Der Fall Amanda Knox:
Was macht man in so einer Situation, als normaler Mensch, wie fühlt man sich da? Ratlos, ängstlich, geschockt? Sollecito und Knox trösten sich gegenseitig. Umarmen sich. Tauschen Küsschen aus.
Fernsehteams, die zum Tatort geeilt sind, halten diese Momente fest. Später, als Knox unter Mordverdacht steht, werden sie sie hervorholen. Turteln im Angesicht des Todes - wer macht denn so was? "Der Engel mit den Eisaugen", dieses Etikett haftet der US-Amerikanerin seither an. Es ist kein schöner Beiname. Aber eine Marke, mit der sich Geld verdienen lässt.
Knox und Sollecito waren im Dezember 2009 wegen Mordes verurteilt worden, bevor sie ein Berufungsgericht Ende 2011 freisprach. Dennoch blieben Zweifel bestehen - vor allem an der Spurensicherung nach der Bluttat.Am Dienstag annullierte das römische Kassationsgericht nun den Freispruch; der Mordfall muss demnächst erneut verhandelt werden.
Ganz zufrieden mit dieser spektakulären Wende dürfte der US-Sender ABC sein, dem Knox ein Exklusivinterview für den 30. April versprochen hat. Dessen Timing könnte nun nicht besser sein - zumal am selben Tag die Memoiren der mittlerweile 25-Jährigen erscheinen ("Zeit, gehört zu werden", in Deutschland ebenfalls ab 30. April bei Droemer). Diverse große Verlage sollen sich im Vorfeld um die Rechte gebalgt haben. Den Zuschlag bekam in den USA am Ende HarperCollins - Berichten der "New York Times" zufolge zahlte das Unternehmen dafür rund vier Millionen Dollar.
Vorwürfe gegen italienische Justiz
Aber Knox ist nicht die Einzige, die mit ihrer Geschichte Geld verdient. Es gibt einen Spielfilm über die Mordnacht von Perugia und den anschließenden Prozess, mit Hayden Panettiere in der Hauptrolle. Über Knox' Rückkehr in die USA berichteten die großen Fernsehsender Ende 2011 wie über einen Staatsbesuch. Und die Bücher über den Fall füllen inzwischen ein ganzes Regalbrett.
Eine der vielen Publikationen zum Thema hat Knox' Mitangeklagter Raffaele Sollecito geschrieben. "Honor Bound - Meine Reise mit Amanda Knox in die Hölle und zurück" heißt seine Schilderung, in der er Vorwürfe gegen die italienische Justiz erhebt.
Ein eigenes Buch schrieb auch John Kercher, der Vater des Opfers. Tagelang druckte die britische Boulevardzeitung "Daily Mail" grausige Auszüge aus "Meredith - Der Mord an unserer Tochter und die herzzereißende Suche nach der Wahrheit". Kercher klagt darin unter anderem über den "Fastberühmtheitsstatus", den Knox während ihrer Zeit in der Zelle erlangt habe - während das Opfer, seine Tochter, fast in Vergessenheit geraten sei.
Sexgeschichte mit schaurigem Ausgang
In der Tat scheint Knox eine unheimliche Faszination auf Medienvertreter in aller Welt auszuüben. Für viele Italiener ist sie die unnahbare, kaltherzige Ausländerin, die den Ruf der örtlichen Behörden in den Schmutz zieht. Amerikaner sehen in ihr das unschuldige Mädchen, das im Ausland in die Fänge einer unfähigen Justiz geriet. In Großbritannien, der Heimat des Opfers, will man einen Schuldigen für den Mord an Kercher. Und der ganze Rest der Welt sieht in Knox eine hübsche 25-Jährige, die eine Sexgeschichte mit schaurigem Ausgang hatte. Saftiger könnte man diesen Fall kaum inszenieren.
Recht gut erklärbar ist dann auch der enorme Selbstvermarktungseifer, der die Beteiligten am Prozess gepackt hat: Der Marsch durch die Instanzen war teuer - und irgendwoher muss das Geld ja kommen. Sollecito selbst schreibt in seinem Buch, wie sich im Lauf der Zeit die Anwaltsrechnungen auftürmten. Bei Knox, berichtete 2012 die "Seattle Times", seien durch den langen Prozess rund eine Million Dollar Schulden aufgelaufen. "Buchstäblich alles verpfändet" habe man, ließ Amandas Vater Curt Knox einmal wissen.
Ein Teil der Ausgaben dürfte auch an Gogerty Marriott gegangen sein. Die PR-Agentur betreute nach eigener Aussage ab November 2007 die Familie Knox - und führt sie heute ganz ungerührt als Referenz auf ihrer Website auf. Man habe, heißt es dort, die Familie "mit allen großen US-Nachrichtensendern in Kontakt gebracht, außerdem mit TV-Sendungen wie Oprah Winfrey sowie mit einer Reihe nationaler und internationaler Magazine und Tageszeitungen".
Es gibt weiter viel zu tun.
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