Marco aus Haft entlassen: "Mein Sohn ist frei, mein Sohn ist frei!"

Partystimmung in Uelzen, Tränen der Erleichterung in Antalya: Marco Weiss, der 247 Tage in der Türkei inhaftiert war, ist vorerst frei und kann sofort nach Deutschland zurückkehren. Der Anwalt der 13-Jährigen, die von Marco missbraucht worden sein soll, zeigte sich enttäuscht.

Antalya - Es war die Nachricht, auf die Marco Weiss, seine Familie und Freunde acht Monate gewartet hatten: Der 17-Jährige wird aus dem türkischen Gefängnis in Antalya entlassen, darf sofort nach Deutschland fliegen - Weihnachten kann er bei seiner Familie verbringen.

Mit unbändiger Freude reagierte Marcos Vater Ralf Jahns auf das Ergebnis der heutigen Verhandlung. Er habe "die Türen des Sitzungssaales aufgerissen" und laut gerufen: "Mein Sohn ist frei, mein Sohn ist frei!" und die Anwälte umarmt, berichtete ein Reporter des Nachrichtensenders n-tv. "Von mir werden Sie nichts hören außer: Wir sind glücklich", sagt Marcos Vater.

Nach Berichten von Augenzeugen und Journalisten traf Marco am Abend auf dem Flughafen von Antalya ein. Begleitet von seinen Anwälten wartete er in einem abgeschirmten Bereich des Airports auf den Abflug in Richtung Deutschland. Wann und mit welcher Maschine er die Türkei verlässt, ist unklar.

Aus Angst vor zu großem Presserummel wolle Marco aber zunächst nicht in seine Heimatstadt Uelzen zurückkehren, sagte sein Anwalt Michael Nagel. Der Jugendliche suche jetzt vollständige Ruhe. Sein größter Wunsch sei es, mit seiner Familie allein zu sein und sich eine Woche lang von seiner Mutter verwöhnen zu lassen. "Marco und seine Familie werden bis auf weiteres der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen", sagte der Anwalt der Eltern, Matthias Waldraff auf einer Pressekonferenz in Antalya. Marco sei aber überglücklich und lasse herzliche Grüße ausrichten, so Waldraff.

Beide Anwälte zeigten sich erleichtert und glücklich über die Freilassung Marcos. Nagel sagte, man habe mit der Freilassung nun das erste Ziel endlich erreicht. "Das zweite folgt dann am 1. April, das ist der Freispruch von Marco", sagte Nagel.

Enttäuscht dagegen zeigte sich der Anwalt des mutmaßlichen Opfers, der 13-jährigen Britin Charlotte, Ömer Aycan. Er hat Rechtsmittel gegen die Freilassung angekündigt. Auch deswegen rechnet man in Antalya damit, dass Marco sich so schnell wie möglich auf den Weg nach Deutschland macht.

Rechtlich gibt es für die Türkei keine Möglichkeit, den 17-Jährigen zur nächsten Verhandlung am 1. April nach Antalya zurückzubeordern. Da die Bundesrepublik ihre Staatsbürger nicht ausliefern muss, könnte Marco zwar in Abwesenheit der Prozess gemacht werden - eine mögliche Verurteilung hätte jedoch keine weiteren strafvollzugstechnischen Konsequenzen für ihn.

In Marcos Heimatstadt Uelzen wurde die Nachricht von der Freilassung mit großem Jubel aufgenommen. Die Menschen, die dort Mahnwachen abgehalten hatten, skandierten nur wenige Sekunden nach Bekanntwerden der Nachricht: "Marco ist frei! Marco ist frei!" Es bildete sich ein Autokorso, Deutschlandfahnen wurden geschwenkt. "Das ist eine gute Nachricht und ein gutes Gefühl zum dritten Advent", sagte Uelzens Bürgermeister Otto Lukat.

Kanzlerin Merkel erfreut über Marcos Freilassung

Anwohner, Marcos Freunde, Mitschüler und Unterstützer strömten in die Kirche der St.-Petri-Gemeinde, um an einem Gottesdienst teilzunehmen. "Wir werden den Dank, dass die Haft nach acht Monaten vorbei ist, in unsere Gebete miteinfließen lassen", sagte Pastor Michael Drießen kurz vor der Andacht.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ es sich am Rande des EU-Gipfels in Brüssel nicht nehmen, Marcos Freilassung aus türkischer Untersuchungshaft zu kommentieren: "Ich freue mich, dass Marco erst einmal frei ist, dass er nach Hause kann und Weihnachten im Kreise seiner Familie feiern wird. Ich glaube, mit ihm freuen sich viele Menschen in Deutschland." Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich optimistisch, dass "eine Ausreisemöglichkeit schnellstmöglich hergestellt wird".

