Menschenrechte Saudis wollen Frau trotz weltweiter Proteste auspeitschen

Der Fall rief weltweiten Protest hervor: In Riad wurde eine junge Frau, das Opfer einer Gruppenvergewaltigung, zu Gefängnis und 200 Peitschenhieben verurteilt. Doch die Saudis bleiben stur, verbitten sich jede Einmischung und wollen die drakonische Strafe unbedingt exekutieren.


Riad - Die 19-jährige Frau, deren Fall international Schlagzeilen machte, wird nur "Das Mädchen von Quatif" genannt. Einzelheiten sind weder über sie noch über den Kriminalfall bekannt, in den sie verwickelt ist. Doch für Aufsehen und Empörung sorgen allein die spärlichen Fakten, die bislang veröffentlicht wurden - Ausdruck des archaischen Rechtssystems in Saudi-Arabien.

Nach Aussage ihres Verteidigers traf sich die damals 18-Jährige im März letzten Jahres in der saudischen Stadt Quatif mit einem ehemaligen Schulfreund. Sie wollte offenbar ein Foto zurückhaben, das er von ihr besaß. Die Frau saß mit dem Schulfreund in dessen Wagen, als plötzlich zwei weitere Männer zustiegen und die beiden in ein abgelegenes Gebiet fuhren, wo schon drei weitere Männer warteten. Die Frau und ihr Schulfreund wurden von den Männern vergewaltigt.

Das Gericht sah den Fall anders: Demnach seien die Frau und der Schulfreund von den anderen Männern in "unzüchtigem Zustand" im Auto gesehen worden, das an einem "dunklen Platz" geparkt gewesen sei.

Nach der Gruppenvergewaltigung wurden jedoch nicht nur die Täter, es wurde auch ihr Opfer angeklagt: Die Frau wurde zu einer Gefängnisstrafe und 90 Peitschenhieben verurteilt, weil sie sich allein mit einem Mann getroffen hatte, mit dem sie nicht verwandt war. Ihr Anwalt, Abdul Rahman al-Lahem, legte Berufung ein. Der Jurist wurde danach nicht nur vom Verfahren ausgeschlossen, auch die Strafe der Frau wurde auf 200 Peitschenhiebe erhöht.

"Ein Urteil nach den Lehren des Propheten Mohammed"

Die internationale Reaktion erfolgte prompt und mit einstimmigem Tenor: Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch appellierten an den saudischen König, das Urteil aufzuheben, Staaten wie Kanada verurteilten die saudische Rechtssprechung als "barbarisch".

Selbst die US-Regierung, für die Saudi-Arabien einer der wichtigsten Verbündeten im Anti-Terror-Kampf ist, äußerte sich immerhin "erstaunt" ob des Prozesses und des harschen Urteils. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, der dies nicht weit genug ging, geißelte das Urteil als "empörend" und forderte US-Präsident George W. Bush auf, "umgehend an König Abdullah zu appellieren, das Urteil zu widerrufen und alle Anklagepunkte gegen die Frau fallenzulassen."

Die Reaktion des saudischen Justizministeriums ist, gemessen an der üblichen Dezenz diplomatischen Sprachgebrauchs, deutlich.

Es sei "bedauerlich", wie internationale Medien über den Fall der 19-Jährigen berichteten: "Die Angeklagte ist eine verheiratete Frau, die gestanden hat, eine Affäre mit dem Mann gehabt zu haben, mit dem sie ertappt wurde." Sie habe zugegeben, etwas getan zu haben, "was Gott verboten hat". Die Rechtsprechung folge "dem Buch Gottes und den Lehren des Propheten Mohammed". Die Frau und ihre Ehemann seien von der Rechtmäßigkeit des Urteils überzeugt und hätten ihm zugestimmt.

"Obszöne Gesten", "Drohende Blicke"

In einem Interview mit dem TV-Sender CNN äußerte sich der Ehemann der verurteilten Frau jedoch ganz anders: "Von Anfang an wurde meine Frau wie eine Schuldige behandelt, die ein Verbrechen begangen hat", sagte der 24-Jährige CNN.

"Man hat ihr keine Chance gegeben, ihre Unschuld zu beweisen oder zu beschreiben, dass sie Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung wurde." Im Prozess sei sie mit ihren Peinigern konfrontiert worden, die Gelegenheit gehabt hätten, "obszöne Gesten" zu machen und ihr "drohende Blicke" zuzuwerfen.

Seine Frau sei nach dem Prozess ein "gebrochener Mensch", so der Mann weiter. Sie sei doch nur "eine stille, einfache Person, die niemandem etwas zu Leide getan habe". Verantwortlich für ihre Misere sei jedoch nicht das saudische Rechtssystem, sondern einer der drei Richter, der sich von Anfang an seiner Frau gegenüber "gemein" verhalten habe.

Die Vergewaltiger der Frau wurden zu Gefängnisstrafen von zwei bis neun Jahren verurteilt.

Wann das Urteil gegen die Frau vollstreckt werden soll, ist nicht bekannt.

pad/AP



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