Schüsse in Memmingen Die Macht der Waffennarren

Ein 14-Jähriger hantiert auf dem Schulhof in Memmingen mit scharfen Waffen - und die neue Debatte zum Waffenrecht ist die alte. Claudia Roth sagt: "Die Knarren müssen raus aus den Privatwohnungen." Die Lobby kontert und verhindert seit Jahren, dass sich etwas ändert.

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Abgegebene Waffen in Nürnberg: Vor der Schützenlobby eingeknickt
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Abgegebene Waffen in Nürnberg: Vor der Schützenlobby eingeknickt


Hamburg - Am Tag, als Robert Steinhäuser in Erfurt 16 Schüler und Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums ermordete, tagte der Bundestag. Er verabschiedete ein Gesetz, das formal eine Verschärfung des Waffenrechts bedeutete, faktisch aber wenig am Status Quo änderte. "Weidmannsheil", sagte ein Abgeordneter.

Auch zehn Jahre später, am 26. April 2012, tagte der Bundestag. Er beschäftigte sich wieder mit den Waffengesetzen und beschloss die Einrichtung eines zentralen Waffenregisters.

Dazwischen lag ein weiterer Amoklauf, am 11. März 2009 erschoss Tim K. an der Albertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen. Die Waffen gehörten seinem Vater, dieser hatte sie hinter den Pullovern im Schlafzimmerschrank versteckt.

Nun hat ein Achtklässler auf dem Pausenhof seiner Mittelschule in Memmingen mit zwei scharfen Waffen hantiert, einen Schuss abgegeben und dadurch Amok-Alarm ausgelöst. Die Schüler verschanzten sich in den Klassenzimmern, der 14-Jährige lief zu einem Sportplatz und harrte auf der Trainerbank aus. Immer wieder feuerte er in die Luft und auf Polizeiautos. Verletzt wurde niemand. Erst nach acht Stunden nahmen die Beamten ihn fest.

Der Schüler hatte den Waffen-Tresor seines Vaters geknackt, der die Pistolen legal besaß und sie, nach allem was bislang bekannt ist, auch ordnungsgemäß verschlossen hatte. Der Vater soll im Vorstand eines Schützenvereins sein. Mitschüler erzählen, der Junge habe Liebeskummer gehabt, weil seine 13-jährige Freundin sich zuvor von ihm getrennt habe.

Waffen in Händen, in die sie nicht gehören

Die Debatte gleicht den Diskussionen vom April 2002 und vom März 2009. Wieder ist ein Jugendlicher in den Besitz von Waffen gelangt, wieder hat ihn die Gelegenheit zum Täter gemacht. Auch wenn die Folgen von Memmingen nicht vergleichbar sind mit denen von Winnenden und Erfurt, so haben die Vorfälle doch eines gemeinsam: Die Waffen gelangten in Hände, in die sich nicht gehören.

Die Reflexe funktionieren auch dieses Mal. Die Diskussion ist erwartbar, die Argumente sind es auch. Angriff, Verteidigung, das Immergleiche. Trotzdem ist es nötig, dass sie geführt wird.

"Das Risiko dieser Waffen ist unbeherrschbar", sagt Roman Grafe, Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen".

"Die tödlichen Knarren müssen endlich raus aus den Privatwohnungen, weil sie ein echtes Sicherheitsrisiko sind", sagt Claudia Roth von den Grünen. Waffen müssten in Vereinsheimen zentral gelagert und bewacht werden, fordert ihr Parteikollege Hans-Christian Ströbele.

"Wenn wir, was immer wieder gefordert wird, Schusswaffen und Munition in Schützenhäusern aufbewahren wollten, dann würde dort ein Munitionsdepot entstehen", sagt Jürgen Kohlheim vom Deutschen Schützenbund (DSB). Es gebe keinen Grund für Änderungen der Rechtslage, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Dreimal hat der Bundestag in den vergangenen zehn Jahren das Waffenrecht verschärft. Doch die Änderungen bewegten sich im Kleinen, es ging stets nur darum, wie mit Waffen umgegangen werden soll - nie, ob überhaupt. Es ist eine Grundsatzfrage, ob es in einem Land wie Deutschland rund sieben bis zehn Millionen genehmigungspflichtige Waffen geben muss.

