Prozess in Frankfurt (Oder) Die Suche nach dem Mann hinter der Imkermaske

Mario K. steht als mutmaßlicher "Maskenmann" vor Gericht, doch ist er wirklich der Täter? Die Verteidigung bringt einen Ex-Polizisten als Verdächtigen ins Spiel. Aber das Gericht lehnt alle neuen Beweisanträge ab.

Mario K. vor Gericht (Archiv): Angeklagt wegen versuchten Mordes
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Mario K. vor Gericht (Archiv): Angeklagt wegen versuchten Mordes

Von , Frankfurt (Oder)


Wer ist Mario K.? Ein kaltblütiger Verbrecher, schuldig des versuchten Mordes, erpresserischen Menschenraubs, versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung? Oder ein Opfer schlampiger Ermittler und einer verbohrten Justiz?

Von der Antwort des Landgerichts Frankfurt (Oder) auf diese Frage hängt das Schicksal des Angeklagten ab. Und offenbar ist die Strafkammer um den Vorsitzenden Matthias Fuchs überzeugt, sie habe alle notwendigen Informationen, um ein Urteil zu sprechen. Das Gericht lehnte diverse Anträge von Mario K.s Anwalt Axel Weimann ab, die eigentlich schon abgeschlossene Beweisaufnahme zu ergänzen. Dadurch wollte die Verteidigung den Tatverdacht von Mario K. auf einen Ex-Polizisten lenken.

Dieser Schritt Weimanns war nach einem Bericht des "Tagesspiegel" abzusehen. Demnach ist zweifelhaft, dass mit Mario K. der richtige Mann auf der Anklagebank sitzt.

Dem Report zufolge passen einige Charakteristika des Täters - Fitness, Ortskenntnis, Schießerfahrung, Geldsorgen - auf beide Männer. Und manches, etwa die Körpergröße oder Farbe der Barthaare, eher auf den früheren Polizisten. Das erste Opfer will Mario K. allerdings erkannt haben.

Der ehemalige Dachdecker soll - maskiert mit einem Schleier für Imker - mehrere Verbrechen begangen haben:

  • Überfall auf Petra P.: Die Gattin eines reichen Unternehmers wurde am 22. August 2011 überfallen und mit einem Knüppel zusammengeschlagen, als sie gegen 22.10 Uhr ihre Hunde an ihrer Villa in Bad Saarow ausführte. Der maskierte Täter floh, als eine Haushälterin P. zu Hilfe eilte.
  • Schüsse auf Torsten H.: Nach dem Angriff auf Petra P. engagierte die Familie Torsten H. als Leibwächter für Tochter Louisa. Am Morgen des 2. Oktober 2011 waren die beiden in Bad Saarow auf dem Anwesen der Familie unterwegs, als ein Mann auf der Straße vor der Villa stand. Nach einem Wortgefecht zwischen H. und dem Maskierten zog dieser eine Waffe und gab mehrere Schüsse ab. Der Leibwächter wurde getroffen und ist seither querschnittsgelähmt, Louisa P. konnte fliehen.
  • Verschleppung von Stefan T.: Am 5. Oktober 2012 wurde der Investmentbanker aus seinem Haus in Storkow, nur wenige Kilometer von Bad Saarow entfernt, entführt und im Schilf am Großen Storkower See festgehalten. Der Täter wollte eine Millionensumme erpressen. Nach 33 Stunden konnte sich T. eigenen Angaben zufolge selbst befreien und fliehen.

Ufer des Storkower Sees: In diesem Bereich wurde Stefan T. gefangen gehalten
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Ufer des Storkower Sees: In diesem Bereich wurde Stefan T. gefangen gehalten

Mario K., mehrfach vorbestraft, wurde im September 2013 festgenommen. Er streitet die Vorwürfe bis heute ab. Zum Prozessauftakt ließ er Anwalt Weimann ausrichten: "Ich bin der Falsche. Ich habe mit den Anklagevorwürfen nichts zu tun."

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger sind dagegen von seiner Schuld überzeugt, als Motiv nennt die Anklage "Hass auf Reiche". Sie forderte lebenslange Haft, die Nebenklagevertreter zudem anschließende Sicherungsverwahrung. Es gibt keine Beweise, nur Indizien. Die Ermittlungen empfanden manche beteiligte Polizisten als so einseitig, dass sie sich versetzen ließen oder nach Kritik versetzt wurden. Einer zeigte sich laut "Tagesspiegel" wegen Strafvereitelung im Amt selbst an.

Für Weimann ist der Zeitungsbericht Anlass genug, den Ex-Polizisten nochmals genau zu überprüfen. Es gebe Hinweise, dass der Mann auf der von der Staatsanwaltschaft angeführten "Täterpyramide" mindestens auf gleicher Stufe stehe wie Mario K., "oder sogar darüber. Und das Gericht sagt: Das interessiert uns alles nicht", so Weimann. Die Anträge der Verteidigung verfolgten ein Ziel: Das Alibi des Ex-Polizisten für die Entführung von Stefan T. zu erschüttern. Weil die Ermittler davon ausgehen, dass ein Täter für alle drei Taten verantwortlich ist, übertrugen sie das Alibi für die Entführung auf die beiden anderen Verbrechen.

