Messerstechereien in London Lehrer und Parkwächter bestellen Schutzwesten

Scotland Yard schlägt Alarm: Messerstecher seien ein schlimmeres Übel als Terroristen. In Großbritannien sind dieses Jahr bereits 18 Jugendliche an Stichwunden gestorben. Lehrer, Krankenhausmitarbeiter und Parkwächter fürchten um ihre Sicherheit - und bestellen Schutzwesten.


Berlin - Nachdem vergangene Woche in London gleich zwei Teenager mit Messern totgestochen wurden, ist auf der Insel eine heftige Debatte über die öffentliche Sicherheit entbrannt. Das Boulevard-Blatt "Daily Mirror" rief eine Kampagne "Stop Knives - Save Lives" ins Leben. Scotland Yard erklärte, Messerstechereien hätten fortan eine höhere Priorität als der Terrorismus. Die Londoner Polizeibehörde kündigte an, mit einer 75 Mann starken Task Force auf Messerstecherjagd zu gehen.

Londoner Polizeipräsidium: Messerstecher sind schlimmeres Übel als Terroristen
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Londoner Polizeipräsidium: Messerstecher sind schlimmeres Übel als Terroristen

Die Bestürzung über die jüngsten Morde ist groß. Der 16-jährige Shakilus Townsend war am Donnerstag von maskierten Jugendlichen auf einer Straße in Südlondon angegriffen und mit einem 30 Zentimeter langen Messer tödlich verletzt worden. Bereits am vergangenen Sonntag war der ebenfalls 16-jährige Ben Kinsella nach einem Streit in einer Bar in Islington im Norden der Stadt niedergestochen worden. Es waren das 17. und 18. Opfer dieses Jahr. 14 der Angriffe trugen sich in London zu.

Nicht in dieser Zahl enthalten sind die beiden französischen Austauschstudenten Gabriel Ferez und Laurent Bonomo, die ebenfalls vergangenes Wochenende in London getötet wurden. Bonomo wies 200 Messerstiche auf, Ferez 50. Die Ermittler gehen davon aus, dass diese Morde mit einem Einbruch in die Wohnung der beiden zusammenhängen.

Zeitung: 14.000 Stich- und Schnittwunden im Jahr

Laut "Independent" liegt die Zahl der Messerstechereien in Großbritannien weit höher, als die offiziellen Statistiken angeben. Vergangenes Jahr seien 14.000 Menschen mit Stich- und Schnittwunden in Krankenhäuser eingeliefert worden - ein Anstieg um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ein Berater des King's-College-Krankenhauses sagte der Zeitung, dass es mehr Opfer von Messerstechereien gebe und diese immer jünger werden. Zehn Prozent der Opfer seien zudem Mädchen, was es vor einigen Jahren noch nicht gegeben habe.

Der "Guardian" berichtete, viele Behörden sorgten sich inzwischen um ihre Mitarbeiter. Die lokale Verwaltung habe bereits 20.000 Schutzwesten gekauft, vor allem für Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitssystems. Aber auch Lehrer, Bahnmitarbeiter und Parkwächter zeigten Interesse. Lehrer seien der "größte Wachstumsmarkt", zitierte das Blatt einen Hersteller von Schutzwesten.

Polizei soll hart durchgreifen

Auch die Polizei rüstet auf. Bereits im Mai war die "Operation Blunt 2" angelaufen: Polizisten, ausgestattet mit Metalldetektoren und Sondervollmachten, durchkämmten einschlägige Viertel der Hauptstadt. Laut "Times" durchsuchten sie 27.000 Menschen, nahmen 1200 fest und stellten 500 Messer sicher.

Diese Razzien sollen ausgeweitet werden. Die neue Task Force der Londoner Polizei soll laut "Times" bekannte Gang-Mitglieder ins Visier nehmen und nach Belieben Durchsuchungen vornehmen. Auch ist die Polizei angewiesen, künftig den Besitz eines Messers immer zur Anzeige zu bringen. Die Polizeigewerkschaft forderte zudem, dass die Krankenhäuser jede Messerwunde der Polizei mitteilen.

cvo



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