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15. Dezember 2007, 16:45 Uhr

Marcos Freilassung

"Die Plage sind wir endlich los"

Von Dilek Zaptcioglu, Istanbul

Erleichterung auch in der Türkei: Marco Weiss ist aus der U-Haft in Antalya entlassen und zurück in Deutschland. Die Zeitungen meldeten die Nachricht klein im Lokalteil. Wer am Bosporus den Fall verfolgt hat, war fast nur noch genervt.

Istanbul - "Dieser Junge geht jetzt zur deutschen Presse und erzählt für 100.000 Euro, was er alles in dem türkischen Kerker erleiden musste. Das kennen wir doch schon!" Unmittelbar nach der Freilassung von Marco Weiss aus dem Gefängnis in Antalya lassen türkische User in Internet-Foren ihrem Ärger über den Fall freien Lauf. "Wäre ich als Türke in Deutschland wegen Vergewaltigung angeklagt, säße ich aber noch lange im deutschen Knast!" Und: "Die nächste Verhandlung soll am 1. April stattfinden - was für ein Scherz! Der Junge kommt doch nie wieder." Exakt darüber herrscht in der Türkei aber allenthalben große Erleichterung: "Gott sei Dank! Diese Marco-Plage sind wir endlich los", schließt der Zeitungsverkäufer seine Vermutungen über alles, was da in Antalya hinter den Kulissen gelaufen sein könnte, kurz und bündig ab.

Vage Informationen, Annahmen, Vermutungen und Anschuldigungen, tief in die Soße der gegenseitigen Vorurteile eingetaucht, bestimmten von Anfang an das Trauerspiel um Marco Weiss aus Uelzen. Hat er nun im Hotelzimmer, oder hat er nicht? Wollte sie, und warum hat sie sich nicht gewehrt? Kommt er auf dieser Sitzung frei, oder bleibt er noch drin? Bis zum bitteren Ende: Was hat der tüchtigste Deutschtürke aller Zeiten, Vural Öger, mit dem Heimflug Marcos zu tun? Lauter unbeantwortete Fragen und nichts als Ärger. Schluss damit.

Die Nachricht, dass ein deutscher Minderjähriger wegen Vergewaltigung in Antalya hinter Gittern sitzt, war im Land selbst untergegangen. Erst aufgeregte Anrufe von deutschen Journalisten bei türkischen Kollegen, und der darauffolgende Medienrummel machten Marco in der Türkei bekannt - und seinen Fall zum Politikum.

Intime Details aus einem Hotelzimmer

Die türkischen Gerichtsreporter vor Ort, die den Prozess bis zu seinem vorläufigen Ende auf der achten Sitzung mitverfolgten, waren völlig genervt vom Thema. Einzelheiten aus den gynäkologischen Gutachten wurden von männlichen Kollegen betreten weitergegeben: "Also, ich erzähl das jetzt nicht gerne, aber die Vagina der Kleinen sei doch ziemlich strapaziert..." Intime Details aus einem Hotelzimmer, die alle beschämten.

"Unergiebig, vage, ungewiss", fasste ein erfahrener Gerichtsreporter seine Sicht des Falles schon vor Monaten zusammen. Während der Richter von deutscher Seite heftig angegriffen wurde, sahen die türkischen Medien in ihm einen gewissenhaften Juristen, der um eine wirkliche Aufklärung bemüht ist. Die Gesetze waren EU-konform reformiert und nicht anders auszulegen. "Jede Gerichtssitzung dauert mehrere Stunden, auch wenn nichts Konkretes vorliegt", fasste ein Kollege die Situation im Saal zusammen. "Der Richter gibt sich wirklich Mühe, er will allen gerecht werden und wird dafür von allen Seiten beschossen". Weshalb er vor wenigen Wochen das Handtuch werfen und von dem Fall entbunden werden wollte. Dass wegen eines Falles, den die Türken am liebsten sofort loswerden wollten, ihre EU-Tauglichkeit in Frage gestellt wurde, war unbegreiflich.

Am Tag nach der Freilassung Marcos bringen viele Istanbuler Zeitungen die Nachricht erst weit hinten unter den Lokalnachrichten. "Marco ist frei", berichtet die meistverkaufte "Hürriyet" klein und völlig unbeteiligt, aber immerhin auf ihrer Titelseite. "Der in Antalya wegen Vergewaltigung eines 13-jährigen englischen Mädchens angeklagte Marco Weiss wird Weihnachten zu Hause feiern." Was die deutsche Kanzlerin freute: "Angela Merkel war zufrieden".

Der Einsatz der Deutschen, vom Dorfpfarrer bis hin zur Kanzlerin, sorgt in der türkischen Öffentlichkeit nicht nur für Ärger, sondern wird auch vielfach mit Neid betrachtet. "Auch wenn er etwas Schlimmes getan haben soll, ist er mein Staatsbürger", fasst ein Zeitungskäufer die deutsche Haltung, wie er sie aus Tausenden von Kilometern Entfernung richtig einschätzt, zusammen: "Wir stehen geschlossen hinter unserem Bürger - das haben die Deutschen der Welt gezeigt. Bravo!" Die Türken sehen darin ein Verhalten, um das man beispielsweise die Amerikaner und Israelis schon länger beneidet: Wird einem Staatsbürger irgendwo in der Welt auch nur ein Haar gekrümmt, geht man hin und holt ihn heim. "Deutschland hat gezeigt, dass es ein großer Staat ist."

Schaden fürs Image

Am meisten freuen sich die Deutschtürken über Marcos Heimkehr. "Ich wurde hier in der Firma täglich von deutschen Kollegen wegen Marco angemacht", erzählt ein Türke aus Duisburg dem Hürriyet-Forum im Internet erleichtert. "Wenn noch einmal so etwas passiert, bitte schickt den Beschuldigten sofort zurück in seine Heimat. Die Leidtragenden sind zum Schluss doch nur wir und unser Land." Die Türkei stellte dem Spiel doch nur das Stadion zur Verfügung, und zwar unfreiwillig: "Der Mann ist Deutscher, das Mädchen Engländerin. Die englische Familie stellt eine Anzeige, die Kosten haben wir zu tragen", ärgert sich ein anderer Leser. "Und kein türkischer Regierungsvertreter hat den Deutschen gesagt: Wenn ihr etwas zu beklagen habt, dann geht und erzählt das den Engländern, aber lasst uns damit in Ruhe!" Schließlich sei es doch unbegreifbar, dass "die Perversion" von dem Deutschen ausging, aber das Ganze dem Image der Türkei schadete.

Nun - Ende gut, alles gut? "Ich glaube, dieser Junge wird in seinem ganzen Leben nicht einmal eine weibliche Fliege mehr anfassen", schließt der Zeitungsverkäufer lächelnd ab. Die Sonne strahlt, ein kalter, aber wunderschöner Wintertag in Istanbul - endlich ohne Marco.

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