Prozess Wie Carmen Würth mit dem Entführer ihres Sohnes verhandelte

Nedzad A. soll den Sohn von Reinhold und Carmen Würth entführt haben. Vor Gericht schildert die 81-jährige Mutter, wie sie die Gespräche in die Hand nahm - und wie es ihrem Sohn heute geht.

Carmen Würth mit ihrer Anwältin Manuela Lützenkirchen
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Carmen Würth mit ihrer Anwältin Manuela Lützenkirchen

Von Wiebke Ramm, Gießen


Carmen Würth ist eine bemerkenswerte Frau. Ihre 81 Jahre sieht man ihr nicht an. Sie trägt ihre schwarzen Haare zum Zopf gebunden und ein hellbraunes Cape um die Schultern. Keine fünf Meter neben ihr sitzt der mutmaßliche Entführer ihres Sohnes im Saal 227 des Landgerichts Gießen auf der Anklagebank. Sie schaut nicht hin. Nedzad A. soll es gewesen sein, der ihr die wohl schlimmsten Stunden ihres Lebens beschert hat.

Carmen Würth wirkt gefasst. Sie spricht nüchtern und ohne jeden Groll. Stattdessen sagt sie, der Mann am Telefon habe "sehr ruhig und freundlich" geklungen, als er ihr am 17. Juni 2015 mitteilte, dass ihr Sohn in seiner Gewalt sei. Auch sie sei freundlich geblieben. "Ich dachte, wenn wir freundlich miteinander reden, dann eskaliert das nicht."

An jenem Mittwoch und in der folgenden Nacht telefonierte sie mehrmals mit dem Entführer. Am nächsten Morgen kam ihr Sohn Markus frei, zwar unterkühlt und durchnässt, aber ansonsten körperlich unversehrt.

Als Zeugin vor Gericht erzählt Carmen Würth, dass sie den Anrufer zunächst für einen Arzt gehalten habe. Der Mann habe dreimal wiederholen müssen, dass er ihr Kind entführt hat, bevor es zu ihr durchgedrungen sei.

"Ich musste ja diejenige sein, die das durchsteht"

Ihr Mann, Unternehmer und Milliardär Reinhold Würth, war der Situation nicht gewachsen. "Er hat sich sehr, sehr aufgeregt", sagt seine Frau. Sie habe ihm in jener Nacht gesagt, er solle sich hinlegen und versuchen zu schlafen. So war es Carmen Würth, die handelte. "Ich musste ja diejenige sein, die das durchsteht. Ich kenne das als Mutter von drei Kindern."

Markus Würth ist nach einem Impfschaden von frühester Kindheit an geistig zurückgeblieben. Er spricht nur wenige Worte und verständigt sich vor allem mit Gesten. Bis zu seiner Entführung lebte er seit 30 Jahren in einer integrativen Einrichtung im hessischen Schlitz, nordwestlich von Fulda. Und wie üblich verließ er an jenem Donnerstag gegen zwölf Uhr die Keramikwerkstatt, in der er arbeitete, um zu Mittag zu essen. Doch beim Mittagessen kam der damals 50-Jährige nicht an. Kurz darauf erfuhr Carmen Würth von dem Verschwinden ihres Sohnes.

Um 15.41 Uhr rief der Entführer das erste Mal an. Carmen Würth war mit ihrem Mann gerade in Griechenland. "Er hat gesagt: Frau Würth, ich habe Ihren Sohn entführt", erinnert sich die Mutter vor Gericht. Sie habe ihm damals gesagt: "Der Bub ist behindert, er kann Ihnen doch gar nichts tun, lassen Sie ihn doch laufen!" Er brauche Geld, weil er krank sei. Bekäme er es nicht, würde Markus sterben, habe der Entführer gesagt. Sie erinnert sich, wie verwundert sie gewesen sei, als der Mann dann nur drei Millionen Euro gefordert habe. "Ich habe gedacht, da kommt jetzt eine Riesenforderung."

Nedzad A. vor Gericht
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Nedzad A. vor Gericht

Carmen und Reinhold Würth flogen zurück nach Deutschland und organisierten das Geld. Telefonisch und per Mail gab der Entführer immer neue Anweisungen. Er forderte aufwendige Vorkehrungen von Carmen Würth, die Verwendung von Funkgeräten, die Markierung ihres Autos mit fluoreszierender Farbe, gab Koordinaten für einen Übergabeort durch, änderte mehrmals Ort und Details. "Ganz verrückte Angaben hat er gemacht", sagt sie. Zur Übergabe des Geldes kam es nicht.

Angekettet an einem Baum

Schließlich rief der Entführer erneut an. Mittlerweile war es Freitagmorgen. Wieder gab er Koordinaten durch, diesmal für den Ort, an dem die Mutter ihren Sohn angekettet an einem Baum in einem Waldstück bei Würzburg finden würde. "Ich fragte ihn: 'Was ist jetzt mit Ihrem Geld?' Da hat er gelacht und gefragt: 'Wollen Sie es mir schenken?'" Sie habe einfach nichts falsch machen wollen, sagt die Mutter. Die Polizei fand ihren Sohn dann an dem angegebenen Ort.

Markus Würth muss ein sehr freundlicher, sehr aufgeschlossener Mensch sein. Betreuer aus der Einrichtung und auch seine Mutter schildern ihn vor Gericht als wenig misstrauisch. Carmen Würth sagt auch, dass ihr Sohn ein "unheimlich gutes Gedächtnis" habe: "Durch seine Behinderung hat er andere Stärken als andere, das Aussehen und die Sätze von Personen prägen sich ihm ganz anders ein. Auch nach Jahren erkennt er Personen wieder und wiederholt dann mit Gesten Erfahrungen, die er mit diesen Menschen gemacht hat."

An eine Geste erinnert sich die Mutter besonders. Markus Würth habe einmal auf seine Füße gezeigt, mit einer Hand eine Umwickelbewegung gemacht und mit beiden Händen so getan, als zöge er etwas zu. "Er hat gezeigt, was ihm widerfahren war", sagt sie: "Er hat die Kette um seine Beine und die Kabelbinder um seine Füße angedeutet. Dabei wirkte er sehr ernst." Der Richter fragt nach den Folgen der Tat für ihren Sohn. Es sei ihm nichts anzumerken, sagt sie. "Aber ich glaube schon, dass er da ab und zu dran denkt."

Nedzad A. verfolgt der Aussage der Mutter regungslos. Er muss sich wegen erpresserischen Menschenraubs vor Gericht verantworten. Zu den Vorwürfen hat er sich bisher nicht geäußert. Es ist vor allem eine Stimmenanalyse, die ihn auf die Anklagebank gebracht hat. Mehrere Anrufe des Entführers wurden mitgeschnitten. Am nächsten Verhandlungstag soll ein Stimmenexperte vor Gericht gehört werden.


Anmerkung: Wir haben das Wort "Impffehler" im Text durch den in diesem Fall korrekten Begriff "Impfschaden" ersetzt. Bei Markus Würth ist nach einer Schutzimpfung ein über eine normale Impfreaktion hinaus bleibender Schaden aufgetreten

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