"Maskenmann" Martin N. vor Gericht Kühles Geständnis

Martin N. hat gestanden, drei Jungen getötet und weitere missbraucht zu haben. Sein Verteidiger verlas vor Gericht eine entsprechende, nüchterne Erklärung. Echte Reue? Davon war kaum etwas zu spüren. Was die Taten des "Maskenmanns" bedeuten, offenbarte die Mutter eines Opfers.

Martin N. vor dem Landgericht Stade: Entsetzen über die eigene Tat mitgeteilt
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Martin N. vor dem Landgericht Stade: Entsetzen über die eigene Tat mitgeteilt


Er hat die drei schlimmsten Taten, die Morde an drei Jungen, ohne Einschränkung zugegeben. Er hat den größten Teil jener Übergriffe auf zumeist schlafende, schlaftrunkene Jungen, an die er sich in Landschulheimen und Internaten nachts herangeschlichen hatte, gestanden. So, wie die Staatsanwaltschaft sie ihm vorwirft.

Er hat auch sein Entsetzen über sich und seine Taten, Reue und Scham mitteilen lassen. Es klang schon glaubhaft, was die Verteidiger von Martin N., 40, dem in Norddeutschland gefürchteten "Maskenmann", am Mittwoch vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Stade im Namen ihres Mandanten vorlasen. Und doch - die Worte blieben blass, geschäftsmäßig nüchtern, und entbehrten jener Erschütterung, die sie offenbar hätten ausdrücken sollen.

Die Verteidiger Christian Esche und Ralph Wichmann hatten schon früh für diesen Mittwoch eine eineinhalbstündige "Erklärung" des Angeklagten angekündigt. Doch sie fiel erheblich kürzer und karger aus als erwartet.

"Ich hab' gedacht: bitte nicht!"

Der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp, nun gleichsam über einen Überschuss an Verhandlungszeit verfügend, wandte sich an die Mutter eines der getöteten Jungen. Er fragt sie, ob sie sich angesichts der neuen Situation in der Lage sehe, schon als Zeugin auszusagen. Die Mutter beriet sich kurz mit ihren Anwältinnen und trat dann in den Zeugenstand.

Welch ein Unterschied zu der Erklärung des Angeklagten: Die wenigen Worte, mit denen die zurückhaltende Frau beschrieb, wie sie Anfang September 2001 zum Schullandheim in Wulsbüttel fuhr, nachdem ihr mitgeteilt worden war, ihr Sohn sei nicht mehr da - sie trafen jeden Zuhörer ins Herz.

Der Viertklässler war zum ersten Mal von zu Hause weg. Ein ruhiges Kind sei der Junge gewesen, berichtet die Mutter, er habe gern Fußball gespielt. Erstmals sollte er damals eine Freizeit allein verbringen, auf die er sich gefreut, die er aber auch mit einem aufgeregten, mulmigen Gefühl erwartet hatte.

Er sei ein Kind gewesen, das nie und nimmer auf eigene Faust davongelaufen wäre. "Ich hab' gedacht: bitte nicht! Vielleicht ist er draußen, irgendwo, hat Angst. Und dann - das war ganz schlimm, dass es doch so - man hatte ja doch immer gehofft, es geht vielleicht anders aus."

Immer häufiger lassen die Angeklagten die Verteidiger sprechen

Die leisen Worte dieser Frau enthielten die ganze Trauer und Verzweiflung über das Unbegreifliche. "Meine Tochter war damals ein Jahr alt. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr um sie kümmern. Freunde halfen dann. Heute sagt sie, sie hätte ihren Bruder so gern kennengelernt. Und sie fragt: warum? Aber das kann ich ihr nicht erklären."

Der Angeklagte hatte zuvor verlesen lassen, er habe dreimal getötet "aus Furcht vor Entdeckung". Die Formulierung deutet darauf hin, dass die Verteidigung offensichtlich eine Verurteilung nur wegen eines einzigen Mordmerkmals, der "Verdeckung", anstrebt und sich Hoffnungen macht, das Gericht werde das formal vollumfängliche Geständnis bei der Strafzumessung berücksichtigen.

Denn N. hat angesichts dreier toter Kinder nicht nur eine lebenslange Freiheitsstrafe, sondern auch die Feststellung der "besonderen Schwere der Schuld" zu erwarten, die verhindert, dass der Verurteilte möglicherweise schon nach 15 Jahren wieder in Freiheit gelangt.

Es fragt sich, ob aus Sicht der Verteidigung einem Angeklagten wirklich gedient ist, wenn man es ihm abnimmt, Reue und Scham selbst zu bekunden. Diese Praxis scheint sich mittlerweile geradezu epidemisch auszubreiten. Kaum ein Angeklagter muss heute noch aussprechen, was ihm vielleicht tatsächlich schwer fällt.

Über die Schuld des "Maskenmanns" wird nicht lange zu streiten sein

Doch was mögen die Eltern dieser toten Jungen empfinden, wenn der Angeklagte zwar erklären lässt, er stehe zu seinen Taten und wisse, dass ihm eine sehr lange Haftzeit bevorstehe - aber sich noch nicht einmal überwinden kann, dies über die Lippen zu bringen? Was sollen die Richter von einem solchen Geständnis halten? Ein Strafverfahren ist kein maschinell abzuwickelnder Prozess, sondern ein Geschehen, in dem vieles in Gang kommen, aber auch zerstört werden kann.

Einen Teil der vorgeworfenen Übergriffe bestreitet N. Es mag die Wahrheit sein, denn diese Taten entsprechen nicht dem Tatmuster, das bei der überwiegenden Zahl der Delikte erkennbar ist. N. hat wohl tatsächlich kein Kind vom Fahrrad gerissen und es betatscht. Das passt nicht zu seinem üblichen Vorgehen: dem Anschleichen, dem Eindringen in scheinbar geschützte Räume, der Sturmhaube als Maske, dem heimlichen Berühren von Kindern, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah.

Die Leichen der Jungen waren, als sie gefunden wurden, nackt oder nur unvollständig bekleidet. In der polizeilichen Vernehmung vom 14. April dieses Jahres, zehn Jahre nach der ersten Tötung also, erklärte N. dies mit seiner Furcht vor der Entdeckung von Spuren.

Ob dies der wahre Grund ist, wird zu den Fragen gehören, die der psychiatrische Sachverständige Norbert Nedopil am Ende des Prozesses beantworten muss. Es ist damit zu rechnen, dass durch das formal umfängliche Geständnis nur wenige Zeugen zu hören sein werden.

Der "Maskenmann" hat zwar ein Jahrzehnt lang Angst und Schrecken verbreitet. Doch über seine Schuld wird nicht lange zu streiten sein.

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