Französischer Mordfall Die Spur zum "Maskenmann"

Martin N. entführte drei Kinder aus Schullandheimen und brachte sie um. Tötete der "Maskenmann" auch einen Jungen in Frankreich? Die dortigen Ermittler gehen einem neuen Hinweis nach.

Phantombild des "Maskenmanns"
DPA

Phantombild des "Maskenmanns"

Von , Paris


Am liebsten würde die deutsche Öffentlichkeit wohl nie mehr etwas vom "Maskenmann" hören, der in den Jahren 1992, 1995 und 2001 drei kleine Jungen ermordete und bis zu 40 weitere Jungen misshandelte - stets des Nachts, in dunkler Kleidung und maskiert. Dafür sitzt der 47-jährige ehemalige Erzieher Martin N. heute in Niedersachsen eine lebenslange Freiheitsstrafe ab. Bei seiner Verurteilung 2012 ordnete das Landgericht Stade auch Sicherungsverwahrung an.

Nun haben Polizei und Justiz in Frankreich plötzlich großes Interesse an ihm. Auf Hinweise der deutschen Staatsanwaltschaft haben sie neue Ermittlungen in einem 14 Jahre alten Mordfall aufgenommen. Schon Anfang April schrieben sie eine öffentliche Fahndung nach einem Rucksack aus, der im April 2004 in der Nähe des Atlantik-Hafens Saint-Nazaire verloren ging. Nur wusste damals niemand, warum dieser Rucksack so wichtig war.

Nach übereinstimmenden Presseberichten, die sich auf Kreise der Staatsanwaltschaft in der Regionalhauptstadt Nantes beziehen, wird nach dem Rucksack gesucht, weil ihn Martin N. damals bei einer weiteren Mordtat verloren haben soll. Er soll dies vor einigen Monaten einem Mithäftling in Niedersachsen erzählt haben, der die Information an die Behörden weitergab.

Es geht dabei um den Mord an dem 11-jährigen Jonathan Coulom, der in der Nacht vom 6. auf dem 7. April 2004 aus einem Kinder-Freizeitheim in der Nähe Saint-Nazaires entführt und sechs Wochen später ermordet und misshandelt in einem See in 30 Kilometer Entfernung gefunden wurde. Der Mord blieb trotz großem Ermittlungsaufwand ungeklärt.

Lange Ermittlungen

Schon wenige Tage nach der Tat hatte damals die deutsche Polizei ihre französischen Kollegen kontaktiert, weil sie beim Mord Jonathans das Tatmuster des "Maskenmanns" wiedererkannte, der dann aber erst Jahre später, im April 2011, in Deutschland überführt wurde. Die französische Polizei nahm damals den Hinweis auf einen deutschen Täter zwar zunächst ernst, aber dann geschah ein Ermittlungsfehler: Nach der ersten Obduktion der Leiche Jonathans ging man davon aus, dass diese nicht lange in dem See gelegen hatte. Es wurde vermutet, dass der Täter Jonathan länger in der Gegend gefangen gehalten habe - das passte nicht mehr ins Mord-Schema des "Maskenmannes".

Die französische Polizei nahm daraufhin 1500 DNA-Proben von Männern aus der Umgebung, ein bis dahin in Frankreich einmaliger Vorgang. Doch dann erwies sich die Obduktion als falsch, Jonathan war doch schon in der Nacht seiner Entführung gestorben - und der "Maskenmann" geriet erneut ins Visier. Zumal Passanten an dem See ein Auto mit deutschen Kennzeichen gesehen hatten. Anschließend ermittelte die französische Polizei unter deutschen Arbeitern, die in der Region arbeiteten, insbesondere beim nahen Airbus-Werk und in der großen Werft von Saint-Nazaire, wo im Jahr 2004 der Luxusdampfer Queen Mary 2 gebaut wurde. Doch erfolglos. Für die französischen Ermittler bleibt der Fall seither eine offene Wunde, nicht zuletzt wegen des enormen Aufwands, der in ihn gesteckt wurde.

Die Neuigkeiten aus Niedersachsen erweckten deshalb in Frankreich sofort Hoffnungen auf eine Klärung des Falls. "Ich brauche einen Prozess", sagte die Mutter Jonathans in einem Interview mit der westfranzösischen Zeitung "Quest-France". Eine Anwältin der Opferfamilie warnte zugleich vor vorschnellen Erwartungen: "Ein Gespräch mit einem Mithäftling ist noch kein Geständnis", sagte Rechtsanwältin Cathy Richard in Bezug darauf, dass N. seine drei Mordtaten in Deutschland gestanden hatte, aber jede Verwicklung in den Fall Jonathan bisher abstritt.

Eben deshalb ist die Suche nach dem Rucksack so wichtig. N. erzählte dem Mithäftling angeblich, dass er ihn bei der Tat verloren habe. Findet man ihn heute noch, wäre er ein erstes handfestes Indiz, dass sich N. damals tatsächlich in Tatortnähe befand.

Für den ermittelnden Staatsanwalt von Nantes, Pierre Sennès, aber bedarf es bei den Nachforschungen nun keiner weiteren Unterstützung der Öffentlichkeit. Er bedauerte, dass verdeckte Informationen an die Presse gelangt waren und bat alle Seiten um "größte Zurückhaltung". Nur so könnte "die laufende Ermittlung effizient fortgesetzt werden".

Dies könnte darauf hindeuten, dass seine Behörde noch über weitere Indizien verfügt, die auf die Verwicklung N.s in den Fall Jonathan hindeuten.

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