Massaker in Blacksburg Amokläufer schrieb blutrünstige Theaterstücke

Der Massenmörder von Blacksburg war kein netter Junge von nebenan. Wegen seiner Gewaltphantasien war er seinen Mitschülern seit längerem unheimlich. Im Englischunterricht schrieb er blutrünstige Theaterstücke, die auch seine Lehrerin alarmierten.


Blacksburg - "Sein Schreibstil, die Stücke, waren wirklich morbide und grotesk", sagte die Studentin Stephanie Derry der Campus-Zeitung der Universität Virginia Tech in Blacksburg. "Ich erinnere mich an eines von ihnen sehr genau. Es handelte von einem Sohn, der seinen Stiefvater hasste. In dem Stück schwang der Junge eine Kettensäge und schlug mit einem Hammer auf ihn ein. Am Ende des Stückes hat der Junge seinen Vater mit einem Müsliriegel erstickt", so Derry.

In anderen Stücken hätten Dozenten Studenten nachgestellt, sagte die Studentin weiter. Einige Kommilitonen hätten sich über die Stücke lustig gemacht. "Wer fuchtelt schon mit Hämmern und Kettensägen herum?" Doch Cho Seung Hui habe stets still im Seminar gesessen und nicht auf die Kommentare gehört. Dieses Fehlen von Reaktionen habe ihn zum Außenseiter gemacht. Er habe die anderen immer nur angesehen und nichts gesagt. "Aber als ich den Anruf bekam, dass es Cho war, der das getan hatte, musste ich weinen, schreien", sagte Derry.

Ein ehemaliger Student namens Ian MacFarlane hat zwei Theaterstücke ins Internet gestellt, die Cho im vorigen Jahr in einem Englischkurs geschrieben haben soll. "Wie aus einem Alptraum" seien die Stücke gewesen, voller verquerer makaberer Gewalt mit Waffen. Niemand aus der Klasse habe sich getraut, seine Meinung zu Chos Werken zu sagen, selbst Lehrkräfte hätten sich zurückgehalten. Auch andere Kommilitonen nannten Chos Stücke "morbid" und "grotesk".

Englisch-Professorin Lucinda Roy war laut "Washington Post" über Cho so besorgt, dass sie die Universitätspolizei und die Verwaltung warnte. Weil er aber keine direkten Drohungen ausstieß, habe die Universitätsspitze bei allem Verständnis für Roys Warnungen keine Chance gesehen, gegen ihn vorzugehen. Sie habe Cho aus der Klasse genommen, ihm Einzelunterricht gegeben und immer wieder gesagt: "Bitte geh in eine Beratung, ich werde dich dort hinbringen." Der Student sei deprimiert gewesen. Das hätten auch seine "sehr verärgerten" Stücke gezeigt, sagte Roy dem Sender NBC. Aber Cho wollte sich der Professorin zufolge nicht helfen lassen.

Doch wirklich gekannt hat Cho Seung-Hui offensichtlich kaum jemand. Selbst seine Zimmergenossen im Wohnheim, die fast ein Jahr lang nur ein paar Meter entfernt von ihm schliefen, wissen wenig über Cho Seung-Hui zu berichten. "Ich kannte ihn nicht gut", sagte Zimmernachbar Joe Aust, 19, der "New York Times". Cho habe kaum gesprochen. Ein weiterer Bewohner in der Studenten-WG, Karan Grewal, bezeichnete ihn als Eigenbrötler, der allein beim Essen in der Mensa saß und alle Versuche abblockte, eine Freundschaft aufzubauen. Mit einer Freundin oder Kumpels wollen sie ihn nie gesehen haben.

Cho sei oft fort gewesen. Wenn er im Wohnheim war, habe er meist am Computer gesessen und Musik heruntergeladen, sagte Aust der "New York Times". Rock, Country, Pop, nichts Auffälliges. Den PC hätten die Fahnder nun mitgenommen. "Oft, wenn ich in unser Zimmer kam, saß er einfach nur da, an seinem Schreibtisch, und starrte ins Leere." Cho habe immer einsilbige Antworten gegeben und kein Gespräch zugelassen. Gruselig sei die Stille manchmal gewesen. Für gefährlich hatten die Mitbewohner Cho nicht gehalten. Nur für seltsam.

