Stunde, wie Meinerzhagen konstatierte. Nathalie B. habe ein "erschreckendes Maß an Gleichgültigkeit und Mangel an Empathie" an den Tag gelegt. "Eine geringere Strafe wäre nicht ausreichend, um die Schuld angemessen zu sühnen. Sie müssen versuchen, mit dieser Schuld fertig zu werden."

Bei diesen Worten wirft Nathalie B. ihr geschwollenes Gesicht auf ihre verschränkten Arme, weint hemmungslos. Meinerzhagen schluckt schwer. "Damit ist die Sitzung in dieser Sache beendet. Für Sie, Frau B., ist sie das leider nicht."

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