Maschmeyer-Erpresser vor Gericht: Der Irrweg des Karl Hund

Von , Hannover

Walter Z. ist als Immobilienhändler gut im Geschäft, doch Ende 2011 bleiben ihm nichts als Schulden. Als er einen TV-Beitrag über den Finanzdienstleister AWD sieht, kommt er auf die Idee: Er nennt sich Hund, erpresst Firmengründer Maschmeyer, bedroht dessen Partnerin Ferres. Nun fiel das Urteil.

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dapd

Unternehmer Maschmeyer, Partnerin Ferres: "Ich bereue aus tiefstem Herzen"

Carsten Maschmeyers Karriere ist schillernd. Der Gründer des umstrittenen Finanzdienstleisters AWD kickerte einst mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff und trank Rotwein mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bald wird er die Schauspielerin Veronica Ferres heiraten.

Walter Z.s Karriere liegt in Trümmern. Seine Immobilienfirma ist insolvent, das Konto weit überzogen, die Ehe am Ende, der Kontakt zur 22-jährigen Tochter spärlich.

Der gelernte Kaufmann sitzt im Dezember 2011 vor dem Fernseher und sieht die ARD-Sendung "Panorama", darin ein Beitrag über Maschmeyer, seinen Erfolg, sein Leben, sein Vermögen, das auf 650 Millionen Euro geschätzt wird. Walter Z. fasst einen Plan.

Am 14. Dezember, einen Tag vor seinem 60. Geburtstag, marschiert er in ein Internetcafé in Düsseldorf, denkt eine halbe Stunde lang nach, legt einen E-Mail-Account auf den Namen Karl Hund an und schreibt eine E-Mail.

"Nicht wirklich geehrter Herr Maschmeyer", tippt Walter Z. und gibt vor, einer von 15 geprellten AWD-Kunden zu sein, über die "Panorama" berichtet hatte: "Wir wollen uns wehren: Wir fordern 2,5 Millionen Euro zurück, um die Sie uns betrogen haben." Maschmeyers Berater hätten ihnen Anlagen aufgeschwatzt, schreibt Z. und droht: "Sie und Frau Ferres werden nicht mehr sicher sein." Der Multimillionär könne die Schauspielerin nicht beschützen, sie werde ab jetzt in Angst leben müssen.

Der Lebensgefährte seiner Ex-Frau lieh ihm Geld

Tatsächlich hatte Walter Z. nie selbst mit Maschmeyer zu tun, die Verbindung, die er vor Gericht anführte, schien arg konstruiert. Mit seinem Geschäftspartner investierte Z. in geschlossene Fonds, die ihnen ein Berater empfahl, der wiederum früher einmal für den AWD gearbeitet hatte. "Das hat meine Existenz ruiniert", sagt Walter Z. am Montag vor dem Amtsgericht Hannover. Er ist angeklagt wegen versuchter räuberischer Erpressung.

Walter Z., wohnhaft in Grevenbroich, ist ein hochgewachsener Mann, die Haare und Koteletten ergraut. Ein eloquenter Typ mit schwarzem Sakko, weißem Hemd, schwarzem Wollpullover und passendem Schal. Er ist geständig und devot, er hofft auf eine Bewährungsstrafe.

Die Aktion sei "Unsinn", "Quatsch", "Schwachsinn" gewesen, sagt er immer wieder. Ausführlich beschreibt er dem Schöffengericht "die Historie" der Notlage, aus der heraus er agiert habe. Es wird deutlich, wie sehr ihm sein finanzielles Desaster zugesetzt haben muss: Er, der die London School of Economics besuchte, einen eigenen Finanzdienst in Los Angeles besaß, bei Lehman Brothers in New York arbeitete und sein eigenes Immobilienunternehmen aufbaute, stand im Dezember 2011 vor einem Schuldenberg. Der Lebensgefährte seiner Ex-Frau lieh ihm 25.000 Euro. Welch Schmach.

Wenige Monate zuvor war Walter Z. wegen Sachbeschädigung verurteilt worden. Er hatte in einem Elektromarkt versucht, mit den Zähnen die Verpackung einer Druckerpatrone im Wert von 32 Euro zu öffnen, angeblich um sie zu klauen.

Walter Z. hat eine Idee - aber keinen wirklichen Plan

Als er die Dokumentation über Maschmeyers Machenschaften sieht, ist Walter Z. am Tiefpunkt angelangt. In der Zeitung hat er gelesen, dass Maschmeyer Aktien des Schweizer Finanzkonzerns Swiss Life im Wert von 64,75 Millionen Franken verkauft hat. Walter Z. denkt: 2,5 Millionen Euro tun so einem nicht weh. Unterschwellig brodelt die Wut, dem ehemaligen Angestellten Maschmeyers auf den Leim gegangen zu sein. Bei seiner Festnahme wird Walter Z. später sagen, er habe nicht gewusst, wie er sonst "über die Runden kommen" solle.

