Massaker an US-Universität Amokschütze tötet Dutzende - dann sich selbst

33 Tote, viele Verletzte und ein Land unter Schock: Der Amoklauf an der Virginia Tech University ist einmalig in der US-Geschichte. Die Ermittler haben den getöteten Schützen identifiziert. Jetzt fragen alle nach dem Motiv, Versäumnissen der Uni - und die Polizei prüft, ob noch ein Mann involviert ist.


Blacksburg - Es war ein beispielloses Massaker. An der Technischen Universität von Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia wurden 32 Menschen erschossen, etliche weitere schwer verletzt - am Ende des blutigen Tages feuerte sich der Amokschütze im Hörsaal-Gebäude Norris Hall selbst in den Kopf.

Am späten Abend gab Polizeichef Wendell Flinchum bekannt, man habe den toten Schützen aus dem Hörsaal-Gebäude identifiziert. Den Namen des Mannes nannte er jedoch nicht. Der Amokläufer sieht Zeugen zufolge asiatisch aus, ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, soll einen schwarzen Mantel und einen braunen Hut getragen haben. Eine Studentin, die sich während der Bluttat auf dem Boden liegend tot stellte, sagte, er habe "fast wie ein Pfadfinder" ausgesehen. Er sei "sehr still" gewesen: "Er schien sehr sorgfältig vorzugehen."

Die Identifizierung des Mannes war höchst problematisch: Die Verletzungen in seinem Gesicht sind schwer, laut Polizei trug er weder Ausweis noch Handy noch Führerschein bei sich. Er soll circa 1,80 Meter groß sein. Eine erste Überprüfung der Fingerabdrücke hatte nichts ergeben. Auf die Frage, ob es sich um einen Studenten gehandelt habe, sagte ein Polizist dem Fernsehsender CBS inoffiziell: "In eine solche Richtung geht es", und deutete damit an, es könne auch ein Universitätsassistent sein.

Die Boulevardzeitung "Chicago Sun-Times" berichtete derweil, bei dem Amokläufer handele es sich möglicherweise um einen 24-jährigen Chinesen, der am 7. August 2006 mit einem Studentenvisum aus Shanghai in die USA eingereist sei. Das Blatt berief sich dabei auf eine nicht näher bezeichnete Quelle. Der "Sun-Times" zufolge könnten die Bombendrohungen gegen die Universität aus der vergangenen Woche ein Versuch des Amokschützen gewesen sein, die Sicherheitsvorkehrungen der Hochschule zu testen. Die Behörden nahmen zu dem Bericht bislang nicht Stellung.

Wie hängen die zwei Schießereien zusammen?

Große Probleme bereitet den Ermittlern die Rekonstruktion der Tat. Fest steht: Um 7.15 Uhr ging der erste Notruf bei der Polizei ein. In einem Wohnheim, West Ambler Johnston, werde geschossen. Es gebe mehrere Opfer. In dem Gebäude leben 895 Studenten. Als die Polizei dort eintraf, war der Täter schon weg. Er hatte einen Mann und eine Frau getötet.

Rund zwei Stunden später, noch während die Ermittlungen in dem Wohnheim-Fall liefen, meldete der Sicherheitsdienst Schüsse aus einem Hörsaal-Gebäude auf der entgegengesetzten Seite des Campus, aus Norris Hall. Was dort geschah, beschrieben Augenzeugen später als Blutbad: Der Amokläufer richtete 30 Menschen hin.

Doch dass es sich bei ihm auch um den Täter aus dem Wohnheim handelte - das konnte die Polizei am Abend nicht sicher bestätigen. Auf einer Pressekonferenz gab Polizeichef Flinchum bekannt, dass er nicht sagen könne, ob und wie die beiden Schießereien in dem Wohnheim und dem Hörsaal-Gebäude zusammenhingen. Sichere Belege dazu gebe es nicht.

