Prepper in Mecklenburg-Vorpommern Vorbereitet auf den "Tag X"

Wegen Terrorverdachts durchsuchten Spezialeinheiten in Mecklenburg-Vorpommern mehrere Wohnungen - auch die des Polizisten Marko G. Der "Prepper" bereitet sich auf den Zusammenbruch des Staates vor.

Marko G.
Panorama / NDR

Marko G.

Von , Julian Feldmann und


Es ist halb sechs Uhr in der Früh, als der Hund anschlägt: Er bellt, jault, winselt. Sein Besitzer, der Polizeibeamte Marko G. tappt aus dem Bett, wirft einen Blick durch die verglaste Eingangstür und sieht, dass sich Vermummte daran zu schaffen machen. "Mein erster Gedanke: Einbrecher", erzählt der Mann dem ARD-Magazin "Panorama". "Aber dann erkannte ich die Kollegen in Vollausrüstung und schwerer Schutzausstattung."

Marko G. legt sich auf die Fliesen im Hausflur seines Klinkerbaus im kleinen Ort Banzkow in der Nähe von Schwerin. Er leistet keine Gegenwehr, denn er weiß, dass es genau darauf ankommt - schließlich war er selbst jahrelang als Polizist an solchen Aktionen beteiligt. Und jetzt soll er plötzlich auf der anderen Seite stehen?

Der Familienvater, grau melierter Bart, khakifarbenes T-Shirt, ist einer von sechs Männern in Mecklenburg-Vorpommern, deren Häuser die Bundesanwaltschaft am Morgen des 28. August durchsucht. Laut Durchsuchungsbeschluss ermitteln die Beamten gegen zwei Männer wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, einer der Beschuldigten ist ebenfalls Polizist. Sie sollen eine befürchtete Staatskrise als Chance gesehen haben, heißt es in dem richterlichen Schreiben, Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und mit ihren Waffen zu töten. Die vier anderen gelten als Zeugen.

Spezialeinheit in Banzkow
DPA

Spezialeinheit in Banzkow

Auch Marko G. ist im Durchsuchungsbeschluss als "nicht tatbeteiligter Dritter" genannt, bei ihm suchen die Ermittler Beweismittel, die ihren Verdacht untermauern könnten. Außerdem vernehmen sie ihn als Zeugen. Denn G. kennt die beiden Beschuldigten gut, ebenso die drei anderen Durchsuchten. Sie sind alle Mitglieder einer Gruppe namens "Nordkreuz", die über den Messenger "Telegram" kommuniziert.

In der Gruppe sind mehr als 30 sogenannter "Prepper" aus dem Nordosten Deutschlands organisiert, die sich laut G. auf den "Tag X" vorbereiten. Darunter verstehen sie den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung, etwa durch eine "Flüchtlingswelle", einen Bankencrash oder durch Anschläge verursachte Stromausfälle. G. hat die Gruppe Anfang 2016 gegründet, um zusammen mit Gleichgesinnten Vorräte anzulegen, aber auch politisch zu diskutieren und Informationen auszutauschen. G. ist Mitglied der AfD, ebenso wie der tatverdächtige Polizist.

Gemeinsames Schießtraining

Die Zusammensetzung seiner Gruppe beschreibt G. so: "Vom Banker über Mediziner bis zum Sportler ist alles dabei. Wir haben Techniker, Ingenieure, selbstständige Handwerker, Polizisten." Auch mehrere Reservisten der Bundeswehr seien dabei. Bei den gemeinsamen Treffen gehe es um Themen wie "Trinkwasseraufbereitung, welche Filtermöglichkeiten es da gibt, Nahrung haltbarmachen", sagt G.

Um für den Krisenfall vorbereitet zu sein, treffe man sich außerdem auch zum gemeinsamen Schießtraining. Die meisten Mitglieder von "Nordkreuz" verfügen als Jäger oder Sportschützen legal über Schusswaffen.