Spekulationen über ein Beziehungsdrama

Gestern Morgen um 5.30 Uhr begegnete Karan Grewal seinem Mitbewohner Cho ein letztes Mal. Cho sei, wie üblich in T-Shirt und Boxershorts, ins Bad gegangen und habe sein Morgenritual vollzogen, sagte Grewal der "Los Angeles Times": "Eincremen, Kontaktlinsen einsetzen, Medikamente nehmen". Grewal legte sich nach einer durchlernten Nacht schlafen, Cho blieb wach.

Der gestrige Tag, der 16. April 2007, ist der vielleicht am besten dokumentierte im Leben des 23-Jährigen. An diesem Tag zückte er zwei Waffen und schoss sich durch den Campus seiner Uni. 32 Studenten und Lehrkräfte sind tot, etliche weitere verletzt. Schließlich feuerte er sich selbst in den Kopf.

Bloß, warum? Was trieb den 23-Jährigen zum Massenmord?

Es könne sich um ein Beziehungsdrama handeln, lauten erste Vermutungen. Sein erstes Opfer im Wohnheim West Ambler Johnston war eine Frau, angeblich seine Freundin. Nach Angaben von US-Nachrichtenagenturen handelte es sich um Emily Hilscher, 18 (siehe Fotostrecke unten).

Inzwischen wurden Aussagen von Heather Haugh bekannt, die gemeinsam mit Hilscher im Wohnheim wohnte. Die junge Frau sagte aus, ihre Mitbewohnerin habe keine Beziehung zu dem Schützen gehabt. Sie glaube auch nicht, dass die beiden sich kannten. Auch der Familie des Opfers dementierten eine Beziehung zwischen Emiliy und dem Schützen.

Das zweite Opfer, Ryan Clark, war mit seinen 22 Jahren der Wohnheimsälteste, er sei der Frau zur Hilfe geeilt berichteten Augenzeugen der "New York Times". Auch dazu schweigt die Polizei.

Eine Kurzschlussreaktion scheint immer unwahrscheinlicher - möglicherweise ausgelöst durch Beziehungsstress oder Liebeskummer: Die erste Waffe, eine 9-Millimeter-Glock, kaufte er schon am 13. März. Die zweite, eine Walther P-22, dann in der vergangenen Woche. Das deutet darauf hin, dass er die Tat seit längerem geplant hat.

Nach den ersten Schüssen um 7.15 Uhr im Wohnheim West Ambler Johnston rannte Cho Seung-Hui zurück in sein Wohnheimzimmer, habe Waffen und Munition aufgefüllt. Dann sei er in Richtung des Lehrgebäudes Norris Hall gelaufen, berichtet ABC News. In seinem Zimmer soll er eine Botschaft hinterlassen haben. Eine "verstörende Nachricht", wie ABC News seine ungenannte Quelle zitiert. Gehetzt habe er in dem Schreiben gegen "reiche Kinder, Lotterleben, Scharlatane". "Ihr habt mich gezwungen, das zu tun."

Medikamente, Depression, Verwirrung?

Die neusten Gerüchte: Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt, sei zunehmend aggressiv geworden. Die "Chicago Tribune" berichtete, Cho sei in letzter Zeit durch seltsames Verhalten aufgefallen. Er sei "aggressiv und verwirrt" aufgetreten, habe Frauen nachgestellt und in einem Wohnheim Feuer gelegt, erfuhr die Zeitung von Ermittlern. Die Polizei schweigt offiziell bislang dazu. Einen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens allerdings haben die Beamten laut "L.A. Times" in den Akten.

Fest steht: Zwei Stunden nach den ersten Morden metzelte Cho in Norris Hall 30 Menschen nieder.

