"Marek"-Prozess Freiheit für die Bordell-Bosse

In den Etablissements der "Mareks" arbeiten 190 Prostituierte, die Gruppe gilt als eine der mächtigsten auf Hamburgs geiler Meile Reeperbahn. Jetzt standen ihre Chefs in einem der größten Rotlicht-Verfahren Deutschlands vor Gericht - und kamen mit Bewährung davon.

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Hamburg - Der Saal 337 des Hamburger Landgerichts ist ein hoher, karger Raum: weißgetünchte Wände, graue Holztüren, in den Boden geschraubte Pressholztische. Über dem Richterpodium hängt eine schmucklose Wanduhr. In dem Augenblick, auf den die zehn muskulösen Männer mit ihrer zur Schau getragene Lässigkeit seit knapp einem Jahr warten, zeigt sie genau 13.17 Uhr. Der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg verkündet in die Stille des Saales hinein das Urteil.

Rotlicht-Größe Marek: Der Kiez hat ihn wieder
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Rotlicht-Größe Marek: Der Kiez hat ihn wieder

Die Bordellbetreiber der "Marek-Gruppe" werden unter anderem wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels, Zuhälterei und Körperverletzung zu Bewährungsstrafen zwischen 14 und 28 Monaten verurteilt. Nur einer von ihnen muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Carsten Marek, 46, der "Vorstandsvorsitzende" der Gang, so bezeichnet ihn Richter Schaberg in der Urteilsbegründung, kommt mit einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung davon. Sein Anwalt Knud Paulsen wird später von einer "moderaten Entscheidung" sprechen und noch im selben Atemzug Revision ankündigen, weil man seinen Mandanten "auch hätte freisprechen können".

Doch jetzt, um 13.20 Uhr, als die milden Strafen kundgetan werden, ist aus dem Zuschauerraum, in dem sich die Frauen und andere Geschäftspartner der Angeklagten versammelt haben, ein kurzes Jauchzen zu vernehmen. Sofort fährt der Vorsitzende dazwischen: "Ich habe nicht die allergeringste Absicht, mir irgendwelche Kommentare der Zuhörer anzuhören. So etwas wird sich das Gericht nicht bieten lassen." Schaberg droht, den Saal räumen zu lassen. Jetzt herrscht Ruhe.

"Sie waren Kaufleute"

Überhaupt verläuft die fast anderthalb Stunden dauernde Sitzung im Folgenden bemerkenswert unaufgeregt. Die harten Kerle vom Kiez lassen sich ihre Erleichterung über das Urteil kaum anmerken. Nur einmal bricht das Eis. "Sie waren Kaufleute", spricht Schaberg, "zwar nicht unbedingt ehrbare Hamburger Kaufleute, aber diese verkehrten ja zumindest bei Ihnen." Die unterdrückten Lacher lassen die Stiernacken in den drei Sitzreihen vor der Pressebank erbeben.

Anders als die Anklage, die allein für Marek vier Jahre Haft gefordert hatte, stellt das Gericht nicht fest, dass die emotionslosen Zehn eine kriminelle Bande gebildet hatten, "um Straftaten zu begehen", so Schaberg. Die "Hamburger Jungs", wie sich die Angeklagten auch nennen, habe auf St. Pauli Absteigen mit rund 190 Prostituierten betrieben. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie die Frauen ausgebeutet und unter Druck gesetzt haben. Dem folgt das Gericht indes nicht. Die Gruppe habe Prostituierte angeworben, allerdings ohne Zwang und Schläge.

Die Methode war subtiler: "Sie sind in die Diskotheken in Hamburg und Umgebung ausgeschwärmt und haben sich einfältige Frauen ausgesucht", so der Vorsitzende Richter. Mit ihnen hätten die Angeklagten "angebandelt. Sie taten, als seien sie verliebt." Ließen sich die Frauen auf eine Beziehung ein, hätten "die Mareks" sie nach einiger Zeit vor die Wahl gestellt: "Entweder du fängst auch an oder es ist aus mit uns."

Ermunterung zur Prostitution

Verurteilt werden die Angeklagten jedoch, weil elf der auf diese Weise angeworbenen Mädchen jünger als 21 Jahre waren. Für sie gilt eine besondere Schutzvorschrift. Demnach dürfen sie nicht derart zur Prostitution "ermuntert" werden. Marek und seine Männer hatten sich immer darauf berufen, von dieser Bestimmung nichts gewusst zu haben. Das sei aber unglaubwürdig, befinden die Richter. In elf Fällen hätten sich "die Mareks" daher des gewerbsmäßigen Menschenhandels schuldig gemacht, allerdings in einer minderschweren Form, weil sich die Taten "unter den Augen der Polizei" abgespielt hätten. Milieufahnder hatten die Bordelle regelmäßig kontrolliert und waren nicht eingeschritten.

Sämtliche Angeklagten hätten zudem "am Zuhälter-Unwesen partizipiert", so der Vorsitzende Richter. "Alle haben Sie gewusst, dass die Frauen geschlagen wurden." Zwei der "Mareks" hätten selbst Prostituierte verprügelt, damit diese "besser arbeiteten". Und dann wendet sich Schaberg, seine Abscheu ist ihm anzumerken, direkt an die Angeklagten: "Sie haben das getan, damit Sie im Hafen keine Säcke schleppen müssen und mehr Geld in der Tasche haben, wenn Sie an die Ostsee fahren." Die beiden Männer erhalten von ihm etwas höhere Bewährungsstrafen.

Als die Angeklagten am Nachmittag den Sitzungssaal verlassen, warten ihre Kompagnons schon auf dem Flur. Und plötzlich zeigen die Kiez-Könige doch so etwas wie menschliche Regungen. Sie umarmen sich, hauen sich gegenseitig auf die Schultern, klatschen sich ab. Durch den Flur des Landgerichts hallen ihre tiefen Männer-Stimmen und das helle Schmatzen, das entsteht, wenn kräftige Hände auf Lederjacken hämmern. Dann sagt einer - er sieht aus wie die meisten hier: Meister-Proper-Frisur, Sonnenbankbräune, Bodybuilder-Figur - und es ist nicht ganz klar, an wen er sich richtet: "Alter, es reicht. Lass' uns endlich abhauen."

Und Mareks Meute schiebt von dannen. Der Kiez hat sie wieder.



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