Schul-Attentäter von Parkland Sozialbehörde erklärte Cruz für stabil

Anderthalb Jahre bevor Nikolas Cruz an seiner ehemaligen Schule 17 Menschen erschoss, wurde er von Mitarbeitern einer Sozialbehörde untersucht. Er hatte sich zuvor vor laufender Kamera selbst verletzt.

Gedenken an die Opfer von Parkland
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Gedenken an die Opfer von Parkland


Es war ein Video auf Snapchat, das die Behörden im August 2016 alarmierte. Zu sehen war Nikolas Cruz, damals 18 Jahre alt, der sich an beiden Armen selbst verletzte. Das "Department of Children and Families" (DCF) nahm sich des Falls an. Mitarbeiter der Regierungsbehörde in Florida gingen dem Verdacht nach, Cruz sei ein "mutmaßliches Opfer", wie zuerst die Zeitung "Sun Sentinel" unter Berufung auf entsprechende Unterlagen berichtete. Als "mutmaßliche Täterin" galt demnach zunächst seine Mutter. Auch die "New York Times" und andere Zeitungen zitieren aus den Berichten.

Die Missbrauchshotline des DCF sei damals darüber informiert worden, dass Cruz sich selbst an beiden Armen verletzt hatte. Wer genau den Hinweis lieferte, ist nicht klar.

Die Untersuchung der Behörde war im November 2016 beendet. Neben dem DCF waren laut "Sun Sentinel" auch das Büro des Sheriffs, Vertreter des Schulbezirks und eine Einrichtung für mentale Gesundheit ("Henderson Behavioral Health") über das Snapchat-Video informiert.

Cruz sei unter anderem in seinem Zuhause untersucht worden. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass er von seiner Mutter weder vernachlässigt noch misshandelt werde, heißt es laut der Zeitung in dem Behördenbericht. Cruz sei für stabil erklärt worden, eine Einweisung in ein Krankenhaus für nicht nötig befunden worden. Zur Begründung hieß es demnach, er gehe zur Schule, seine Mutter kümmere sich um ihn und er sei in Behandlung.

"All das hätte verhindert werden können"

Cruz war am vergangenen Mittwoch in seine ehemalige Schule in Parkland gestürmt und hatte um sich geschossen. Er tötete 17 Menschen und verletzte 15 weitere. Der 19-Jährige hatte seine halbautomatische Waffe legal erworben. Nach dem Schulmassaker hatten das FBI und das Büro des Sheriffs eingestanden, Warnhinweise zum Verhalten des Jugendlichen erhalten zu haben - und diesen nicht intensiv genug nachgegangen zu sein.

Aus dem Verteidigerteam des 19-Jährigen hieß es nun, der DCF-Bericht sei das "deutlichste Zeichen dafür" dass das System versagt habe. "All das hätte verhindert werden können", sagte Anwältin Melisa McNeill dem "Sun Sentinel". Cruz' Mutter starb vor wenigen Monaten, sein Vater bereits vor Jahren.

Gonzalez (l.) bei einer Protestveranstaltung in Fort Lauderdale
AFP

Gonzalez (l.) bei einer Protestveranstaltung in Fort Lauderdale

"Schämen Sie sich!"

Am Samstag gingen Hunderte Schüler auf die Straße, um für schärfere Waffengesetze zu demonstrieren. An der Kundgebung in Fort Lauderdale nahmen auch zahlreiche Überlebende des Massakers teil. Lehrer und Vertreter mehrerer Gemeinden schlossen sich an. In leidenschaftlichen Reden brachten junge Menschen neben ihrer Trauer um Schulkameraden tiefen Zorn darüber zum Ausdruck, dass sich trotz einer nicht abreißenden Serie von Bluttaten an Schulen und anderen Einrichtungen nichts an den laschen Waffengesetzen in den USA geändert habe.

Die Schülerin Emma Gonzalez kritisierte US-Präsident Donald Trump dafür, im Präsidentschaftswahlkampf 2016 Gelder der National Rifle Association (NRA) angenommen zu haben. "An alle Politiker, die Spenden von der NRA bekommen haben: Schämen Sie sich", rief sie vor den Demonstranten. Daraufhin skandierte die Menge: "Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!"

aar/AP

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