Massaker an Amish-Schule Die Checkliste des Kindermörders

Der Attentäter hatte die Morde in einer kleinen Schule im US-Bundesstaat Pennsylvania minutiös geplant. Charles Roberts wollte töten - und seine Opfer sollten leiden. Auf einer Liste notierte er zahlreiche Gegenstände, mit denen er die Kinder womöglich malträtieren wollte.


Nickel Mines - Im Lastwagen des Amokläufers lag eine Liste mit Dingen, die der 32-Jährige zur Ausübung seiner Tat mitgebracht hatte. Darunter Patronen, Draht, Paketband, Hammer, Säge, ein Gewehr, eine Kerze, Ohrenstöpsel, Nägel, ein Fernglas, Schraubenschlüssel und zwei Tuben Gleitmittel.

Charles Roberts hatte das Blutbad sorgfältig geplant, bei dem am Montag fünf Schülerinnen einer Schule im US-Bundesstaat Pennsylvania im Alter von sieben bis 13 Jahren geradezu hingerichtet und sechs weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Roberts-Liste: Hammer, Säge, Schraubenschlüssel, zwei Tuben Gleitmittel
AP

Roberts-Liste: Hammer, Säge, Schraubenschlüssel, zwei Tuben Gleitmittel

Der Täter war ohne Vorwarnung in die kleine Schule gestürmt, die von Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Amish People geführt wird. Er zwang die Mädchen, sich im Klassenraum aufzureihen und fesselte sie an den Füßen, bevor er zu schießen begann.

Es gebe zwar "keine Beweise" dafür, dass Roberts seine Geiseln sexuell missbraucht hat, allerdings sei es "sehr wohl möglich, dass er diese Kinder auf viele Arten schikanieren wollte, bevor er sie und sich selbst tötete", so die Polizei. "Er hatte sich auf eine lange Belagerung eingestellt."

Die Angaben der Polizei und der Gerichtsmedizinerin Janice Ballenger über die Verletzungen der Kinder gehen weit auseinander. Während die Ermittler bekannt gaben, dass Roberts insgesamt 17 bis 18 Schüsse abgegeben habe - inklusive der Patrone, mit der er sich selbst erschoss, als die Polizei den Klassenraum stürmte -, geht Ballenger davon aus, dass die Opfer einem regelrechten Kugelhagel ausgesetzt waren.

Nach Angaben der "Washington Post" habe die Pathologin mindestens zwei Dutzend Geschosse in einer einzigen Kinderleiche gezählt, bevor sie einen Kollegen bitten musste, für sie weiterzumachen. "Es gab keinen Tisch und keinen Stuhl in dem Raum, der nicht von Blut oder Glas bedeckt war", so Ballenger weiter. "Da waren überall Einschusslöcher. Überall."

Amish People: Blutbad hatte keinen religiösen Hintergrund
DPA

Amish People: Blutbad hatte keinen religiösen Hintergrund

Der Amokläufer hinterließ fünf Abschiedsbriefe: "Ich weiß nicht, wie Du es all die Jahre mit mir ausgehalten hast", schreibt er an seine Frau gerichtet, "ich habe Dich nicht verdient, Du bist die perfekte Frau und verdienst etwas viel Besseres."

Er sei "voller Hass, Hass gegen sich selbst, Hass gegen Gott", er fühle eine "unvorstellbare Leere" in sich. Er nimmt in seinen Abschiedsbriefen außerdem Bezug auf den Tod eines seiner Kinder vor neun Jahren. Seine erste Tochter Elise, eine Frühgeburt, hatte nur 20 Minuten lang gelebt. Später bekam er mit seiner Frau drei weitere, gesunde Kinder.

"Ich werde nicht nach Hause kommen"

Kurz bevor die Polizei die Schule stürmte, hatte Roberts noch einmal mit seiner Frau telefoniert. "Ich werde nicht nach Hause kommen", sagte er, "die Polizei ist hier." Anschließend gestand er seiner Frau, als Teenager vor zwanzig Jahren zwei Mädchen aus der Verwandtschaft im Alter von drei bis vier Jahren sexuell belästigt zu haben.

"Er sagte, er habe Alpträume, in denen er das, was vor 20 Jahren geschehen ist, wieder tut", sagte Jeffrey Miller von der Pennsylvania State Police. "Er war ein sehr tief gestörter Mensch, aber nicht auf die Art und Weise, als dass es die Menschen oberflächlich hätten erkennen können", so Miller.

Die Bluttat war die dritte tödliche Schießerei in einer amerikanischen Schule binnen einer Woche und löste Entsetzen in der kleinen Amish-Gemeinde Nickel Mines aus. Die Polizei erklärte, der Täter habe sich die Schule wohl ausgesucht, weil sie ein einfaches Ziel gewesen sei. Der christliche Amish-Gemeinde habe als Hintergrund offenbar keine Rolle gespielt.

Die Amish sind eine konservative Gruppe der Mennoniten, die sich 1693 in Europa abspaltete. Die Angehörigen der Gruppe wanderten später in die USA aus und siedelten sich insbesondere in Pennsylvania und Ohio an. Bis heute werden Messen auch auf Deutsch abgehalten. Die Amish lehnen viele Aspekte des modernen Lebens ab, unter anderem Kraftfahrzeuge.

Viele der Familien, deren Kinder Roberts verletzte und tötete, wohnen in der Umgebung und liegen auf der Tour, die Roberts jeden Morgen mit seinem Milchlaster fuhr. "Er kannte sie", sagte ein Schüler.

jto/Reuters



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