Marwa-Prozess in Dresden "Ich dachte, der sticht sich jetzt den Weg frei"

REUTERS

Aus Dresden berichtet

2. Teil: Plötzlich sprang der Angeklagte auf


Es sei dann noch darum gegangen, wer damals die Polizei zum Spielplatz geholt habe. Die Ägypterin sei es wohl nicht gewesen. Sie habe auch nicht Anzeige erstattet. "Ich fragte, ob die Zeugin entlassen werden kann. W. meldete sich, er habe noch eine Frage. Er wollte wissen, warum sich die Frau in Deutschland aufhalte. Seine Stimme wurde etwas lauter. Ich wies die Frage als nicht zum Sachverhalt gehörend zurück. W. aber wiederholte den Satz. Nun duzte er die Zeugin. Daraufhin nahm ich die Frage ins Protokoll auf. W. sagte nichts mehr. Sein Verteidiger nahm ihn am Ärmel: 'Solche Fragen stellen wir jetzt nicht!'"

Als die Zeugin vom Richtertisch wegging, wo ihr der Vorsitzende ein Formular wegen eventuellen Verdienstausfalls gegeben hatte, fiel Maciejewski wieder das Geräusch des Reißverschlusses auf. "Ich verabschiedete mich von Frau al-Shirbini. Ihr Mann kam von hinten mit dem Sohn an der Hand. Sie ging auf die Tür zu. Dann ging es rasend schnell. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Ich nahm gerade ein neues Blatt zu Hand, als ich sah, wie der Angeklagte plötzlich aufsprang und mit seinen Fäusten auf die Zeugin einschlug. Wie ein Maschinengewehr! Es waren dumpfe Schläge. Im Nachhinein wunderte ich mich immer wieder, wieso die Schläge so dumpf waren. Ich sprang auf und schrie: 'Lassen Sie die Frau los!' Ich rannte hin und wollte ihn greifen. In diesem Moment..."

Selten erlebt man in einem Gerichtsaal einen Vorsitzenden Richter, dem - überwältigt von einer traumatischen Erinnerung - die Stimme versagt. Maciejewski versuchte sich zu fassen. "In diesem Moment sehe ich, dass er in der rechten Hand ein Messer hat. Er hatte sich etwas zu mir gedreht. Ich sah die Klinge. Ich kenne ja solche Messer mit 18 bis 20 Zentimeter Klingenlänge aus meinen Strafverfahren."

Er sei sofort zur Richterbank gerannt und habe vier-, fünfmal auf den Notrufknopf geschlagen. "W. schlug noch immer auf die Frau ein. Den Ehemann habe ich überhaupt nicht wahrgenommen. Der Verteidiger sprang auf und schrie: 'Hören Sie auf! Hören Sie auf!' Ich bin wieder zu W. und schrie auch: 'Hören Sie auf!' Ich habe noch in Erinnerung, dass die Frau zu Boden ging. Ob W. sich über sie bückte und weiter zustach, weiß ich nicht mehr. Ich habe noch das Bild im Kopf, dass das Kind neben seiner Mutter am Boden saß oder kniete. Und kein Wort sagte. Es waren nur Sekunden."

"Ich dachte, er sticht mich jetzt ab"

Er habe dann wieder versucht, nach W. zu greifen und ihn angeschrien. "Er drehte sich zu mir mit dem Messer in der Hand und stach mehrfach in meine Richtung. Ich wich zurück. Ich weiß noch, dass ich dachte, er sticht mich jetzt ab. Ich dachte, dass ich heute Abend nicht nach Hause kommen werde, schade."

