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Verschwundene Studenten in Mexiko: Land der Mafias und Massengräber

Von , Mexiko-Stadt

Im Fall der 43 vermissten Studenten in Mexiko haben die mutmaßlichen Täter schauerliche Geständnisse abgelegt. 26.000 weitere Menschen sind vermisst. Die Schicksale machen deutlich, welche Zustände in dem Land herrschen.

Es war die Nachricht, vor der sich ganz Mexiko gefürchtet hat. Als Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam am Freitagmittag vor die Presse trat, konnte man in seinem Gesicht schon ablesen, dass er diesmal niemanden vertrösten würde. Mit dunkler Stimme sagte Mexikos Chefermittler: "Die 43 seit sechs Wochen vermissten Studenten sind aller Wahrscheinlichkeit nach tot."

Die jungen Männer waren Ende September in der Stadt Iguala festgenommen worden, weil sie in gekaperten Bussen auf dem Weg zu einer Demonstration waren. Nach der Festnahme verschwanden sie. Durch die neuen Aussagen und Hinweise wird nun immer wahrscheinlicher, welch grausames Schicksal sie erleiden mussten.

Der Generalstaatsanwalt stützt sich auf die Geständnisse dreier verdächtiger Teenager. Zum Beweis führte er ein Video vor, das Auszüge der Befragungen und Tatortbegehungen zeigt.

In dem mehrere Minuten langen Film erzählen die mutmaßlichen Täter, wie sie in der Nacht des 26. September 43 junge Leute auf einer Müllkippe töteten, verbrannten und dann die Reste in Plastiktüten verpackt in einen Fluss warfen. Die Schilderungen erinnern an Menschenrechtsverbrechen, die so vielleicht in den finsteren lateinamerikanischen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts vorstellbar waren, aber nicht in einer Demokratie, die sich selbst auf dem Sprung in die Riege der zehn größten Wirtschaftsnationen sieht.

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Vermisste Studenten in Mexiko O: Schauriges Geständnis
Die Geständnisse und zwei gefundene Müllbeutel seien zwar deutliche Indizien, betonte der Generalstaatsanwalt. Aber erst ein DNA-Abgleich könne endgültige Gewissheit bringen. Vor mehreren Wochen gab es schon einmal Geständnisse, doch die in Massengräbern entdeckten Leichen waren nicht die Studenten. Auch die nun entdeckten sterblichen Überreste sind in einem kaum identifizierbaren Zustand. Man werde in Zusammenarbeit mit den besten Laboren der Welt versuchen, die Identität der Opfer zu klären, versprach der Chefermittler.

Das Feuer brannte sechs Stunden

Murillo Karam berichtete detailliert, was sich in der Nacht des 26. September zugetragen haben soll. Die Rekonstruktion beruht vor allem auf den Aussagen der mutmaßlichen Täter: Demnach wurden die 43 Studenten durch die Polizei von Iguala festgenommen und an die Pistoleros des lokalen Kartells "Guerreros Unidos" übergeben. Diese zwangen die Studenten auf einen Viehtransporter und in einen Lieferwagen und fuhren sie in das rund 20 Kilometer entfernte Cocula.

Auch die dortige Polizei stand im Sold des Kartells und war zuvor zur Verstärkung nach Iguala befohlen worden. Auftraggeber des Verbrechens sollen der inzwischen inhaftierte Bürgermeister Igualas und seine Frau gewesen sein, beide standen vermutlich im Sold des organisierten Verbrechens. Sie fürchteten offenbar, dass die Studenten eine Veranstaltung der Frau des Bürgermeisters stören könnten, bei der diese ihre Kandidatur für die Kommunalwahlen im kommenden Jahr bekannt geben wollte.

Während des Transports von Iguala nach Cocula starben laut Aussagen der mutmaßlichen Täter mindestens 15 der Studenten. Sie seien "erstickt", erzählt ein Festgenommener in dem Video.

An der abgelegenen Müllkippe von Cocula angekommen, mussten die Lebenden mit erhobenen Händen aussteigen und wurden gefragt, warum sie die Veranstaltung des Bürgermeisterehepaares stören wollten. Anschließend zwangen die Täter ihre Opfer auf den Boden und töteten sie. Dann legten sie die 43 Leichen aufeinander, stapelten Reifen und Holz darüber und übergossen alles mit Benzin. Das Feuer brannte sechs Stunden.

Am Nachmittag des nächsten Tages kehrten die Schergen zurück, füllten die sterblichen Überreste in acht große schwarze Müllbeutel und warfen diese in den nahen Fluss San Juan. Einige Säcke gingen unter, andere nahm die Strömung mit. Zwei der Beutel wurden gefunden. Sie veranlassen die Ermittler zu der Annahme, dass die Aussagen der drei Verdächtigen stimmen. Auf der Müllkippe von Cocula fanden mexikanische und argentinische Gerichtsmediziner zudem Asche, Zähne und Patronenhülsen.

