Oslo - Anders Breivik hat ein letztes Mal den Gerichtssaal als Bühne genutzt. "Es gibt einen fundamentalen Bedarf an neuer Führung in Norwegen und Europa", sagte der Massenmörder in seinem Schlusswort vor Gericht in Oslo. Seine Anschläge am 22. Juli 2011 seien barbarisch, aber gerechtfertigt gewesen. Er müsse freigesprochen werden, da seine Taten "dem Schutz des Landes" gedient hätten, sagte Breivik.
Die regierenden Sozialdemokraten hätten in Norwegen ein "multikulturalistisches Experiment" gestartet und nach britischem Vorbild asiatische sowie afrikanische Massenzuwanderung in Gang gesetzt. Breivik nannte auch die "Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten und die sexuelle Revolution". Als Ideal würden heute TV-Serien wie "Sex and the City" herausgehoben, in denen weibliche Hauptfiguren Sex mit "Hunderten Männern" hätten.
Breivik nannte als Beispiel für eine "kollektive kulturelle Psychose" in seinem Land, dass Norwegen sich beim Eurovision Song Contest von "einem Asylbewerber als Botschafter" vertreten lasse. Über mögliche weitere Anschläge sagte er, Gleichgesinnte bereiteten neue Angriffe vor. "Sie können bewerkstelligen, dass dabei bis zu 40.000 Menschen sterben."
Der Massenmörder beharrte darauf, zurechnungsfähig zu sein. "35 von 37 Leuten, die sich mit mir befasst haben, haben keine mentalen Störungen festgestellt." Damit wollte Breivik unterstreichen, wofür seine Anwälte am Vormittag plädiert hatten: Bei einem Schuldspruch will der 33-Jährige als zurechnungsfähig eingestuft und verurteilt werden. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer am Donnerstag gefordert, Breivik in eine geschlossene Psychiatrie einzuweisen.
Fünf Hinterbliebene von Opfern und Überlebende hatten zuvor über ihre Erlebnisse gesprochen. Eine Mutter berichtete von ihrer 16-jährigen Tochter, die von Breivik auf der Insel Utøya erschossen wurde. Die Frau sprach sich für eine Haftstrafe aus. Breivik habe "bei seiner Tat großen Einsatz sowohl in der Planung wie bei der Ausführung bewiesen". Zuhörer reagierten mit Applaus, wie die Zeitung "VG" aus dem Gerichtssaal berichtete.
Eine andere Frau erzählte, wie sie nach dem Bombenanschlag blutüberströmt durch Oslo lief. Sie drückte ihr Vertrauen in die Entscheidung der Justiz aus. "Wir sind jetzt am Ende eines Gerichtsverfahrens angelangt, in dem alle rechtlichen und demokratischen Prinzipien sowohl für den Angeklagten wie auch für uns eingehalten worden sind", sagt sie.
"Ich werde vor diesem Mann keine Angst haben"
Leute im Gerichtssaal weinten, als eine Mutter darüber Auskunft gab, wie sie erfuhr, dass ihre Tochter beim Bombenanschlag getötet worden war. Die Frau sprach von ihrer Trauer beim Ausräumen des Zimmers der Getöteten und am ersten Weihnachten ohne die Tochter. Sie sei zu dem Prozess gekommen, sagte die Mutter, um zu sehen, dass Breivik niemanden mehr verletzten könne: "Ich werde vor diesem Mann keine Angst haben." Als sie ihre Aussage beendete, bekam sie Applaus.
Die Schilderungen nahmen auch die Prozessbeteiligten - Richter, Staatsanwaltschaft, Verteidiger - sichtlich mit. Der Angeklagte zeigte keine erkennbaren Reaktionen, blickte starr vor sich hin. Breiviks Statement und die Berichte der Opfer und Angehörigen wurden nicht im Fernsehen übertragen - anders als etwa die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.
Breivik hat in Oslo und auf Utøya insgesamt 77 Menschen umgebracht. Der Massenmörder hat seine Taten als Kampf gegen eine angeblich drohende "islamische Machtübernahme" in Norwegen gerechtfertigt.
Mit Breiviks Schlusswort endete der Prozess. Das Urteil soll am 24. August verkündet werden.
ulz/dpa/AP/AFP
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