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Sachsen-Anhalt: Unbekannte beschießen Flüchtling aus Somalia

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Röntgenaufnahme von Yasin Ali W.: Projektil im Kopf Zur Großansicht

Röntgenaufnahme von Yasin Ali W.: Projektil im Kopf

In Merseburg ist ein Mann aus Somalia offenbar mit einer Druckluftwaffe beschossen worden. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Körperverletzung.

Es geschah am Mittwochmittag, der Deutschkurs war zu Ende, Yasin Ali W. machte sich mit einem Freund auf den Weg nach Hause. Da traf ihn etwas am Hinterkopf. W. schrie auf, aus einer Wunde kam Blut, so erzählt es sein Begleiter später. Sie gingen ins Krankenhaus, W. wurde ärztlich versorgt.

Der 38-Jährige lebt in Merseburg, eine Stadt rund 30 Kilometer von Halle entfernt im südlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt. W. war aus Somalia vor der Gewalt rivalisierender Milizen und islamistischer Gruppen geflohen. Im September 2014 kam er nach Deutschland. Ziemlich genau ein Jahr später muss er sich fragen, wie sicher er hier sein kann.

Zwei Tage nachdem er am Hinterkopf getroffen wurde, hatte Yasin Ali W. große Schmerzen und ging erneut in die Klinik. Die Ärzte machten Röntgenaufnahmen von seinem Schädel. Und wurden zwischen Kopfhaut und Schädeldecke fündig: ein Projektil. Es wurde am vergangen Freitag der Polizei übergeben.

Gefährliche Sportwaffen

Eine offizielle Mitteilung zu dem Vorfall gibt es seitens der Ermittlungsbehörden bis jetzt nicht. Auf Nachfrage bestätigte eine Sprecherin der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd in Halle den Vorfall. Es werde wegen schwerer Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz in alle Richtungen ermittelt. Das Geschoss, ein Spitzdiabolo, gehöre vermutlich zu einem Luftgewehr.

In Deutschland sind Druckluftwaffen - Gewehre und Pistolen - bis zu einer bestimmten Mündungsenergie an Personen ab 18 Jahren frei verkäuflich, allerdings darf man auch diese Waffen nicht ohne Waffenschein in der Öffentlichkeit bei sich tragen. Es sind Sportwaffen, ungefährlich sind sie aber nicht, sagt der Neurologe Torsten Kraya vom Universitätsklinikum Halle. "Wenn es eine Waffe mit ausreichend Druck ist, kann so ein Projektil auch den Schädelknochen durchschlagen, was für den Betreffenden lebensbedrohliche Folgen haben könnte."

Yasin Ali W. hat Glück gehabt, er konnte nach seiner Operation am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen werden. Doch noch immer hat er Schmerzen, besonders über dem rechten Auge. Schmerzmittel hat er nicht bekommen, sagt er. Auch sei er bisher nicht von der Polizei in Anwesenheit eines Dolmetschers vernommen worden. Die Polizei streitet das ab, man sei mit dem Geschädigten und dem Zeugen zum Tatort gefahren und habe sich dort den Tathergang schildern lassen.

"Pöbeleien und Übergriffe sind trauriger Alltag"

Die Straße liegt idyllisch an einem Park, mitten im Wohngebiet nahe dem Stadtzentrum. Es war fast niemand zu sehen, als es passierte. Außer einem Fahrradfahrer, der unmittelbar nach dem Schuss von hinten an ihnen vorbei gefahren sei, erzählt W.s Begleiter. Er habe ihn angesprochen und um Hilfe gebeten, doch der junge Mann sei einfach weitergefahren.

Die Polizei sucht nun nach Zeugen.

Yasin Ali W. hat Angst. Die Vorstellung, denselben Weg wieder zum Deutschunterricht gehen zu müssen, ist ihm ein Graus. Ohnehin sind er und seine Landsleute vorsichtig, immer wieder komme es auf der Straße zu Pöbeleien und Anfeindungen. Abends, wenn es dunkel ist, würden sie nicht mehr das Haus verlassen.

Die Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt Halle spricht von einem massiven Anstieg rechter und rassistischer Gewalt in Sachsen-Anhalt. Merseburg sei bereits im vergangenen Jahr ein Schwerpunkt gewesen. "Die Situation in Merseburg ist schon lange sehr angespannt. Pöbeleien und Übergriffe sind für Migranten trauriger Alltag", sagt Zissi Sauermann von der Opferberatung. Regelmäßige Nazi-Aufmärsche, so wie am vergangenen Wochenende, und anhaltende Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte würden die Stimmung weiter anheizen.

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