Jedes Mitglied legte eigene Vorräte an: Hygieneartikel, Konserven, mehrere Europaletten Klopapier, Notstromaggregate, Wasserkanister, die meisten seien vorbereitet für drei Monate Selbstversorgung. G. lagert auch vakuumverpackte Zigaretten und hochprozentigen Alkohol - als "Tauschmittel" für den Fall, dass das Währungssystem zusammenbricht. "Jeder, der sich etwas offener über die Wirtschaft informiert, auch über das Banksystem, sieht: Das scheint auf eine Finanzmarktkrise hinzulaufen", sagt der Polizist G. Er lese viel zu dem Thema, auch in alternativen kleinen Medien. Im Internet fühlt er sich offenbar durch zahlreiche Artikel bestätigt, die den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung durch Krisen und Katastrophen prophezeien.

"Der Tag, an dem man autark sein muss"

Die Formulierung der Bundesanwaltschaft, dass die Verdächtigen sich auf einen "Tag X" vorbereiteten, erklärt sich G. so: "Der Tag X ist der Zeitpunkt, ab dem das normale Leben beeinträchtigt ist, da draußen", sagt er. "Egal ob die innere Sicherheit kaputt ist oder durch ein Naturereignis alles lahmgelegt ist oder einen Stromausfall: Das ist alles Tag X. Der Tag, ab dem man autark sein muss."

G. ärgert sich über das rabiate Vorgehen der Einsatzkräfte, die sich mit Gewalt Zutritt verschafften, nennt es unverhältnismäßig. "Man hätte doch einfach klingeln können", sagt er. Stattdessen durchsuchten die Beamten elf Stunden lang seine Wohnung, sein Gartenhäuschen am See, das Auto und den Wohnwagen auf Rügen. Sie sicherten Daten von sämtlichen Festplatten und elektronischen Geräten; die zuständige Behörde beschlagnahmte vorübergehend den Inhalt seines Waffenschranks.

Marko G. vermutet auch politische Motive hinter der Razzia: Er glaubt, "dass man jetzt gerade nach den Krawallen in Hamburg, die der linksextremistischen Szene angelastet werden, irgendwie versucht, die Gefahr von rechts mal wieder in Erinnerung zu rufen. Und vielleicht deswegen so martialisch und so öffentlichkeitswirksam ein Zeichen setzt, um auch gegebenenfalls Menschen, die so denken, einzuschüchtern."

Polizisten als Prepper: "ein Alarmsignal"

Der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz Thüringen, Stephan J. Kramer, hat eine andere Erklärung für den martialischen Polizeieinsatz bei den bewaffneten "Preppern": Die Unterschätzung der sogenannten Reichsbürger, die ebenfalls lange verniedlicht und verharmlost wurden, ehe ein "Reichsbürger" 2016 einen SEK-Mann erschoss.

"Ohne dass beide Gruppen gleichzusetzen sind, sind Überschneidungen erkennbar", sagt Verfassunsschützer Kramer. Beide Gruppierungen seien auf das Erlangen von Waffen aus. Radikalen "Preppern" gehe es jedoch in erster Linie darum, "Vorräte vor Fremden, anderen Bürgern zu schützen oder in der Endzeitstimmung den Überlebenskampf zu führen".

Ortsschild von Banzkow
DPA

Ortsschild von Banzkow

Dass in der Gruppe "Nordkreuz" sogar zwei Polizisten aktiv sind, hält Kramer für ein Alarmsignal: "Wer in den Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik Deutschland tätig ist, der sollte schon davon überzeugt sein, dass dieser Staat und diese Gesellschaft es wert sind, aufrechterhalten zu werden, insbesondere der Rechtsstaat. Aber wer denkt, dass das Ganze dem Untergang geweiht ist, hat im Grunde genommen in diesen Behörden nichts zu suchen." Kramer fordert daher ein konsequentes Vorgehen gegen radikale "Prepper" im Staatsdienst und deren genaue Beobachtung.

Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern hat bisher keine disziplinarrechtlichen Konsequenzen bei Marko G. gezogen. Bisher lägen keine Ermittlungsergebnisse des Generalbundesanwalts vor, "die gegenüber dem nichttatverdächtigen Zeugen, der Polizeibeamter ist, disziplinarrechtliche Maßnahmen begründen würden."

Marko G. selbst hat nicht das Gefühl, sich mit falschen Leuten eingelassen zu haben. Der "Nordkreuz"-Chat besteht nach wie vor. Die Mitglieder wollen jetzt erst mal abwarten, was die Ermittlungen ergeben. Und in Ruhe die aufgebrochenen Haustüren reparieren.



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