Erfreut über das Ergebnis der heutigen Gerichtsverhandlung zeigte sich auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU): "Die Haftverschonung war überfällig, denn die Dauer der Untersuchungshaft ist unverhältnismäßig", sagte Wulff. Die nächsten Monate müssten genutzt werden, um zu entscheiden, ob der Prozess in Deutschland fortgeführt werden könne. "Wir hoffen auf ein faires und schnelles Verfahren." Wulff betonte allerdings, Politik dürfe sich nicht in Angelegenheiten der Justiz einmischen.

"Fortdauer der Untersuchungshaft nicht angemessen"

Das Gericht in Antalya begründete seine heutige Entscheidung damit, dass es noch weitere Informationen benötige und unter diesen Umständen eine Fortdauer der Untersuchungshaft nicht angemessen sei. Das erklärten Marcos Anwälte in Antalya. Der 17-Jährige könne sofort ins heimatliche Uelzen zurückkehren, auch eine Kaution habe nicht hinterlegt werden müssen. Der Prozess wird am 1. April 2008 in Antalya fortgesetzt.

Der Tag hatte so begonnen, wie sich die gesamte Causa Marco bislang gestaltete: als Geduldsspiel. Am Morgen wurden am Gericht im türkischen Antalya die Verhandlungen aufgenommen, der Fall Marco jedoch war selbst Stunden später noch nicht aufgerufen worden. Erst nach der Mittagspause wurde verhandelt - mit überraschendem Ergebnis.

Der heutige Prozesstag war mit besonderer Spannung erwartet worden: Immerhin lagen nun die Aussagen des angeblichen Opfers, der 13-jährigen Britin Charlotte, in vollständiger Übersetzung dem Gericht vor. Das Fehlen dieser Aussage hatte dazu geführt, dass an den zurückliegenden Verhandlungstagen der Prozess kurz nach Beginn sogleich wieder vertagt worden war - insgesamt sieben Mal.

Marco war in "sehr schlechtem psychischen Zustand"

Im Vorfeld des heutigen Verhandlungstages war von der Verteidigung vehement ins Feld geführt worden, man solle Marco ein gemeinsames Weihnachtsfest mit seiner Familie - auf freiem Fuß in der Türkei oder in Deutschland - ermöglichen. Marcos Anwalt Michael Nagel hatte in Interviews wiederholt darauf hingewiesen, sein Mandant sei in einem psychisch sehr schlechten Zustand.

Marco wurde am 12. April in Side festgenommen, nachdem Charlottes Eltern Anzeige gegen ihn erstattet hatten. Marco gab zu, mit dem Mädchen geflirtet und geschmust zu haben. Die 13-Jährige behauptet dagegen, der Junge habe sie sexuell missbraucht.

Die Anklage wirft dem Realschüler aus dem niedersächsischen Uelzen vor, die 13-jährige Britin Charlotte M. im April in der Türkei sexuell missbraucht zu haben. Marco Weiss bestreitet die Vorwürfe. Ihm zufolge war es im Einvernehmen mit dem Mädchen zu Zärtlichkeiten in deren Hotelzimmer gekommen.

Im Verlauf des Prozesses war es zu harscher Kritik an den langsam arbeitenden türkischen Justizbehörden gekommen. Mit jedem Verhandlungstag hatten Weiss' Anwälte gehofft, ihren Mandanten aus der Untersuchungshaft freizubekommen - vergeblich.

Marcos Anwalt Michael Nagel kündigte an, dass man den vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gestellten Eilantrag wegen der langen Dauer der Untersuchungshaft "in jedem Fall" zurückziehen wolle. Ob man die grundsätzliche Beschwerde aufrecht erhalten werde, "werden wir noch besprechen", sagte der Anwalt.

ARD-Informationen zufolge hatte sich zuletzt der deutsch-türkische Politiker und Tourismusunternehmer Vural Öger in den Fall eingeschaltet. Der SPD-Europaparlamentarier Öger habe Marco im Gefängnis in Yeniköy 30 Kilometer nördlich von Antalya besucht, hieß es. Auch mit dem zuständigen Richter Abdullah Yildiz soll Öger gesprochen haben. Heute verteidigte Öger, der auch im Gericht von Antalya anwesend war, das Vorgehen der türkischen Richter: Sie hätten nur nach den Buchstaben des Gesetzes und ohne politische Einflussnahmen handeln wollen, so Öger. Er selbst habe sich eingeschaltet, um einen deutsch-türkischen Konflikt zu verhindern, letztlich aber keinen großen Einfluss genommen.

pad/ala/tig/tno/dpa/ddp/AFP/AP

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Marco Weiss: Haft, Prozess, Heimkehr

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