Angebliche 9/11-Folgen US-Ermittler decken gigantischen Rentenbetrug auf

Sie gaukelten Depressionen und Angstzustände infolge der 9/11-Anschläge vor: Im größten Rentenbetrugsfall der US-Geschichte sollen sich 106 Angeklagte mehr als 20 Millionen Dollar erschwindelt haben - darunter Dutzende Feuerwehrleute und Polizisten.

Von , New York

9/11-Feuerwehrmann am Ground Zero: Zum Versicherungsbetrug missbraucht
AP

9/11-Feuerwehrmann am Ground Zero: Zum Versicherungsbetrug missbraucht


Louis H. brüstet sich mit einem beeindruckenden Lebenslauf: Pensionierter Cop des New York Police Departments (NYPD), Ex-Leibwächter für Stars wie Sean Connery, preisgekrönter Kampfsportler mit schwarzem Gürtel. "Das Leben ist eine Bühne", schreibt der Chef einer Kampfsportschule in Florida, "ohne Probe und zweite Besetzung."

Das Stück aber, das H. auf dieser Bühne des Lebens vorführte, war offenbar in großen Teilen eine Farce. Zumindest wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, die den 60-Jährigen jetzt angeklagt hat. H. soll sich mit einer vorgetäuschten Genickverletzung eine lebenslange Invalidenrente erschlichen haben - nur um kurz darauf sein Martial-Arts-Studio zu gründen.

"Die Unverfrorenheit war erstaunlich", sagte Manhattans Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance am Dienstag. Er meinte damit nicht nur H., der unter Verweis auf seine angebliche Verletzung rund 470.000 Dollar kassiert haben soll. Denn H. ist wohl nur ein Akteur in einem riesigen Betrugsring, der die US-Rentenanstalt mit erlogenen Leiden um mindestens 21,4 Millionen Dollar erleichtert haben soll. Es ist der größte derartige Betrugsfall in der US-Geschichte: 106 Personen wurden jetzt angeklagt, darunter 72 frühere Feuerwehrleute und sieben weitere Ex-Cops - Männer, die in den USA sonst Heldenstatus genießen.

Schlimmer noch: Jeder Zweite habe - obwohl kerngesund - psychische Spätschäden infolge der 9/11-Anschläge angemeldet. "Ich kann nur meine Abscheu ausdrücken", sagte New Yorks neuer Polizeichef Bill Bratton, der Staatsanwalt Vance bei der Bekanntgabe der Mammutanklage flankierte.

Drahtzieher in fortgeschrittenem Alter

Vance, seit dem Verfahren gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn weltbekannt, schätzt, dass die Bande bis zu 1000 Mitglieder hat. Die Schadenssumme soll sich auf rund 400 Millionen Dollar belaufen. Weitere Anklagen dürften also folgen.

Im Mittelpunkt stehen demnach vier Drahtzieher in teils schon fortgeschrittenem Alter, die den Betrug seit 1988 organisiert haben sollen: ein Polizeigewerkschafter, 61, ein Ex-Cop, 64, ein früherer FBI-Agent, 83, und ein 89-jähriger Rentenberater. Glenn Hardy, Anwalt des Gewerkschafters, bezeichnete seinen Mandanten als "fleißigen Mann", der sich "innerhalb der Regeln, wie er sie verstand", bewegt habe. Die anderen Anwälte verzichteten zunächst auf einen Kommentar.

Die 122-seitige Anklage, die 205 einzelne Straftatbestände aufführt, skizziert den Fall nur, so umfangreich sind die Vorwürfe. Das Führungsquartett habe Freiwillige "rekrutiert" und sie im Vorspielen psychischer Krankheiten "trainiert", um sich bis zu 50.000 Dollar im Jahr zu ergaunern. Es ging um Depressionen, Angstzustände und um das posttraumatische Stresssyndrom. Beliebteste Begründung seit 2001: die 9/11-Terroranschläge.

"Ich habe Angst vor Flugzeugen"

Das trifft einen Nerv, vor allem in New York. Jahrelang haben Zehntausende Cops und Feuerwehrmänner, die den giftigen Schutt der Zwillingstürme weggeräumt und sich dabei oft unheilbare Lungen- und Krebsleiden zugezogen hatten, mit dem Staat um eine angemessene Entschädigung gestritten. Erst 2010 gab der US-Kongress dafür 4,3 Milliarden Dollar frei.

Durch den Skandal rückt auch die US-Rentenbehörde Social Security Administration (SSA) in den Fokus. Zuletzt wurden in Puerto Rico mehr als 70 Menschen wegen ähnlichen Betrugs festgenommen und angeklagt. Die SSA steht unter politischem Druck, ihre Bürokratie zu reformieren, um weitere solche Fälle zu verhindern.

"Fast jeder" der nun genannten Anträge auf Arbeitsunfähigkeit habe identische Formeln enthalten, berichtete Vance: "Ich kann nicht schlafen", "ich kann keinerlei Hausarbeit verrichten", "ich habe Angst vor Flugzeugen und Hochhäusern". Ein weiterer Trick: Beim persönlichen Vorsprechen möglichst "unordentlich" aussehen.

In Wahrheit aber hätten die Verdächtigen ein Luxusleben geführt. Als Beweis führte Vance unter anderem Facebook-Seiten der angeblich Arbeitsunfähigen vor. Auf Jetskis und Motorrädern sind sie unterwegs, sie inszenieren sich beim Fischen, als Hubschrauberpilot oder eben wie Louis H. als Kampfsportlehrer auf der Matte.

Dutzende Angeklagte erschienen am Dienstag vor dem Haftrichter in Manhattan. H. war noch nicht dabei, er wurde in Florida verhaftet und soll an diesem Mittwoch überstellt werden. Sein letzter Facebook-Eintrag stammt vom Sonntag: Da bot er einen Selbstverteidigungskurs "im Stil der israelischen Streitkräfte" an - drei Stunden für 50 Dollar.



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