Suche nach Vermissten in Mexiko "Der tägliche Horror in unserem Staat"

Im mexikanischen Bundesstaat Veracruz suchen Angehörige selbst nach Tausenden Verschwundenen. Der Fund eines Massengrabs zeigt: Auf Hilfe von Polizei und Justiz können die Bürger nicht hoffen.

REUTERS

Von , Mexiko-Stadt


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Lucía de los Ángeles Díaz Genao erinnert sich an diesen Dienstag vor zehn Monaten, als sei es gestern gewesen. Es war der 10. Mai, Muttertag, ein schwülheißer Tag in Veracruz. Lucía de los Ángeles, die alle nur Lucy nennen, marschierte mit den Frauen ihres Kollektivs "El Solecito" und Hunderten Unterstützern durch die Hafenstadt am Golf von Mexiko.

Alle trugen Bilder oder Plakate mit den Konterfeis ihrer Söhne, Töchter, Brüder oder Väter mit sich, denn alle vermissen einen Angehörigen. Lucy Díaz sucht ihren Sohn Luis Guillermo. Unbekannte rissen ihn am 28. Juni 2013 nachts zu Hause aus dem Schlaf und verschleppten ihn. Da war er 29 Jahre alt und einer der bekanntesten DJs in Veracruz. "Es ist der tägliche Horror in unserem Staat", sagt Lucy Diaz.

Da die Behörden trotz dieses Horrors nichts tun, hat die Frau das Kollektiv "El Solecito" gegründet. Es ist eine Selbsthilfegruppe, die angesichts der Arroganz und Apathie der Justiz seit Jahren selber nach ihren Angehörigen sucht, ähnlich wie bei den Familien der 43 verschleppten Studenten von Ayotzinapa. Auch sie sind auf sich alleine gestellt, haben aber wenigstens internationale Hilfe und Aufmerksamkeit.

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Der Wahnsinn in Veracruz spielt sich dagegen weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit ab. Dabei verschwinden vermutlich nirgends in Mexiko mehr Menschen spurlos. Die Staatsanwaltschaft hat 2750 Vermisste registriert. Wenn sie wieder auftauchen, dann tot.

30.000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden

Bei ihrer Demonstration erhielten Lucy Díaz und die anderen verzweifelten Angehörigen Hilfe. Unter die Demonstranten mischten sich ein paar Männer. "Sie sahen eher wie Verbrecher aus", sagt Díaz. Aber sie verteilten handgemalte Karten. Diese wiesen den Weg zu einem Waldgebiet außerhalb von Veracruz, nahe einem Weiler namens Colinas de Santa Fe. Am Ende eines Feldwegs waren Dutzende Kreuze auf den Karten eingezeichnet. "Es war so etwas wie ein Geschenk zum Muttertag," sagt Lucy Díaz. Und sie meint das nicht einmal zynisch.

Veracruz ist wegen seiner strategischen Lage und des Hafens umkämpft. Die "Zetas" beherrschten jahrelang mit Duldung der Gouverneure das Geschehen in Veracruz. Dann kam die Konkurrenz vom Kartell "Jalisco Nueva Generación". Seither ringen die Banden um Routen und Reviere. Dabei werden jeden Monat rund hundert Menschen ermordet, Dutzende andere verschwinden.

Gerade diese Vermissten und Verscharrten sind einer der tragischsten Aspekte des mexikanischen Drogenkriegs: Menschen, die kämpften, als Kanonenfutter genutzt wurden oder zwischen die Fronten gerieten. 30.000 Personen gelten offiziellen Zahlen zufolge im demokratischen Mexiko als verschwunden. Das sind mehr als in den südamerikanischen Diktaturen der Siebzigerjahre. Die Dunkelziffer liegt nach Ansicht von Experten und Angehörigen noch wesentlich höher. Und der Staat? Bleibt tatenlos, die Angehörigen sind auf sich gestellt.

"Veracruz ist ein riesiges Massengrab"

Seit sie die ominösen Skizzen mit den Kreuzen erhielten, haben die Mütter von "El Solecito" nicht einen Tag geruht. Sie haben den Weg in den Wald verfolgt, sich Spaten und Spitzhacken besorgt, ein paar erfahrene Männer angeheuert, die schon mehrfach Massengräber ausgehoben haben. Monatelang arbeiteten sie, jeden Tag von acht bis 17 Uhr. "Wir haben gesucht, gegraben und gefunden", sagt Lucy Díaz. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich nicht. Erst als die Gräber gefunden waren, kamen Polizisten und hoben die Fundstellen aus.

