Kolumbien: Kokain-Königin in Schlachterei erschossen

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Sie galt als skrupellos, geldgierig, extrem gewalttätig: In Medellín haben Auftragsmörder eine der reichsten und ehemals einflussreichsten Frauen im Drogengeschäft erschossen. Tonnenweise brachte Griselda Blanco einst Kokain aus Kolumbien in die USA - wer ihr im Weg war, wurde eliminiert.

Mutter der "Cocaine Cowboys": Griselda Blanco auf einem Foto aus den achtziger Jahren Zur Großansicht
imago/ Entertainment Pictures

Mutter der "Cocaine Cowboys": Griselda Blanco auf einem Foto aus den achtziger Jahren

Griselda Blanco war keine schöne Frau. 1,50 Meter groß, 75 Kilo schwer. Ein mächtiger Kiefer, ein beeindruckendes Doppelkinn und ein runder Kopf mit Knautschgesicht, der ihr den Spitznamen "Kartoffel" einbrachte. Aber sie war auch "die Königin des Kokains", "la madrina", die Frau, die mit eisernem Willen und maximaler Skrupellosigkeit weite Teile des Drogenhandels von Kolumbien in die Vereinigten Staaten an sich riss und damit Milliarden verdiente.

Am Montag starb Griselda Blanco - und zwar genau so, wie man es von einer Patin erwartet. Mit ihrer schwangeren Ex-Schwiegertochter stand die 69-Jährige am Montagmittag in einer Schlachterei im Viertel Belén Parque von Medellín. Zwei junge Männer fuhren auf einem Motorrad vor, einer von ihnen stieg ab und feuerte aus nächster Nähe zwei Schüsse auf ihren Kopf ab. Dann flüchteten die Täter.

Blanco wurde noch in ein Krankenhaus gebracht, erlag dort jedoch ihren schweren Verletzungen. "Es ist im Moment noch schwer zu verstehen" sagte ihr langjähriger Freund Cristian Rios der Zeitung "El Colombiano". "Ich hoffe, dass alle Vergeltungsmaßnahmen damit ein Ende haben."

Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch unter Drogengangstern. Angesichts der Blutspur, die Griselda Blanco während ihrer kriminellen Karriere produzierte, darf man davon ausgehen, dass es allerorts noch Hinterbliebene gibt, die auf Rache sinnen. Bis zu 250 Morde soll sie in Florida, New York und Kolumbien in Auftrag gegeben haben - manchmal reichte eine kleine Beleidigung, um die Koks-Queen tödlich zu erzürnen.

Blancos Exekution durch zwei Motorrad-Killer könnte die finale Botschaft eines ihrer Feinde sein, ein sarkastischer Schlussakkord, galt doch ausgerechnet Griselda als die Erfinderin der "Cocaine Cowboys", einer willigen Söldnertruppe auf Bikes, die in ihrem Namen unzählige Morde begangen haben sollen. "Es ist für uns alle überraschend, dass sie nicht schon viel früher getötet wurde, weil sie sich so viele Feinde gemacht hat", sagte Nelson Andreu, ein ehemaliger Kriminalbeamter aus Miami, der einst in Sachen Blanco ermittelt hatte, dem "Miami Herald". "Wer so viele Menschen getötet und verletzt hat wie sie, wird früher oder später gefunden."

Erster Mord mit 13

Griselda Blanco wurde am 15. Februar 1943 als Tochter einer Feldarbeiterin und eines Großgrundbesitzers indianischer Abstammung in Cartagena geboren. Unter desolaten Bedingungen wuchs sie im Viertel Antioquia von Medellín auf - an ihrer Seite die alkoholkranke und gewalttätige Mutter sowie jede Menge Kleinkriminelle. Im Alter von 13 Jahren soll sie ihren ersten Mord begangen haben. Zusammen mit ihrer Bande kidnappte sie ein Kind reicher Eltern. Als das Lösegeld ausblieb, tötete sie das Opfer mit einem Schuss zwischen die Augen.

Zwischen ihrem 14. und 20. Lebensjahr arbeitete Blanco als Prostituierte. Mit ihrem ersten Mann, Alfonso Trujillo, zog sie Anfang der siebziger Jahre in den New Yorker Stadtteil Queens und baute dort einen florierenden Handel mit Kokain aus Medellín auf. Später trat Ehemann Nummer zwei, der Drogenboss und Landsmann Alberto Bravo, auf den Plan und weihte sie in die Geheimnisse des Rauschgifthandels ein.

Ab 1972 hatte Blanco den New Yorker Kokainhandel fest im Griff, kontrollierte fünf Mafia-Familien, aber auch die Kleindealer, die in Queens den Stoff verkauften. Sie dachte sich immer neue Schmuggelvarianten aus, heuerte Frauen als Kuriere an oder produzierte selbst in Kolumbien Unterwäsche mit integrierten Transportfächern für das Kokain. Innerhalb weniger Monate sollen Bravo und Blanco im Big Apple zu Millionären geworden sein.

Im Jahr 1973 tauchte Blancos Name erstmals in Ermittlungsakten der US-Polizei auf. Damals gingen die New Yorker Behörden im Rahmen der Operation "Banshee" gegen kolumbianische Drogenhändler vor.

1975 entdeckte man an Bord eines kolumbianischen Segelschiffs, das anlässlich einer Feier New Yorks Hafen ansteuern sollte, sechs Kilo Kokain. Griselda und Alberto wurden angeklagt, außerdem 37 Helfer. "Wir hatten Beweise, aber es war unmöglich, Griselda Blanco aufzutreiben", sagte Ermittler Bob Palombo, der damals für die Drug Enforcement Administration (DEA) arbeitete. Die Kokain-Königin hatte sich mutmaßlich nach Kolumbien abgesetzt.