Wegen der Entführung wurde der Ex-Polizist, damals Pilot bei der Hubschrauberstaffel der Brandenburger Polizei, am frühen Morgen des 5. Oktober 2012 telefonisch zum Dienst beordert. Es war gegen 3 oder 4 Uhr. Von seinem Wohnort in der Nähe des Tatorts bis zur Dienststelle ist es rund eine Stunde Fahrt. Um 10 Uhr hatte er Feierabend. Während dieses Zeitraums war der Täter aber im Schilf bei Stefan T., so schildert es zumindest das Entführungsopfer.

Mit diesem Phantombild suchte die Polizei nach dem Täter
Polizei Brandenburg

Mit diesem Phantombild suchte die Polizei nach dem Täter

Die Verteidigung bezweifelt dagegen, dass die Dienstzeitberechnung den früheren Polizisten als Täter ausschließt. Es sei fraglich, ob er überhaupt auf seiner Dienststelle erschienen sei. Das Recht auf ein faires Verfahren und Vollständigkeit der Akten gebiete es, dass den Spuren nachgegangen werde, sagte Weimann. Ausgerechnet zu dem Ex-Polizisten seien die Vermerke unvollständig und intransparent.

Es war der Auftakt zu einem Schlagabtausch mit den Nebenklagevertretern. Die Verteidigung wolle das Verfahren verschleppen, sagte Stefan T.s Anwalt Panos Pananis. Er sprach von einer "Scheindiskussion um angebliche Aufklärungsdefizite". Jakob Danckert, der Petra P. vertritt, erkannte gar eine "einzigartige Schmutzkampagne". Der "Tagesspiegel"-Bericht sei "eine große PR-Sache, die von der eindeutigen Täterschaft ablenken soll". Das Alibi des Ex-Polizisten sei "hieb- und stichfest".

Das Gericht sieht das genauso. "Nichts deutet auf ihn als Täter hin", sagte Richter Fuchs. Damit wird die Frau des früheren Polizisten nicht befragt werden, die im "Tagesspiegel" Zweifel am Alibi aufwarf; der Ex-Polizist hat sie inzwischen wegen Verleumdung angezeigt. Es werden auch nicht seine Handydaten genau ausgewertet, um ein Bewegungsprofil am Entführungstag zu erstellen - Weimann erhoffte dadurch nachzuweisen, dass der frühere Polizist zu der Zeit, in der er angeblich zur Dienststelle unterwegs gewesen sei, tatsächlich auch am Tatort gewesen sein könnte.

Am 4. Juni soll Weimann plädieren. Er will Freispruch beantragen. Ganz gleich wie das Verfahren endet: Man darf davon ausgehen, dass das Landgericht nicht die letzte Instanz im Fall des Maskenmanns sein wird. Es wird noch dauern, bis sich zeigt, ob Mario K. ein Verbrecher ist - oder sein Fall ein Justizskandal.

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quark@mailinator.com 22.05.2015
1.
Angesichts der in letzter Zeit immer wieder auftauchenden Beweise für die Unschuld von Menschen, die halbe Ewigkeiten im Bau gesessen haben, ist es recht mutig vom Gericht, sich solchen Anträgen zu verwehren. Das hört sich schon fast nach dem Vorsatz an, um Himmels willen nichts erfahren zu müssen, was einem nicht in den Kram paßt. Gerade, wenn evtl. Polizisten involviert sind, denn bekanntlich können die einen Tatort auch kreativ umgestalten. Ehrlich, mir wär wohler, man würde in solchen Fällen den Aufwand treiben.
pevoraal 22.05.2015
2. in alle Richtungen ermitteln
auch wenn es unangenehm ist od. den Terminplan des Gerichtes durcheinander bringt. Das Urtei würde höchstwahrscheinlich sowieso in der Berufung kassiert. Manbekommt manchmal das Gefühl das Gerichte unter Erfolgszwang stehen und das ist das letzte was für gerechte Urteile sorgt.
danielgoldstein 22.05.2015
3. und nichts als die Wahrheit?
Beweisanträge ablehnen, so etwas stinkt gegen den Wind weil dem Vorsitzenden offensichtlich gar nicht daran liegt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dabei wäre es doch ganz einfach
christiewarwel 22.05.2015
4. Indizienprozesse zeitgemäß?
Es wäre mal an der Zeit, sich zu fragen, wie es heutzutage überhaupt sein kann, daß in solch schwerwiegenden Fällen Indizienprozesse geführt werden. Da gab es in allen 3 Fällen keinerlei DNA-Spuren? Nur eine Zeugenaussage? Keine Spuren im Schilf? Nicht mal das Handy eines Verdächtigen wird überprüft, und das in der heutigen Zeit? Das ist schon jetzt Schlamperei hoch drei. Die Justiz sollte generell von solchen Indizienprozessen Abstand nehmen (müssen). Verurteilungen bedürfen wissenschaftlich überprüfbarer Beweise, keiner Kaffeesatzleserei.
moneysac123 22.05.2015
5.
Es ist psychologisch gut untersucht, warum sich menschen auf eine plausible und naheliegende lösung festbohren, das darf einer staatsanwaltschaft jedoch nicht passieren, die muss ihre ermittlungen ständig selbst in frage stellen, denn die größte katastrophe sind einseitige ermittlungen und gar noch die verurteilung eines unschuldigen. und das ist jeder, wenn ihm nicht hieb und stichfest das gegenteil nachgewiesen wird. man darf erwarten, dass den hinweisen nachgegangen wird, egal wie aufwändig das ist oder wie lange es dauert. was sagen die nebenkläger, wenn sich der angeklagte am ende als unschuldig erweist? immerhin sagen das schon einige kollegen und ließen sich versetzen. ungeheuerlich!
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