Darum ist Lucy Díaz auch verärgert darüber, was passierte, nachdem die Frauen die Justiz über den Fund von 253 Leichen und Schädeln informierten. Der zuständige Ermittler des Bundesstaates Veracruz, Jorge Winckler, preschte vor und sagte einem mexikanischen TV-Sender: "Veracruz ist ein riesiges Massengrab".

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"Er tat so, als sei das Aufspüren des Gemeinschaftsgrabes das Verdienst der Ermittlungsbehörden", kritisiert Díaz. "Dabei haben sie nichts getan. Wir haben die Arbeit gemacht, zu der eigentlich der Staat verpflichtet ist."

"Über viele Jahre tötete das organisierte Verbrechen Menschen und ließ die Leichen verschwinden", sagte Staatsanwalt Winckler. Das sei mit Duldung der Machthaber geschehen. Damit spielte Winckler auf Javier Duarte an, bis zum vergangenen Jahr Gouverneur von Veracruz. Duarte ist seit Monaten auf der Flucht und wird von Interpol gesucht. Gegen ihn laufen mehrere Verfahren wegen Veruntreuung, Geldwäsche und vor allem seiner Verbindung zum organisierten Verbrechen.

Angehörige machen die Arbeit der Ermittler

Sicherheitsexperten wie Edgardo Buscaglia, Professor an der Columbia Universität in New York oder die International Crisis Group (ICG) halten Veracruz für mafiös und für einen "Terror-Staat". "Politik, Regierung und Sicherheitsapparat stecken dort tief im organisierten Verbrechen drin und räumen die Existenz der Massengräber erst ein, wenn sie gefunden sind", sagt Buscaglia. Daher müssten die Angehörigen die Arbeit der Ermittler machen.

Von den 253 menschlichen Überresten konnten bisher nur zwei zugeordnet werden. Dabei handelt sich um die beiden Verbindungsleute der Staatanwaltschaft von Veracruz zum Marineministerium, das seit Jahren Tausende Soldaten in dem Staat stationiert hat, um das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Beide Männer wurden im Dezember 2013 verschleppt. Man fand ihre Dienstausweise bei den Leichen.

Staatsanwalt Winckler bereitete die Bevölkerung darauf vor, dass möglicherweise noch sehr viel mehr Leichen in dem Massengrab liegen - man habe erst 30 Prozent ausgehoben. Auch angesichts dieses Kommentars kann Lucy Díaz von der Selbsthilfegruppe "El Solecito" nur mit dem Kopf schütteln. "Es ist schlicht falsch, was er sagt. 70 Prozent des Grabes sind ausgehoben. Ich war da, ich habe gegraben, aber Winckler war nie da."

Regierung und Justiz ignorieren das Problem

Veracruz ist keine Ausnahme in Mexiko, nur ein besonders schwerer Fall. Seit August vergangenen Jahres wurden alleine dort 125 Massengräber entdeckt. Im ganzen Land werden immer wieder Grabstellen gefunden, selten allerdings mit so vielen Leichen wie jetzt in Veracruz. Im Januar wurden 56 menschliche Überreste im nördlichen Bundesstaat Nuevo León gefunden. In Iguala im Bundesstaat Guerrero, wo im September 2014 die 43 Studenten von Ayotzinapa verschwanden, wurden 63 Gräber mit insgesamt 133 Leichen ausgehoben.

In der Hälfte der 32 mexikanischen Bundesstaaten haben Angehörige und Justiz bereits verscharrte menschliche Überreste aufgespürt. Selbsthilfegruppen gehen aber davon aus, dass nur zwei von zehn Fällen überhaupt zur Anzeige gebracht werden.

Denn weder die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto noch die mexikanische Justiz gehen dem grausamen Thema nach. In keinem Land ohne formelle Kriegshandlungen verschwinden und sterben mehr Menschen als in Mexiko. Es liegt an Menschrechtsorganisationen oder Angehörigen wie Lucy Díaz, auf diese unhaltbare Situation hinzuweisen.


Zusammengefasst: Im mexikanischen Bundesstaat Veracruz suchen Angehörige vermisster Personen auf eigene Faust nach den Verschwundenen - weil sich Polizei und Justiz nicht um die Fälle kümmern. Tatsächlich machen die Behörden oft gemeinsame Sache mit Drogenkartellen. Experten sehen Veracruz als "Terror-Staat".

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