Im Vorlesungstrakt für Ingenieurfächer wütete er in mindestens vier Seminarräumen, schoss wild um sich. Gegen 9.45 Uhr fielen dort die ersten Schüsse. Die Türen der Norris Hall versperrte der Täter von innen mit Ketten.

Auch auf der Treppe fanden Polizeikräfte Leichen. Ein behandelnder Arzt aus einem der regionalen Krankenhäuser sagte CNN, alle Opfer hätten mindestens drei Schusswunden gehabt. Er nannte die Verletzungen "beträchtlich".

Der mutmaßliche Täter selbst tötete sich in einem der Seminarräume. Anhand der Fingerabdrücke auf den Waffen und Einreise-Unterlagen wurde Cho Seung-Hui überführt.

Nach Polizeiangaben verwendete der Amokläufer eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock und eine Walther vom Kaliber .22. In Chos Rucksack wurde eine Quittung über den Kauf einer 9-Millimeter-Handfeuerwaffe gefunden. 571 Dollar soll die Waffe inklusive Munition gekostet haben. Laut "Chicago Tribune" besorgte sich Cho die Schusswaffen erst kurz vor der Tat. Die Neun-Millimeter-Pistole habe er sich erst am Freitag gekauft, berichtete ABC. Wenig später habe er sich eine Waffe mit dem Kaliber .22 zugelegt. In seinem Rucksack habe sich weitere Munition befunden.

Die Patrone vom Kaliber 9 Millimeter Parabellum gilt als weltweit am weitesten verbreitete Pistolenmunition. Sie wurde 1902 von den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) eingeführt. Halbautomatische Pistolen und Maschinenpistolen des Kalibers 9 Millimeter gehören zur Standardausrüstung von Polizei- und Militäreinheiten weltweit. Munition vom Kaliber .22 (5,6 Millimeter) wird auch als Kleinkalibermunition bezeichnet. Sie findet oft in Wettkampfwaffen und bei der Kleintierjagd Verwendung. Trotz seines kleinen Durchmessers kann das Geschoss auf kurze Distanz aber auch größere Tiere und Menschen töten.

Nach Augenzeugenberichten stürmte der Schütze in einen Seminarraum und gab in eineinhalb Minuten 30 Schüsse ab. Zuerst habe er einem Professor in dem Kopf geschossen, dann habe er die Waffe auf die Studenten gerichtet. "Er war sehr ruhig, schien aber sehr darauf bedacht zu sein, auch wirklich jeden zu treffen", erzählt die Studentin Erin Sheehan später, die den Amoklauf als einzige von 25 Studenten, die in diesem Raum waren, unverletzt überlebte. Nach ihrer Schilderung kam der Täter zwei Mal in den Raum, in dem sie gerade einen Deutsch-Kurs hatten. "Er hat einfach angefangen zu schießen, ich habe mich einfach nur tot gestellt."

Die Theorie von einem möglichen zweiten Täter wird immer unwahrscheinlicher: Laut Polizei hat die ballistische Untersuchung ergeben, dass mindestens eine der beiden Waffen an beiden Tatorten, Norris Hall und West Ambler Johnston, benutzt wurde. Dass Cho wirklich ein Einzeltäter war, sei allerdings auch noch nicht zweifelsfrei bewiesen.

Chos Eltern leben in Centreville nahe der Bundeshauptstadt Washington, über 700 Kilometer vom Tatort entfernt, und sollen eine Reinigung betreiben. Chos Schwester ist laut "Los Angeles Times" eine Absolventin der Eliteuni Princeton. Der Sender CNN zeigte Bilder des makellos gestrichenen zweistöckigen Reihenhauses der Familie. "Cho war sehr ruhig, hat sich immer von anderen ferngehalten", zitierte die "Chicago Tribune" einen Nachbarn. Briefträger Rod Wells, der die Familie seit langem mit Post beliefert, beschrieb Mutter und Vater als stets freundlich und höflich. "Keine Eltern verdienen so etwas", sagte er sichtlich erschüttert.

ffr/asc/Reuters/AFP/dpa/AP

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