Für die Jäger, die einer angefahrenen Sau auf der Landstraße den Gnadenschuss verpassen müssen, wie die Lobby behauptet? Für die Erfolge bei Olympia, wie die Sportschützen argumentieren? Um das Brauchtum und die Natur zu pflegen, wie es die zwei Millionen Jäger und Sportschützen für sich in Anspruch nehmen?

In Deutschland gibt es ein Kraftfahrtbundesamt, das die Bewegungen eines Autos registriert - kaufen, anmelden, ummelden, umrüsten, alles verzeichnet. Mit den deutschen Waffen beschäftigen sich dagegen fast 600 verschiedene Behörden. Mal die Ordnungsämter, mal die Polizeidienststellen, mal elektronisch, mal auf Karteikarten. Einen genauen Überblick hat niemand.

Deshalb hat der Bundestag nun die Einführung des Waffenregisters bis Ende des Jahres beschlossen. Schon nach dem Amoklauf 2009 wurde gefordert, Waffen und Munition dürften nicht zu Hause gelagert werden. Doch die Parteien knickten stets ein vor der Waffenlobby, vor Industrie und Verbänden. So wurden aus großen Forderungen immer halbherzige Kompromisse.

Gewaltiges Wählerpotential

Die Waffenlobby ist groß und hervorragend organisiert. Im Forum Waffenrecht haben sich etwa 200 Verbände und 30.000 Einzelpersonen zusammengeschlossen: Schützen, Waffenhändler, Hersteller. Die Aufgabe des Verbands: "Politisches Lobbying", so heißt es auf der Homepage, der legale Waffenbesitz soll verteidigt werden.

Wie eng die Verbindungen in die Politik sind, stellte Forum Waffenrecht-Sprecher Joachim Streitberger jüngst in der ARD-Dokumentation "Waffen sind mein Leben" zur Schau. In Gesetzgebungsverfahren bekomme er schon im Anfangsstadium sogenannte Non-Papers zugespielt - Entwürfe und Arbeitspapiere, die noch nicht abgesegnet sind. Auf diese Weise können die Lobbyisten früh Einfluss nehmen.

Ihr stärkster Trumpf ist die große Zahl an Schützen: Mehr als zwei Millionen Waffenbesitzer gibt es in Deutschland - ein gewaltiges Wählerpotential. Hinzu kommen ihre Familienmitglieder. "Für fünf bis sechs Millionen Wahlberechtigte spielen Fragen des legalen Waffenbesitzes bei ihrer Wahlentscheidung eine wichtige Rolle", sagte Streitberger 2009 dem SPIEGEL. Demnach gehören rund zehn Prozent der Wähler der Waffenfraktion an. Mit ihr wollen es sich die Parteien nicht verscherzen.

"Deutschland hat schon jetzt eines der strengsten Waffengesetze der Welt", heißt es im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung: "Wir sind daher einig in der Einschätzung, dass es gegenwärtig keinen weiteren Veränderungsbedarf im Waffenrecht gibt."

An diesem Montag fand eine Sitzung des Innenausschusses statt. Auf der Tagesordnung stand die Anhörung von Experten zu einem Gesetzesentwurf der Grünen. Die gleichzeitige Aufbewahrung von Schusswaffen und Munition in Privatwohnungen solle grundsätzlich untersagt werden, heißt es unter anderem in dem Entwurf.

Zu den anwesenden Sachverständigen gehörten neben Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft auch Lobbyist Streitberger und Schütze Kohlheim. Sie alle standen dem Gesetzesentwurf kritisch gegenüber: Das größere Problem seien die illegalen Waffen.