Kokain aus dem Meer gefischt

Die Mafiosi verlagerten ihr Geschäft in den Süden - nach Miami. Dort beschäftigten sie 1500 Dealer, ließen Flugzeuge mit Tonnen von Kokain direkt auf Privatflughäfen landen, versahen das Kokain mit Sendebojen und warfen es ins Meer, wo es fleißige Helfer einsammelten und in den Hafen brachten. Ehemalige Wegbegleiter berichteten in dem Dokumentarfilm "Cocaine Cowboys II", Blanco habe das in New York angehäufte Vermögen von etwa 500 Millionen Dollar in Miami verdreifachen können.

Dies war auch die Zeit der großen Partys: Griselda suhlte sich im Luxus, kaufte einen Ring von Eva Perón und ein Teeservice der Queen. In ihrem Penthouse veranstaltete sie glamouröse Feste, zu denen alle Großen des Business geladen waren. In diese Zeit fiel auch ihre Bekanntschaft mit dem späteren Kartell-Boss Pablo Escobar, den sie anfangs protegierte, der sich später aber gegen sie stellte. Wie alle anderen soll auch er bei jedem Besuch im Haus der Diva die Nase jener Bronze-Skulptur gerieben haben, die Blanco von sich selbst hatte fertigen und in der Halle aufstellen lassen. Die Geste sollte Glück bringen.

Ihren Spitznamen "Schwarze Witwe" erwarb sich Blanco mit den mutmaßlichen Morden an dreien ihrer Ehemänner. 1975 kam es zum blutigen Showdown mit Gatte Alberto Bravo, der sie angeblich beleidigt hatte: Auf einem Parkplatz in Medellín standen sich die beiden gegenüber. Blanco soll nach einer Pistole, der wütende Gatte nach einer Uzi gegriffen haben. Bravo war nach einem Kopfschuss sofort tot, Blanco schleppte sich mit einer schweren Bauchverletzung in ihre Limousine und floh. Als sie von Albertos Tod erfuhr, soll sie gelächelt haben. Sechs weitere Menschen starben bei der Auseinandersetzung. Auch zwei weitere Ehemänner soll sie ermordet haben.

Während der Kokainkriege zwischen rivalisierenden kolumbianischen und kubanischen Drogendealern eskalierte die Gewalt in Florida in ungeahntem Maß. Blancos Grausamkeit war legendär: Nachdem von ihr gedungene Mörder im Februar 1982 den in Misskredit geratenen Chef-Killer Jesús Castro verfehlten, aber dessen zweijährigen Sohn mit zwei Schüssen niederstreckten, zeigte sie sich zufrieden: "Sie prahlte damit und freute sich, weil es seinen Vater aus der Fassung bringen würde", sagte ein Informant der Bundesbehörden, Max Mermelstein, später vor Gericht.

Doch auch Griselda kam nicht ungeschoren davon: Ihre drei Söhne Dixon, Uber und Osvaldo wurden kurz nach ihrer Abschiebung nach Kolumbien ermordet. Einziger Überlebender der blutigen Familiengeschichte ist Michael Corleone, den Blanco als großer Fan des Mafia-Epos' "Der Pate" nach einem der Protagonisten benannt hatte. Der 34-jährige sitzt heute im Hausarrest in Miami und wartet auf sein Verfahren wegen Kokainhandels. "Michael ist völlig außer sich", bedauert der Freund der Familie, Cristian Rios, laut "El Colombiano". "Egal, was die Leute von Griselda denken, sie war immerhin seine Mutter."

Die beiden DEA-Ermittler Sascha Sparens und Bob Palombo spürten Griselda Blanco 1984 nach langer Suche in Newport Beach auf. Ein Jahr später nahm man sie im kalifornischen Irvine fest und verurteilte sie zu 20 Jahren Haft. Nach ihrer Freilassung 2004 schoben die Behörden sie nach Kolumbien ab, wo sie seither zurückgezogen lebte. "Ich glaube nicht, dass ihr gewalttätiges Verhalten irgendetwas damit zu tun hatte, dass sie sich als Frau beweisen wollte", sagte Bob Palombo in einem späteren Interview. "Sie war einfach nur ein gewalttätiger Mensch."

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1. Demnächst im Kino
read7 04.09.2012
...da sehen Scarface und der Pate aber alt aus!
2. Ohne Worte
pförtner 04.09.2012
Kein Verlust für die Menschheit. Möchte nicht wissen wie viele Menschen sie auf dem Gewissen hat
3. Das hat lang gedauert
Gaiwa 04.09.2012
Ich hätte damit gerechnet, dass sie sich schon vor einiger Zeit ein paar Kugeln eingefangen hat. Ich glaub es gibt nicht viele Leute ausserhalb von Diktaturen und Terrororganisationen die es geschafft haben sich derart viele Feinde zu machen und solche Blutbäder anzurichten. Bei aller Grausamkeit, eine der surrealsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts.
4. Nachtrag:
Gaiwa 04.09.2012
Abgesehen davon klingt der ganze Artikel aber als hätte der Verfasser einfach Cocaine Cowboys 1 2 angeschaut, und daraus den kompletten Text abgeleitet.
5.
unter_linken 04.09.2012
Ziemlich gut zusammengefasst im Film "Cocaine Cowboys". Dort erzählen unter anderem die bis heute verknackten Mörder die in ihrem Auftrag handelten.
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