Carsten Maschmeyer sagte bei der Vernehmung durch die Polizei, er habe die Mail erhalten, als er gerade auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier gewesen sei. Er bekomme "viele unschöne" Mails, aber diese habe er sehr ernst genommen, sofort über seinen Sicherheitschef Personenschutz für Veronica Ferres organisiert und die Polizei eingeschaltet.

Er habe die E-Mail als bedrohlich empfunden, so Maschmeyer, weil von mehreren Leuten die Rede gewesen sei, die sich rächen wollten. Die konkrete Summe und der enge Zeitrahmen hätten sein Gefühl verstärkt. Veronica Ferres habe mit ihrer Tochter sofort in ein Hotel ziehen wollen, für eine Feier ihrer Familie in Solingen hätten sie zusätzlichen Schutz angefordert.

Was Maschmeyer nicht ahnt: Walter Z. hat zwar eine Idee, einen Plan hat er nicht. Zwei Tage nach seiner E-Mail verlangt Walter Z., alias Karl Hund, ein Bote möge am 17. Dezember um 10 Uhr auf einer Raststätte 2,5 Millionen Euro in 50-Euro-Scheinen überbringen. Genaue Anweisungen würden per Handy folgen. Maschmeyer sagt, er schicke zwei Leute, einen Mann und eine Frau. Tatsächlich handelt es sich um zwei Polizeibeamte.

Walter Z. lotst sie per Handy erst Richtung Bremen, dann in die Innenstadt von Münster, mitten in den Weihnachtstrubel. Drei Stunden delegiert er sie herum. "Ich war überfordert", sagt Walter Z. vor Gericht, "das dirigistische Verhalten war aus der Not geboren, ich wusste nicht, was ich tue."

"Ich bereue aus tiefstem Herzen"

In einer großen Buchhandlung läuft Walter Z. an der Polizistin vorbei, die das Geld bei sich trägt. Er traut sich nicht, verlässt das Geschäft, läuft zu seinem Auto, kehrt um. In einer McDonalds-Filiale überwältigt ihn die Polizei, Walter Z. leistet keinen Widerstand.

Richter Michael Siegfried verliest die Anrufprotokolle. Walter Z. ging demnach so dilettantisch vor, dass die Polizeibeamtin während eines Telefonats zu dem Erpresser das Zutrauen fasst, sich zu beschweren, weil sie durch das Hin und Her eiskalte Füße habe. Später sagt sie genervt, man solle das Vorhaben doch jetzt endlich zu Ende bringen. Walter Z. hingegen sagt tollkühn in den Hörer: "Wir haben Leute in der Nähe von Frau Ferres!"

Tatsächlich sieht es anders aus: "Ich kenne Frau Ferres nicht, ich weiß nicht, wo sie arbeitet, ich weiß nicht, wo sie wohnt", beteuert er immer wieder vor Gericht.

Walter Z. versteht an jenem Tag im Dezember ziemlich schnell, dass die vermeintlichen Geldboten Polizisten sind. Warum er seinen Plan dennoch nicht abbricht, darauf findet er am Montag keine Erklärung. "Ich wollte es sein lassen", sagt er. Vermutlich war die Aussicht auf viel Geld zu verlockend.

In seinem letzten Wort vor der Urteilsverkündung zeigt Walter Z. Reue. Ihm sei klar geworden, was er Maschmeyer und Ferres angetan habe. "Die ganze Tat war von Anfang an völliger Unsinn. Ich bereue aus tiefstem Herzen."

Das Gericht verurteilte Walter Z. noch am Montag zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft, sein Verteidiger hatte auf Bewährung plädiert, der Oberstaatsanwalt auf drei Jahre Haft. Der 60-Jährige lässt bei der Verkündung den Kopf enttäuscht in die rechte Hand sacken.

Das Gericht habe das Geständnis und die verzweifelte Lage Z.s berücksichtigt, sagt Richter Siegfried in der Urteilsbegründung. Auch glaube man ihm, dass er bei seinem letzten Gespräch mit der Geldbotin unentschlossen gewesen sei. Doch ein sogenannter strafbefreiender Rücktritt von der Tat sei das nicht. Zudem habe in erster Linie - Wut auf den AWD hin oder her - Veronica Ferres im Mittelpunkt der Bedrohung gestanden. Dadurch, dass Walter Z. auch suggeriert habe, es handele sich um insgesamt 15 Personen, die Maschmeyer erpressten, habe er ein hohes Bedrohungspotential geschaffen.

Es war nicht das erste Mal, dass Walter Z. in eine Situation rutschte, aus der es angeblich kein Entkommen gab: Seiner Lebensgefährtin, einer alleinerziehenden Mutter von Zwillingen, die er bei einer Partnerbörse im Internet kennengelernt hatte, präsentierte er sich unter einem Pseudonym, mit dem er sich auch sonst im Internet herumtrieb. Die Partnerschaft baute er auf einer Legende auf, seine wahre Identität verheimlichte er ihr. Irgendwann habe er gemerkt, sagt er am Montag: "Aus der Nummer komme ich nicht wieder raus."

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