"Maskenmann"-Opfer vor Gericht "Ich war wie gelähmt"

Mindestens drei Jungen soll Martin N. getötet, zahlreiche weitere sexuell missbraucht haben. Vor dem Landgericht Stade sagten jetzt erstmals Opfer des 40-Jährigen aus. Der Angeklagte hörte teilnahmslos zu.


Stade - Sie wurden dort überfallen und missbraucht, wo sie sich sicher und geborgen fühlen sollten: Mindestens drei Jungen soll der Pädagoge Martin N. zwischen 1992 und 2001 in Norddeutschland getötet, etliche weitere missbraucht haben. Mit einer Sturmhaube getarnt hatte sich der Täter in die Wohnungen seiner Opfer geschlichen und sie dann sexuell belästigt. Später gestand der 40-Jährige einen Großteil der Taten.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Kindermörder haben jetzt erstmals mehrere Opfer ausgesagt. Es fiel ihnen am Montag vor dem Landgericht Stade sichtlich schwer, über die Vorfälle zu sprechen. Stockend berichteten sie von quälenden Einzelheiten. Der Angeklagte blickte währenddessen teilnahmslos vor sich hin, die Hände unter dem Tisch gefaltet.

Ein 26-Jähriger sagte vor dem Landgericht Stade, er leide noch heute unter den Folgen des Überfalls. Der Prozess helfe ihm aber bei der Verarbeitung, "weil der Schatten ein Gesicht bekommt". Es war dieser Zeuge, der die Polizei auf die Spur von Martin N. geführt hatte. Er hatte sich daran erinnert, dass er 1995 für einen Betreuer auf einer Ferienfreizeit eine Skizze anfertigen sollte.

"Ich sollte ihm Bilder malen von unserem Haus", sagte der Zeuge. Auf drei Blättern habe er den Grundriss aller drei Etagen des Reihenhauses aufgemalt. Das Verhältnis zu dem damals 24-jährigen Betreuer sei während der Ferien "wie zu einem großen Bruder" gewesen. Er habe mit den Kindern gespielt und etwas unternommen. "Es war lustig, hat Spaß gemacht", erinnerte sich der junge Mann.

Vor Gericht erzählte er nun, wie eben dieser Mann wenige Monate später nachts maskiert neben seinem Bett gestanden und ihm in die Hose gegriffen habe. "Ich war wie gelähmt, habe versucht zu schreien, es kam kein Ton heraus", sagte der Zeuge. Der Unbekannte habe beruhigend auf ihn eingeredet. Erst als seine Schwester neben ihm im Bett laut geschrien habe, sei der Angreifer geflüchtet.

"Es waren nur die Augen zu sehen"

Die Stimme sei ihm schon damals bekannt vorgekommen, er habe sie nur nicht zuordnen können. Nach dem Vorfall sei er psychotherapeutisch behandelt worden. Für die ganze Familie sei die Situation nicht einfach gewesen. Er habe versucht, die Tat zu verdrängen. Aber vergessen könne man so was nie.

Bei zwei anderen Opfern hatte der "Maskenmann" abends an der Haustür geklingelt. Er sei ins Haus eingedrungen, habe ihn bedroht und dann missbraucht, berichtete ein heute 29-Jähriger, der 1997 zum Opfer wurde. Einige Jahre zuvor war er mit dem Angeklagten auf einer Ferienfreizeit in der Pfalz gewesen. Den Täter hatte er wegen der Maske aber nicht erkannt. "Es waren nur die Augen zu sehen."

Ein weiteres Missbrauchsopfer konnte vor Gericht nicht aussagen, weil es seine psychische Verfassung nicht zuließ.

Martin N. muss sich seit dem 10. Oktober wegen des Mordes an drei Jungen und 20fachen Kindesmissbrauchs verantworten. Zwischen 1992 und 2001 soll er in Schullandheime in Norddeutschland eingedrungen sein. Von 1994 bis 1997 soll der Angeklagte im Bremer Stadtteil Horn mehrere Jungen in deren Elternhaus missbraucht haben.

ala/dpa/dapd

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