Massaker in Sittensen Verdächtige hatten Skizze des Tatorts bei sich

Zwei Verdächtige sitzen nach dem siebenfachen Mord in einem Sittensener China-Restaurant in Untersuchungshaft. Im Auto der beiden Vietnamesen hat die Polizei nach Informationen von SPIEGEL ONLINE einen Lageplan des Tatorts gefunden.


Rotenburg - Bereits am Montag fielen die beiden in Bremen wohnhaften Männer den Polizeibeamten einer Routinekontrolle in Wildeshausen im Kreis Oldenburg auf, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Daraufhin durchsuchten die Polizisten ihren Leihwagen, einen blauen VW Polo mit Dürener Kennzeichen - und fanden eine geringe Menge weißer Substanz, vermutlich Kokain. Außerdem entdeckten die Beamten einen handgeschriebenen Zettel, der auf das Verbrechen in Sittensen hinweist.

Asiatische Bürger trauern am Tatort um die Erschossenen
AP

Asiatische Bürger trauern am Tatort um die Erschossenen

SPIEGEL ONLINE erfuhr aus Polizeikreisen, dass es sich bei dem Zettel in dem Auto um eine Skizze des China-Restaurants handelt, in dem der Mord stattfand. Es sei "eine Art Lageplan", sagte ein Fahnder, der wegen der laufenden Ermittlungen nicht mit Namen zitiert werden wollte.

Zudem stellten die Fahnder bei den Männern mehrere Schmuckgegenstände sicher, die nach ersten Ermittlungen den Restaurant-Besitzern gehört haben könnten. Auch hätten verschiedene Zeugen den Mietwagen am Sonntag in der niedersächsischen Gemeinde beobachtet.

Dem Haftrichter reichten jedoch die starken Indizien, um sofort die Untersuchungshaft anzuordnen. Nach Polizeiangaben handelt es sich bei den beiden Tatverdächtigen um 29 und 31 Jahre alte Vietnamesen. Gegen den Vietnamesen D. sei schon wegen Körperverletzung und Erpressung ermittelt worden, hieß es heute auf den Internetseiten des Magazins "Stern". Um mögliche Absprachen unter den beiden Tatverdächtigen zu verhindern, wurden sie laut Polizei in unterschiedliche Justizvollzugsanstalten verlegt. Bisher haben sie zu den Vorwürfen geschwiegen.

Insgesamt seien drei Wohnungen in Bremen und Ahlhorn durchsucht worden. Dort seien verschiedene Spuren gefunden worden, die jetzt ausgewertet würden, so Petra Guderian, Einsatzleiterin der 80 Mann starken Sonderkommission.

Von sieben Opfern sind erst vier identifiziert

In der Nacht auf Montag waren im China-Restaurant "Lin Yue" in Sittensen sechs Personen erschossen worden. Ein siebter Mann erlag in der Nacht zum Dienstag seinen Schussverletzungen.

Vier der sieben Opfer sind laut Polizei identifiziert. Unter ihnen sind ein 31-jähriger Thailänder aus Wolfenbüttel sowie eine 36 Jahre alte Kellnerin malaiischer Herkunft aus Soltau, deren 47-jähriger Ehemann die Toten entdeckt und die Polizei alarmiert hatte.

Zu den Opfern gehört auch das Betreiber-Ehepaar, ein 36-jähriger Hongkong-Chinese und seine 32 Jahre alte Frau gleicher Herkunft. Beide hatten einen britischen Pass. Ihre etwa zweijährige Tochter hat das Verbrechen überlebt und befindet sich nun an einem geheimen Ort. Sie sei bei stabiler, gesunder Verfassung, sagte Andreas Tschirner vom Landeskriminalamt Hannover. Bei den anderen drei Opfern konnte nach Angaben der Ermittler bisher weder Identität noch Nationalität geklärt werden.

Die neue Entwicklung wirft ein völlig neues Licht auf den Fall. Bisher gab es nur Spekulationen über die Hintergründe der Tat. Mehrere Medien spekulierten über die Beteiligung der chinesischen Triaden-Mafia - wohl vor allem, weil es sich beim Tatort um ein China-Restaurant handelte. Ebenso aber berichteten Bewohner von Sittensen, dass der Restaurant-Besitzer Spielschulden gehabt habe und deshalb von seinem Gläubiger unter Druck gesetzt worden sein könnte.

Nunmehr scheinen sich die Ermittler auf ein völlig neues Umfeld der Kriminalität, der ebenfalls mafiös strukturierten Organisationen unter Vietnamesen, zu konzentrieren. Diese Strukturen machten besonders in den 90er Jahren in der Hauptstadt Berlin mit brutalen Morden auf sich aufmerksam. Stadtweit verkauften Hunderte Kleinkriminelle billige Zigaretten aus Polen, den Erlös mussten sie an die Chefs von Banden abgeben. Diese bekriegten sich regelrecht um den lukrativen Markt mit den preiswerten Glimmstängeln.

Der Fall in Sittensen erinnert an einen unaufgeklärten Fall in Berlin

Kenner beim Landeskriminalamt Berlin (LKA) erinnern die Vorgänge in Sittensen nun deutlich an die Bluttaten, die in den 90er Jahren Berlin erschütterten. Im März 1995 wurden fünf Vietnamesen in einem Wohnheim in der Havemannstraße ermordet. Im Mai 1996 wurden drei Vietnamesen auf einem Bahngelände in der Nähe des Lichtenberger S-Bahnhofs Nöldnerplatz getötet. Wenige Tage zuvor waren in einem 18-stöckigen Wohnblock im Bezirk Marzahn sechs zuvor gefesselte Vietnamesen regelrecht hingerichtet worden. Auch wenn der Mord nie abschließend aufgeklärt wurde, gingen die Ermittler von Beginn an von einem mafiösen Hintergrund aus.

Immer wieder endeten die Bandenkriege unter Vietnamesen in Blutbädern, bei denen die Opfer meistens zuerst gefesselt und dann mit Kopfschüssen getötet wurden. Besonders diese Parallele lässt einen ähnlichen Hintergrund bei der Tat in Sittensen vermuten. "Als ich das erste Mal von den Morden hörte, fühlte ich mich an die Vergangenheit erinnert", sagt ein leitender LKA-Ermittler. Bisher aber ist völlig unklar, aus welchem Motiv heraus die Morde in Sittensen stattfanden, so die ermittelnde Staatsanwaltschaft.

In der Hauptstadt ist die Szene der Vietnamesen-Mafia nach Meinung der Ermittler des LKA zumindest an der Oberfläche ruhiger geworden. Noch immer aber werden zwar jeden Tag Zigaretten von Vietnamesen verkauft, ebenso fliegen immer wieder vietnamesische Diebes-Banden auf, die gut organisiert sind. Zudem beobachten die Fahnder, dass vietnamesische Banden zunehmend versuchen, in die Wirtschaftskriminalität einzusteigen.

Morde allerdings gab es in den vergangenen Jahren in Berlin nicht mehr. "Tote machen Ärger, das wissen die Banden-Chefs mittlerweile", so der Ermittler, "deshalb werden die Rivalitäten mittlerweile anders gelöst". Die intensiven Recherchen der Polizei sind aus Sicht der Banden störend, so die Sicht des LKA. Dass immer noch Menschen durch die Banden getötet werden, will bei der Polizei niemand ausschließen, nur weil man keine Leichen mehr findet. Die, so ein Fahnder, lasse man mittlerweile vermutlich einfach verschwinden.

jjc/mgb/AFP/Reuters/dpa



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