Dann beschrieb Maciejewski, wie er auf dem Flur eine Angestellte anschrie: "Einen Arzt, einen Arzt!" Wie er einen Rechtsanwalt packte, damit der einen Arzt hole. Wie er Wartende anschrie, sie sollten weglaufen. "Ich dachte, der sticht sich jetzt den Weg frei! Dann bin ich zurückgelaufen. Als ich am Fahrstuhl war, hörte ich einen Schuss. Ich war erstaunt, wie laut der war. Ich bin wieder in den Sitzungssaal. Frau al-Schirbini lag in einer Ecke. Der Verteidiger hockte neben ihr und schrie: 'Eine Decke! Eine Decke!' Ich zog meine Robe aus. Seine Robe drückte er schon gegen den Bauch der Frau, um die Blutung zu stillen. Ach, ich habe noch eines vergessen: Als W. mit dem Messer auf mich zukam, warf der Verteidiger einen Stuhl nach ihm. Und dann schob er einen dieser schweren Tische vor mich."

Der Ehemann habe auf dem Boden gelegen und geblutet. "Sie haben nicht mitbekommen, dass der Mann ebenfalls niedergestochen wurde?" fragt die Vorsitzende Birgit Wiegand. "Nein! Ich sah nur eine Blutlache. Ich weiß noch, dass sich der Mann mit beiden Händen an mich gekrallt hat und rief: 'Sie stirbt! Sie stirbt!' Ich sagte immer wieder zu ihm, er müsse durchhalten, sie sterbe nicht, er müsse tapfer sein für sein Kind." Maciejewski kämpfte mit den Tränen.

Irgendjemand habe dann gesagt: Kann sich jemand um das Kind kümmern? Den Notarzt habe er nicht bemerkt. Es sei alles so schnell gegangen. Man habe zu reanimieren versucht, immer und immer wieder. "Es dauerte ewig. So kam es mir jedenfalls vor. Der Ehemann sagte immer wieder: 'Sie stirbt!' Und ich: 'Nein!'"

Der Tod trat in Minutenschnelle ein

Die Vorsitzende fragt Maciejewski, ob er sofort den Notrufknopf gedrückt habe, als er die Schläge, die tatsächlich Stiche waren, bemerkt habe. Der Richter als Zeuge fasst sich: "Ich bin ein vorsichtiger und umsichtiger Richter seit Jahren. Ich sehe jede Akte durch, ob sitzungspolizeiliche Maßnahmen anzuordnen sind. Hier gab es für mich keinen Anhalt. Sonst hätte ich doch einen Wachtmeister in den Saal gesetzt!" W. sei ruhig gewesen und sachlich. "Wenn ich das Messer gleich gesehen hätte, hätte ich natürlich sofort den Knopf gedrückt", beteuert der Zeuge. "Ich dachte, er schlägt zu, und wollte ihn von der Frau wegziehen."

Zu retten wäre Marwa al-Schirbini auch nicht gewesen, wenn Maciejewski sofort Alarm ausgelöst hätte. Der Tod trat in Minutenschnelle ein angesichts der mit enormer Wucht geführten 16 Stichverletzungen, durch die unter anderem der Herzbeutel verletzt wurde. Die Dresdner Rechtsmedizinerin Christine Erfurt ließ in ihrem Gutachten keinen Raum für etwaige Spekulationen.

Was ist Maciejewski vorzuwerfen? Dass die sächsische Justiz kein Geld hat oder ausgeben will, um in jedem größeren Landgericht Sicherheitsschleusen einzubauen? Dass seit langem hin und her diskutiert wird, ob man denn nun eine "gläserne Justiz" haben wolle oder nicht? Wenn jemand mit einer Strafanzeige zu überziehen wäre, dann sind es die Leute, die die politische Verantwortung dafür tragen, dass ausgerechnet an der Sicherheit gespart wird.

Manchmal kostet sparen weitaus mehr als ein paar Euro. Marwa al-Schirbini kostete es das Leben.

