Verschleppt und ermordet "Mexiko ist ein Knochengrab"

Drei Filmstudenten verschwinden und werden von Drogengangstern umgebracht, wie jährlich Tausende Menschen in Mexiko. Im Land werden Proteste laut. Doch von Polizei und Militär ist kaum Hilfe zu erwarten.

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Von , Ciudad Juárez


In diesen Tagen, in denen der Schrecken noch so tief sitzt, versetzen selbst die kleinen Dinge die Menschen in Guadalajara in Panik. Wer wartet in dem Geländewagen mit dunklen Scheiben - die Polizei, die Drogenmafia oder einfach nur jemand, dessen Auto dunkle Scheiben hat?

Seit sich vor gut einer Woche die Nachricht von den bestialischen Morden an drei Studenten der örtlichen Filmhochschule im Land verbreitete, begleitet die Menschen in der Sechs-Millionen-Metropole die Angst. Der Mord an den jungen Männern zeigt, dass es in Mexiko offenbar jeden zu jeder Zeit überall treffen kann.

Etwa 35.000 Menschen gelten nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft im Land als vermisst. Das sind mehr als in den südamerikanischen Diktaturen der Siebzigerjahre. "Ganz Mexiko ist ein riesiger Friedhof", sagt Pfarrer Óscar Enríquez, Direktor der Menschenrechtsorganisation Paso del Norte in Ciudad Juárez. Die Stadt erlangte vor Jahren wegen Hunderter verschwundener und ermordeter Frauen traurige Berühmtheit.

Pfarrer Óscar Enríquez
Klaus Ehringfeld

Pfarrer Óscar Enríquez

In den vergangenen Jahren aber hat sich Jalisco zu einem Zentrum des Verbrechens entwickelt. Der Bundesstaat mit seiner Hauptstadt Guadalajara im Westen Mexikos ist einer der wohlhabendsten des Landes und reich an Bodenschätzen.

Aus Jalisco stammt der berühmte Tequila, von hier stammt aber auch die neueste Mafiabande des Landes, das Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG). Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von "El Chapo" Guzmán, der in den USA auf seinen Prozess wartet.

Erst kürzlich verschleppten Lokalpolizisten drei italienische Handlungsreisende in Jalisco und übergaben sie an die Totschläger des CJNG. Die Ermittlungen lassen vermuten, dass die Italiener die wirtschaftlichen Aktivitäten des Kartells störten. Das genügt schon, um in Mexiko mit dem Tode bestraft zu werden.

Knapp 3060 Männer, Frauen und Jugendliche gelten nach Zahlen des Innenministeriums in Jalisco als vermisst. Nur in Tamaulipas an der Grenze zu den USA (5989 Verschwundene) und im Bundesstaat Mexiko in der Hauptstadtregion (3834) verschwinden mehr Menschen einfach so und tauchen nie wieder auf. Oft werden sie Opfer von Gewaltverbrechen, die jede Vorstellungskraft übersteigen. So wie auch die drei Filmstudenten.

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Mexiko: Land der Verschwundenen

Sie seien zur "falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, sagte die leitende Staatsanwältin Lizette Torres lapidar. Die seit Mitte März vermissten jungen Männer wurden von Schergen des CNJG entführt, gefoltert, ermordet und dann in Schwefelsäure aufgelöst, um sämtliche Spuren zu verwischen. Und das alles wegen einer Verwechslung.

Die jungen Männer hatten sich für zwei Tage zu Dreharbeiten für ein Uniprojekt auf ein Anwesen in der Ortschaft Tonalá nahe Guadalajara zurückgezogen. Dieses war jedoch vom CJNG zuvor als Lager für Waffen und Drogen genutzt worden. Die Kartellmitglieder hielten die Studenten angeblich für Angehörige der rivalisierenden Bande "Nueva Plaza" und entführten sie am 19. März auf einer unbefahrenen Landstraße.

Anschließend brachten sie ihre Opfer auf eine andere Ranch, wo die Studenten schließlich getötet wurden, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Das Auflösen der Leichen erledigte angeblich ein junger Mann, der gewöhnlich als Rapper sein Geld verdient. Das Verbrechersyndikat habe ihm für das Auflösen von Leichen pro Woche 3000 Pesos (130 Euro) gezahlt, sagte er bei seiner Vernehmung.

Politik des Verschwindenlassens

Die Gräueltat erinnert die Mexikaner an ein anderes Verbrechen, das vor Monaten das Land und die Weltöffentlichkeit bewegte. 43 Studenten der Landuniversität von Ayotzinapa wurden am 26. September 2014 von Mitgliedern des organisierten Verbrechens und Sicherheitskräften verschleppt. Die jungen Männer sind bis heute verschollen.

Vergangene Woche demonstrierten Angehörige der Opfer in Mexiko-Stadt und forderten die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto auf, weiter nach der Wahrheit zu suchen und den Fall nicht abzuschließen. Sie werfen der Regierung vor, nicht ernsthaft an einer Aufklärung interessiert zu sein.

Demonstration zur Erinnerung an 43 verschwundene Studenten
AFP

Demonstration zur Erinnerung an 43 verschwundene Studenten

Menschenrechtsorganisationen beklagen schon lange, dass in Mexiko eine systematische Politik des Verschwindenlassens üblich ist. Im Krieg des Staats gegen die Kartelle nehmen Polizei und Militär systematisch Verdächtige oder zu Unrecht Beschuldigte fest, töten sie und verscharren ihre Leichen.

Durchschnittlich 80 Morde pro Tag

Damit unterscheiden sie sich nicht vom organisierten Verbrechen. Oft arbeiteten Sicherheitskräfte und kriminelle Banden zusammen, sagt Pfarrer Enríquez vom Menschenrechtszentrum Paso del Norte, das vom deutschen Hilfswerk Misereor unterstützt wird. Anders sei die ungeheuerliche Zahl spurlos Verschwundener nicht zu erklären.

Die drei toten Filmstudenten verlängern nun die Liste der insgesamt 104.000 Menschen, die in der knapp sechsjährigen Amtszeit von Peña Nieto bisher getötet wurden. Dabei waren die drei ersten Monate des Jahres die blutigsten der vergangenen knapp zwölf Jahre, in denen der mexikanische Staat Krieg gegen die Drogenkartelle führt. 2549 Tote im Januar, 2389 im Februar und 2346 im März. Im Schnitt 80 Morde am Tag.

Angesichts des Verbrechens an den Studenten rang der aus Guadalajara stammende Schriftsteller Antonio Ortuño um Worte: "Mexiko ist ein Schlachthaus und ein Knochengrab, ein Land, in dem viele täglich ihre Arbeit damit verbringen, andere wie Vieh zu behandeln, sie auszubeuten, über ihr Leben oder ihren Tod und auch das Fleisch ihres Körpers zu bestimmen. Das ist Mexiko. In diesem schwarzen Loch leben wir."



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