Neue Rangordnung bei Mexikos Drogenkartellen Auf "El Chapo" folgt "El Mencho"

Einst war Joaquín "El Chapo" Guzmán der mächtigste mexikanische Drogenboss. Nun schickt sich ein einstiger Weggefährte an der Spitze der "Jalisco Nueva Generación" an, seinen Platz einzunehmen. Mit brutalen Mitteln.

DPA

Von , Mexiko-Stadt


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Der Mann auf den Fotos trägt mal Oberlippenbärtchen, mal nicht. Mal ist er etwas fülliger, mal schlanker. Eines ist er aber in jedem Fall: einer der mächtigsten mexikanischen Verbrecherbosse - vielleicht sogar der mächtigste überhaupt.

Nemesio Oseguera, genannt "El Mencho", gilt als so gefährlich, dass die US-Regierung jüngst das Kopfgeld auf ihn auf zehn Millionen Dollar verdoppelte. Gut möglich, dass Oseguera sich freute, als US-Justizminister Jeff Sessions vor die Presse trat.

Zum einen darüber, dass die Behörden offenbar keine aktuellen Fotos von ihm haben - die Bilder sind durchweg einige Jahre alt. Zum anderen dürfte Oseguera die Verdopplung des Kopfgeldes als Bestätigung empfunden haben - zumal die USA sein Kartell "Cártel de Jalisco Nueva Generación" (CJNG) als eine der "fünf gefährlichsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt" einstufen.

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Drogenkartelle in Mexiko: Die Macht der "Jalisco Nueva Generación"

Das CJNG soll laut US-Drogenfahndern für den Schmuggel von mindestens fünf Tonnen Kokain und fünf Tonnen Metamphetaminen pro Monat in die USA verantwortlich sein. Osegueras größtes Ziel ist es, das Sinaloa-Kartell als mächtigste Verbrecherorganisation Mexikos und vor allen dessen in New York in Haft sitzenden Anführer Joaquín Guzmán, "El Chapo", als Boss der Bosse abzulösen.

Oseguera, 52, hat es weit geschafft. Heute leitet er die gefährlichste, blutrünstigste und am stärksten expandierende kriminelle Organisation Mexikos. Begonnen hat er als eine Art Juniorpartner des Sinaloa-Kartells im wichtigen Bundesstaat Jalisco mit seiner Metropole Guadalajara. 2010 beendete "El Mencho" die Allianz mit "El Chapo" und baute sein eigenes Syndikat auf. Wie fast immer in solchen Fällen wurden aus Partnern erbitterte Feinde.

Seither beobachten Experten einen steilen Aufstieg des "Cartel Jalisco Nueva Generación". Gemäß "InsightCrime", einem auf das organisierte Verbrechen in Lateinamerika spezialisierten US-Nachrichtenportal, operiert die Gruppe in mindestens 22 der 32 Bundesstaaten Mexikos und hat nach Ansicht des unabhängigen Kriminalitätsexperten Alejandro Hope dem Sinaloa-Kartell vor allem den stetig wachsenden Markt für synthetische Drogen entrissen.

Aus einer Bauernfamilie an die Spitze eines Kartells

Das liegt an Verschiebungen in der Kartelllandschaft, aber auch an der selbst für mexikanische Verhältnisse extremen Brutalität Osegueras und seiner Organisation. 2011 warf die CJNG 35 Leichen von Folteropfern auf den Straßen von Veracruz ab. 2013 vergewaltigten und töteten CJNG-Gangster eine Zehnjährige, die sie irrtümlich für die Tochter eines Rivalen hielten. 2015 brachten CJNG-Killer einen Mann und dessen Sohn im Grundschulalter um, indem sie an deren Körpern Dynamitstangen anbrachten und den Sprengstoff dann detonierten.

Oseguera stammt aus dem Ort Uruapan im westlichen Bundesstaat Michoacán. Dort wuchs er in einer Familie von Avocado-Bauern auf. Als junger Mann ging er als Migrant ohne Papiere in die USA. Dort aber dealte er offenbar schon mit Heroin, wurde festgenommen und in seine Heimat ausgewiesen. Im kleinen Ort Tomatlán in Jalisco schloss er sich der örtlichen Polizei an. Als er seine spätere Frau Rosalinda kennenlernte, die damals als Buchhalterin für die Verbrecherorganisation "Milenio-Kartell" arbeitete, wechselte er erneut die Seiten. Spätestens damals, sagen Ermittler, begann der Aufstieg zu einem der gefährlichsten Drogenbosse Mexikos.