"Nur so kann der Staat seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen"

Die Gleichgültigkeit, mit der die jungen Männer in dem Video über ihre Tat sprechen, löst Schaudern aus. Und sie verrät, wie gewöhnlich offensichtlich diese Art von Hinrichtung für die Schergen der Drogenkartelle ist. So steht das Schicksal der 43 Studenten stellvertretend für das von mindestens 26.000 anderen Menschen, die in den vergangenen Jahren in Mexiko verschwanden und nie oder nur tot gefunden wurden.

Die Angehörigen der Opfer warten seit sechs Wochen in der Universität in Ayotzinapa auf ihre Söhne. Sie weigern sich, den Worten des Staatsanwalts Glauben zu schenken. "Wir wollen unumstößliche Beweise für ihren Tod", sagt Margarito Ramírez, Vater eines Studenten. "Solange bleiben unsere Jungs für uns am Leben." Ramírez kritisiert die Regierung scharf. "Der Präsident wollte sich vor seiner Reise nach China dieses Problems nur entledigen, wir vertrauen dieser Regierung nicht".

Der Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia äußert Verständnis für Wut und Misstrauen der Eltern. "Wie kann ein Staat als Ermittler glaubwürdig sein, wenn er selbst Täter ist?", fragt der Hochschullehrer und Präsident des "Instituto de Accion Ciudadana" in Mexiko-Stadt. Buscaglia fordert die Einsetzung einer Wahrheitskommission mit unabhängigen Experten. "Nur so kann der Staat seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen."

Auch der Amerika-Direktor von "Human Rights Watch" forderte Präsident Enrique Peña Nieto zur Aufklärung auf. "Dies ist der Test für die Glaubwürdigkeit Mexikos", sagte José Miguel Vivanco. Seit 2006, seit der Regierung von Ex-Präsident Felipe Calderón, habe es in Mexiko keine einzige Verurteilung wegen des Verschwindens von Menschen gegeben. "Diese Straflosigkeit macht Verbrechen wie das von Iguala erst möglich".

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insgesamt 110 Beiträge
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1. #boykott
FBN 08.11.2014
Ich habe einen sehr vermögenden Bekannten in Mexiko - der hat mir das schon vor Jahren erzählt. Untragbare und unhaltbare Zustände, dagegen ist Russland ein sicherer Rechtsstaat! Dass Menschenrechte und Recht uns Sch...egal sind, erkennt man in dem Zusammenhang daran, daß Mexiko nicht mit Sanktionen belegt wird, obwohl das mehr als angezeigt wäre.
2. lange Tradition
EmmaDiel 08.11.2014
Die Medien tun sich recht schwer mit dieser Sache, aber sie hat eine lange Tradition. Wen es interessiert, einfach mal nach Gaby Weber googeln. Oder Shock Doctrine. Oder Manufacturing Consent.
3. Drogen, vom Staat kontrolliert abgeben.
jjcamera 08.11.2014
Die einzige Möglichkeit, den Drogenbanden endgültig das Handwerk zu legen, ist die staatliche Abgabe von Drogen zu extrem günstigen Preisen, medizinisch kontrolliert, von den Behörden überwacht. Die staatlichen Verwaltungen würden auch noch ein Riesengeschäft machen. Überall auf der Welt würden die Preise für Drogen jeder Art auf ein Niveau sinken, auf dem der Handel sich nicht mehr lohnt. Die Drogenbanden wären ihre Einkommensquelle los.
4. Sie wollten eine Veranstaltung stören
dirkozoid 08.11.2014
Das ist natürlich ein Grund, sie zu ermorden. Vielleicht sollte man mal die Studenten mit ordentlichen Waffen ausstatten und dann sie das übernehmen lassen, was die Polizei und nicht mal die Armee hinbekommt: Diese ganzen kriminellen Subjekte ausmerzen, aber restlos.
5. Der Fluch der bösen Tat
stefan1904 08.11.2014
Die Spanier haben den Ureinwohnern das Land mit unvorstellbarer Brutalität entrissen. Ein Land, das so entstanden ist, steht unter einem schlechten Stern.
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Interaktive Grafik
Sie kämpfen um die Macht und das Geld - mit brutalsten Mitteln: In Mexiko haben Drogenkartelle dem Staat und ihren Rivalen den Krieg erklärt. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Syndikate welche Regionen kontrollieren, und erklärt, wer die Hintermänner sind.

Fläche: 1.964.375 km²

Bevölkerung: 113,423 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

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