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Seite 1
tomac_stamp, 26.10.2009
1. Unverständlich
Zitat von sysopScharfschützen, Spezialeinsatzkräfte, Panzerglas: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt in Dresden der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin Marwa al-Schirbini. Das Landgericht gleicht einer Festung. Ist nach den leidvollen Erfahrungen das Recht in deutschen Gerichtssälen in Sicherheit?
Ehrlich gesagt verstehe ich es überhaupt nicht, wie jemand bei seinem eigenen Prozess bewaffnet in einen Gerichtssaal kommen und ganz in Ruhe und genüsslich eine Person niedermetzeln kann. So teuer können Metalldetektoren doch nicht sein, oder? Und wo war die Polizei? Man liest wenig darüber und statt dessen viel von der angestachelten und unverhältnismäßigen Empörung in Ägypten. Dass man jetzt so eine Heckmeck veranstalten muss um einen Durchgeknallten zu beschützen und den eigenen guten Ruf zu waren, hat man sich selbst zuzuschreiben! Und wer kümmert sich eigentlich um die Familie des Opfers?
trendy_randy 26.10.2009
2. Rechtsstaat
Zitat von sysopScharfschützen, Spezialeinsatzkräfte, Panzerglas: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt in Dresden der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin Marwa al-Schirbini. Das Landgericht gleicht einer Festung. Ist nach den leidvollen Erfahrungen das Recht in deutschen Gerichtssälen in Sicherheit?
Wie heißt es doch gleich: 80% glauben an den Rechtsstaat; 20% haben schon mit ihm zu tun gehabt.
newright 26.10.2009
3. Presse neutralität
"Ist nach den leidvollen Erfahrungen das Recht in deutschen Gerichtssälen in Sicherheit?" Scheinbar nicht mehr. Hauptsache im letzten Satz die arabische Rhetorik eingeführt. Vielleicht ist das Schariagesetz ja viel fairer. Lasst uns Dieben die Hand abhaken und Frauen die Hosen tragen auspeitschen. Die Scharia-Leute haben überhaupt kein Recht zu urteilen. Aber wie immer die deutsche Justiz kuscht vor den arabischen Massen.
donbilbo 26.10.2009
4. Oh
Natürlich ist das Recht in deutschen Gerichtssälen nicht mehr sicher. Schliesslich werden pro Jahr nur 10(00000) Verhandlungen in ganz Deutschland geführt und wenn dann alle 60 Jahre bei einer simplen Verhandlung jemand im Gericht zu Schaden kommt, ist das ein Skandal. Genauso unsicher wie deutsche Krankenhäuser. Täglicher Ärztepfusch... Flugzeuge, ständig stürzen sie ab... Hochhäuser, ständig fliegen Flugzeuge in sie... Atomkraft, andauernd Unfälle mit tausenden Toten... Nazis, kein Tag ohne ermordete Migranten... Klimawandel, die Gefahr in einer Sintflut zu ertrinken, im Winter von 40 Grad Gluthitze gegrillt zu werden oder ein kinderkopfgrosses Hagelkorn auf den Kopf zu bekommen war noch nie so gross... Internet, man muss nur online gehen schon wird man ausgeraubt, betrogen oder mit Kinderpornos traumatisiert... Als Deutscher also am besten einen ausländischen Vormund beantragen der einen durch die ständigen Gefahren begleitet und im Zweifelsfall für sämtliche (natur)Ereignisse die Verantwortung übernehmen muss.
Daniel Freuers, 26.10.2009
5.
Zitat von sysopScharfschützen, Spezialeinsatzkräfte, Panzerglas: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt in Dresden der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin Marwa al-Schirbini. Das Landgericht gleicht einer Festung. Ist nach den leidvollen Erfahrungen das Recht in deutschen Gerichtssälen in Sicherheit?
Die Frage erübrigt sich doch von selbst bei Einsatz von Scharfschützen, Spezialeinsatzkräften usw. Wir haben zu unseren Gästen eben vollstes Vertrauen, ....erinnert mich irgendwie an Baader-Meinhof Zeiten
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