Mit Material von dpa und dapd



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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vox veritas 23.05.2012
1. Überflüssig
Schlimme Sache mit glücklichem Ausgang, aber es werden mehr Menschen durch betrunkene Autofahrer getötet als durch Schusswaffen. Ich vermisse daher die Forderung nach einem Verbot von Autos und eine Prohibition von alkoholischen Getränken. Sicherlich würde eine solche Petition eine unglaubliche hohe Zustimmung erhalten.
Indigo76 23.05.2012
2. na dann los
Zitat von sysopdapdEin 14-Jähriger hantiert auf dem Schulhof in Memmingen mit scharfen Waffen - und die neue Debatte zum Waffenrecht ist die alte. Claudia Roth sagt: "Die Knarren müssen raus aus den Privatwohnungen." Die Lobby kontert und verhindert seit Jahren, dass sich etwas ändert. Memmingen: Politiker fordern eine Verschärfung von Waffenrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,834810,00.html)
Und was spricht dagegen, die Waffen in den Schützenhäusern und die Munition in den Privathäusern zu haben? Ohne die Dazugehörigen Waffen, ist die Munition für die Kids wertlos - und das befürchtetet Munitionslager würde nicht entstehen. Und bevor jetzt einige sagen, dass die zuhause gelagerte Munition immer noch in illegal besorgten Waffen Verwendung finden könnte: Lasst euch nicht auslachen - ein Jugendlicher, der illegal an eine Schusswaffe kommt, wird sich genausogut illegal Munition besorgen können!
a.weishaupt 23.05.2012
3. Das unselige Geschrei über die Lobby..
Man kann es echt nicht mehr hören: die böse Waffenlobby, die den angeblichen Sicherheitsinteressen gegenübersteht. Kein Wort davon, dass das Forum Waffenrecht erst als Reaktion auf Versuche des Totalverbots in den 80ern und 90ern entstanden ist. Oder dass die wichtigsten Verschärfungen in Deutschland 1933 und 1971 (Aktionismus als Reaktion auf RAF-Terror) erfolgten, mit Sicherheit des einfachen Bürgers also bestimmt nichts zu tun hatten. Noch 1970 konnte man einfach bei Neckermann oder Otto ein Gewehr bestellen. Müssen ja fürchterliche Zeiten gewesen sein!
sappelkopp 23.05.2012
4. Hallo?
Zitat von sysopdapdEin 14-Jähriger hantiert auf dem Schulhof in Memmingen mit scharfen Waffen - und die neue Debatte zum Waffenrecht ist die alte. Claudia Roth sagt: "Die Knarren müssen raus aus den Privatwohnungen." Die Lobby kontert und verhindert seit Jahren, dass sich etwas ändert. Memmingen: Politiker fordern eine Verschärfung von Waffenrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,834810,00.html)
Für sechs Millionen gehören solche Fragen zu wahlentscheidenden Fragen. Darf man die krank nennen? Es sind doch Sportgeräte, dann gehören sie an den Sportplatz, also auf die Schießanlage, denn woanders braucht sie ja keiner.
Hermes75 23.05.2012
5.
Zitat von sysopdapdEin 14-Jähriger hantiert auf dem Schulhof in Memmingen mit scharfen Waffen - und die neue Debatte zum Waffenrecht ist die alte. Claudia Roth sagt: "Die Knarren müssen raus aus den Privatwohnungen." Die Lobby kontert und verhindert seit Jahren, dass sich etwas ändert. Memmingen: Politiker fordern eine Verschärfung von Waffenrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,834810,00.html)
In der Bundesrepublik kommen im Jahr ca. 11.000 Menschen durch Suizid, 4000 Menschen durch Verkehrsunfälle, 600 durch Badeunfälle aber nur 150 durch Tötungsdelikte mit Schusswaffen ums Leben. Wahrlich da muss man natürlich Hunderttausenden von Sportschützen ihr Hobby verbieten, weil ein paar Leute sich nicht ans Gesetz halten. Vielleicht sollte man erstmal Automobile und Badeseen verbieten - die sind schließlich noch viel gefährlicher. Außerdem müssen natürlich auch alle Klingen aus Haushalten verschwinden, denn auch mit einem guten Küchenmesser könnte man schließlich Menschen umbringen... Mit Verlaub - die Diskussion ist (zumindest auf die Bundesrepublik bezogen) völlig absurd.
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