Was in den zwei Stunden zwischen den beiden Bluttaten geschah, ist nicht geklärt. Im Gegenteil haben die Ermittler laut Flinchum für die erste Schießerei im Wohnheim einen Nicht-Studenten als "Person von Interesse" ausgemacht. Er habe die getötete Frau aus dem Wohnheim gekannt - und er könnte in den ganzen Fall involviert sein, auch wenn er nicht festgenommen wurde. Die Möglichkeit, dass es einen zweiten Schützen gibt, wurde nicht ausgeschlossen. "Ich möchte nicht sagen, dass da jemand ist, ich möchte aber auch nicht sagen, dass da keiner ist", sagte der Polizeichef.

Studenten berichten, der Schütze habe seine Freundin gesucht

Flinchums Aussage erzeugte einige Verwirrung, zumal er zugleich immer nur von einem einzigen Todesschützen sprach. Mehrere Bundes- und lokale Ermittler sagten außerdem Journalisten inoffiziell, man könne davon ausgehen, dass hinter beiden Taten aller Wahrscheinlichkeit nach derselbe Mann stecke.

Klarheit erhoffen sich die Fahnder nun von den zwei Tatwaffen, die bei dem toten Schützen im Hörsaal-Gebäude gefunden wurden. Sie wurden für Tests in ein Labor geschickt. Der Amokläufer war nach Informationen mehrerer US-Medien mit zwei halbautomatischen Handfeuerwaffen ausgestattet, einer 9-Millimeter-Pistole und einer Handfeuerwaffe vom Kaliber .22. Der Mann trug weiteren Berichten zufolge eine schusssichere Weste. Die Polizei hat diese Angaben bisher nicht offiziell bestätigt.

Das Motiv des getöteten Amokläufers liegt noch im Dunkeln. Laut dem Fernsehsender CBS prüfen die Ermittler unter anderem, ob er in dem Hörsaal-Gebäude auf der Suche nach seiner Freundin war. Das hatten einige Studenten einem lokalen Radiosender berichtet. Auch diese Information wurde von der Polizei nicht bestätigt.

Fest steht: Der Schütze hatte laut Ermittlern die Zugangstüren zum Hörsaal-Gebäude mit Ketten verschlossen, damit die Polizei es nicht schnell stürmen und niemand leicht fliehen konnte. Während des Amokslaufs lief er dann von Saal zu Saal, von Zimmer zu Zimmer. Mehreren Berichten zufolge feuerte er sogar auf Türen, während verstörte Studenten ihren Raum von innen mit Möbeln verbarrikadierten.

Studenten an die Wand gestellt und erschossen?

Zeugen berichteten laut "New York Times", dass der Mann mehrere Studenten in einer Reihe an eine Wand stellte und erschoss.

Andere Studenten sprangen auf der Flucht vor dem Schützen aus den Fenstern, wieder andere rannten in Panik schreiend durch die Gänge. Viele warfen sich auf den Boden, stellten sich tot oder wurden aus Schock ohnmächtig.

"Er hat angeblich einfach in die Lehrräume gefeuert", sagte später Student David Jenkins dem Fernsehsender Fox News. Einer seiner Freunde sei bei dem Amoklauf verletzt worden. "Er hatte großes Glück", sagte Jenkins. "Er erzählte, dass alle, die in diesem Raum waren, erschossen worden seien und auf dem Boden gelegen hätten." Er habe sich tot gestellt und so überlebt.

Ein Student vor dem Gebäude hielt die Szene um die Norris Hall herum mit der Filmkamera seines Mobiltelefons fest. Bewaffnete Sicherheitskräfte sind zu sehen, die hinter Bäumen in Deckung gehen. Im Hintergrund sind immer wieder Schüsse zu hören.

Eine Schießerei zwischen Polizisten und dem Täter gab es nach offiziellen Angaben nicht. Der Amokschütze im Hörsaal-Gebäude habe sich getötet, bevor es zu einem Aufeinandertreffen kam.



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