Dieser nahm dann mit der letzten Verhaftung von El Chapo im Januar 2016 und seiner Auslieferung an die USA ein Jahr später besonders an Fahrt auf.

Staatsfeind Nummer eins

Im Sinaloa-Kartell gab es Nachfolgekämpfe zwischen Guzmáns Söhnen Iván Archivaldo und Jesús Alfredo, genannt "Los Chapitos", sowie Dámaso López Núñez, früher Guzmáns enger Vertrauter. Das CJNG nutzte die Schwäche der Konkurrenz, um dem Sinaloa-Syndikat Schmuggelrouten und Reviere zu entreißen.

In Mexiko gilt "El Mencho" schon seit 2015 als "Staatsfeind Nummer eins". Damals gelang es seinem Kartell am 1. Mai, die Sechs-Millionen-Stadt Guadalajara mit brennenden Straßensperren sowie Angriffen auf Geschäfte und Sicherheitskräfte in Angst und Schrecken zu versetzen. Den Verbrechern gelang es sogar, einen Militärhubschrauber abzuschießen, wodurch klar wurde, dass die Organisation auch über Kriegswaffen verfügt.

Im August 2016 ließ "El Mencho" vermutlich zudem die beiden "Chapitos" entführen. Erst fünf Tage später kamen sie gegen die Zahlung eines Lösegelds und möglicherweise weitere Gebietsabtretungen wieder frei. In der Welt der Kartelle war das eine Demütigung des Gegners und zugleich ein Zeichen der eigenen Stärke.

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Wer so mächtig ist, hat Feinde. Kaum eine Person in Mexiko dürfte besser bewacht sein als "El Mencho". Sein Personenschutz soll selbst den der mexikanischen Präsidenten in den Schatten stellen. Oseguera beschäftigt Ex-Elitesoldaten der Armee und Marine als Leibwächter. Sein engster Sicherheitsring besteht aus 20 Männern, die mit Schnellfeuergewehren und Granatwerfern ausgestattet sind. Oseguera weiß, dass ihm die Fahnder ständig auf den Fersen sind. Seine Frau Rosalinda, Ex-Finanzchefin des Kartells, wurde im Mai geschnappt. Sein Sohn Rubén, genannt "Menchito", sitzt in Haft und wartet auf seine Auslieferung an die USA.

Rubén Oseguera Gonzalez, genannt "El Menchito"
REUTERS/Secretaria de Gobernacion/Handout via Reuters

Rubén Oseguera Gonzalez, genannt "El Menchito"

Nemesio Oseguera sei "pathologisch misstrauisch", sagt Kriminalitätsexperte Hope. Der Drogenboss hält sich vermutlich in der Region um El Grullo im Südwesten Jaliscos versteckt. Im kaum zugänglichen Hinterland soll er seine Unterschlüpfe haben, dort kennt er jeden Winkel. Und die Bevölkerung schütze ihn, sagt Experte Hope.

Zudem hält offenbar der Gouverneur des Bundesstaates, Aristóteles Sandoval, seine schützende Hand über den Verbrecher - eine in Mexiko durchaus übliche Beziehung von Politik und organisierter Kriminalität auf höchster Ebene.

Sandovals Amtszeit endet Anfang Dezember. Ob sein Nachfolger die möglichen Absprachen mit dem CJNG respektiert, ist offen. Zumal der künftige Präsident Mexikos, Andrés Manuel López Obrador, der am 1. Dezember sein Amt antritt, die Verbindungen der Kartelle in die legale Wirtschaft und in die Politik besonders bekämpfen will.


Zusammengefasst: Unter Mexikos Drogenkartellen deutet sich eine Wachablösung an. Lange Zeit galt Joaquín "El Chapo" Guzmán als mächtigster Drogenboss. Nach seiner Verhaftung und Auslieferung an die USA füllt die Bande "Jalisco Nueva Generación" (CJNG) zunehmend die Lücke. Einst ein Juniorpartner von Guzmans Sinaloa-Kartell, ist sie inzwischen laut US-Ermittlern eine der "fünf gefährlichsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt". CJNG-Chef Nemesio "El Mencho" Oseguera gilt als extrem misstrauisch und brutal. Die USA haben auf ihn ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt.

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