Streit um Existenz von Masernviren Impfgegner siegt vor Gericht

100.000 Euro wollte ein Impfgegner demjenigen zahlen, der einen Beweis für das Masernvirus erbrachte. Ein Mediziner lieferte - und geht nun doch leer aus. Wegen einer Formalie.


Es geht ein paar Minuten später los im Saal 2.10 des Oberlandesgerichts Stuttgart. Stefan Lanka nutzt die Bühne gerne. Draußen im Treppenhaus des Gerichtsgebäudes gibt der Impfgegner Interviews vor den Kameras. Lanka verlangt nichts weniger als einen "Paradigmenwechsel in der Medizin".

Ein Masernvirus gebe es nicht, und nein, in seiner Kindheit sei er nie krank gewesen. Und die gesicherten Erkenntnisse der Wissenschaft? Lanka antwortet: "Wir sind eine kämpfende Kultur." Entsprechend militaristisch gehe die Gesellschaft auch gegen Krankheiten vor. Dann zitiert er Mahatma Gandhi. Drei Dinge könnten nicht verborgen bleiben: "Die Sonne, der Mond, die Wahrheit."

Am heutigen Mittwoch wurde unter dem Aktenzeichen OLG Stuttgart 12 U 63/15 ein ungewöhnlicher Fall verhandelt. Lanka, ein 52-jähriger Biologe vom Bodensee, hatte auf seiner Webseite eine Prämie von 100.000 Euro ausgelobt für denjenigen, der ihm wissenschaftlich die Existenz von Masernviren belegen könne.

Lankas Überzeugung: Natürlich gebe es das Virus nicht. Titel der Ausschreibung von 2011: "Das Masern-Virus - 100.000 EUR Belohnung! - WANTED - Der Durchmesser"

David Bardens, 30, damals Medizinstudent und heute Arzt, las die Auslobung. Er erkundigte sich, ob die Sache ernst gemeint sei, was Lanka bejahte. Dann ging Bardens in die Bibliothek, stellte dort sechs Publikationen zusammen und schickte sie Lanka - verbunden mit einer Zahlungsaufforderung.

Masernvirus (künstlerische Darstellung): Langer Rechtsstreit um Wette
Corbis

Masernvirus (künstlerische Darstellung): Langer Rechtsstreit um Wette

Lanka wollte jedoch nicht zahlen, der Fall ging vor Gericht. In erster Instanz verurteilte das Landgericht Ravensburg Lanka dazu, die Summe zu überweisen. Es habe sich um ein "ernst gemeintes bindendes Belohnungsversprechen" gehandelt, laut Paragraph 657 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Der Impfgegner rief daraufhin die nächste Instanz an - das Oberlandesgericht Stuttgart.

Die gab nun dem Impfgegner recht, aus formalen Gründen. Der Auslober habe sich eine einzige Arbeit mit dem Beweis gewünscht, der Kläger habe hingegen mehrere Publikationen geliefert, die nur in der Summe den Nachweis erbrächten. Daher: "Der Berufung wird im Wesentlichen stattgegeben."

"Passen Sie mit Ihren Überschriften auf"

Allerdings sei dies keineswegs als Bestätigung der Theorien Lankas zu verstehen, so das Gericht: Man sei keinesfalls der Meinung, "dass ein Masernvirus nicht existiert". Und an die anwesenden Pressevertreter gerichtet, sagte der Vorsitzende Richter: "Passen Sie mit Ihren Überschriften auf."

Denn am wissenschaftlichen Konsens ändert natürlich auch das Stuttgarter Urteil nicht: Das Virus wird durch Tröpfchen übertragen, wer nicht geimpft ist, steckt sich sehr leicht an. Auf den typischen roten Hautausschlag können schwere Schäden folgen, Behinderungen, Lähmungen. Der Impfstoff besteht aus abgeschwächten Masernviren.

Einhellig warnen deshalb die Mediziner vor einem Vormarsch der Masern. Das Robert-Koch-Institut zählte 2465 Fälle im Jahre 2015, fünfmal so viel wie im Jahr 2014.

Dass solche Fakten die Impfgegner nicht überzeugen können, zeigte der Verlauf der Gerichtsverhandlung. Lanka hatte einen regelrechten Fanclub mitgemacht, der bei manchen Einlassungen applaudierte. In den Prozesspausen tauschte man Horror-Erlebnisse von Arztbesuchen aus.

Geschlossenes Weltbild

Der Beklagte offenbarte ein geschlossenes Weltbild. Der Richter fragte: "Wie wollen Sie denn beweisen, dass es kein Virus nicht gibt?" Impfgegner Lanka antwortete: "Indem man darauf schaut und sieht, dass es keine virale Struktur gibt." Er habe historisch recherchiert, die gesamte Wissenschaft unterliege einer "Fehlentwicklung".

Lanka sagt, die Publikationen seien das Papier nicht wert. Beim Impfen litten Kinder unnötig, Mütter setzten sie unnötigen Risiken aus. Eine von Lankas Publikationen trägt den Titel "Impfen und Aids: Der Neue Holocaust". Vor einigen Jahren hatte der Impfgegner den damaligen Präsidenten des Robert-Koch-Instituts als "Massenmörder" beschimpft.

10.000 wissenschaftliche Artikel über Masern zählte ein Gutachter in der Vorinstanz. Doch die geballte Erkenntnis der Wissenschaft, das legte das Gerichtsverfahren offen, kommt nicht bei denjenigen an, die statt auf die Wissenschaft auf Verschwörungstheorien setzen.

So freute sich der Impfgegner Lanka über den gelungenen PR-Coup und wertete die Entscheidung des Oberlandesgerichts in seinem Sinne: Als "Wendepunkt" in der Masernforschung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 332 Beiträge
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Seite 1
skygirl 16.02.2016
1. Schade...
das Problem wird jetzt sicher sein, dass die Impfgegner dies als "Sieg" für ihre Sache verschwurbeln werden.
singpat 16.02.2016
2. Schade
… was lernen wir daraus: Vor Gericht und auf hoher See… aber lassen wir das. Die deutsche Justiz ist halt einfach unberechenbar.
Bueckstueck 16.02.2016
3. Mehr Glück als Verstand
Da hat der Lanka ja nochmal Glück gehabt. Ich frage mich aber, wie so ein Dödel in die Wissenschaft gekommen ist, wenn er nicht mal die bereits seit einiger Zeit existierenden Beweise, die seine krude These wiederlegen, versteht.
fraumarek 16.02.2016
4. Erschreckend !
Das ist heute, im Zeitalter von Wissenschaft, Forschung und Hi-tech, solche tumben Verschwörungstheoretiker recht bekommen vor einem deutschen Gericht. Und sei es auch nur formal, nicht in der Sache.
Buerste 16.02.2016
5.
Gegen Menschen, die aus einem geschlossenen Wahnsystem heraus argumentieren, kommt man mit Vernunft und guten Worten nicht an. Das wird jeder Psychiater bestätigen. Das Urteil mag in der Sache richtig sein, wird die Impfgegner aber nur bestärken. "Seht Ihr, das Oberlandesgericht sieht es wie wir!".
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