Kämpfe mexikanischer Drogenkartelle 68 Ermordete, jeden Tag

Mehr als 18.500 Opfer von Januar bis September: 2017 könnte es in Mexiko eine Rekordzahl an Morden geben. Die Gewalt erreicht Regionen, die bislang als relativ sicher galten. Und die Regierung ist hilflos.

REUTERS

Von , Mexiko-Stadt


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Der Stundenplan der Grundschule Capitán Rosendo Robles in La Paz im mexikanischen Bundesstaat Baja California Sur sah vor Kurzem eine ungewöhnliche Abwechslung vor. Statt Mathematik oder Spanisch bekamen die Schüler eine Lehrstunde in Sachen Sicherheit. Das Programm "Escuela Segura" (Sichere Schule) sollte die Mädchen und Jungen auf einen möglichen Schusswechsel in ihrer Schule vorbereiten.

Auf einem Handyvideo hört man Maschinengewehrsalven vom Band, sieht Bundespolizisten mit gezückten Waffen durch die Klassenräume streifen und mehr als hundert Grundschüler, die bäuchlings auf dem Pausenhof liegen. Aus dem Megafon kommt eine Durchsage: "Alle auf den Boden. Ruhig Kinder, die Polizei durchsucht jetzt die Klassenräume."

Derartige Übungen sind in manchen Bundesstaaten zwei Mal pro Jahr vorgeschrieben - auf Anweisung des Bildungsministeriums. Offensichtlich geht die Regierung davon aus, dass die ausufernde Gewalt im Land jederzeit auch Schulen erreichen kann.

Was aus deutscher Sicht bizarr wirkt, nennen manche in Mexiko weitblickend. Denn gerade in Baja California Sur, einem Lieblingsziel von US-Urlaubern, kann sich niemand sicher fühlen. Restaurants, Strände und selbst das Parkhaus der Staatsanwaltschaft waren schon Schauplatz von Schießereien.

Meistens duellieren sich Mitglieder der Kartelle um die Vorherrschaft in dem Bundesstaat, der lange vom Drogenkrieg verschont blieb. Inzwischen steht Baja California Sur aber im Zentrum des Mafiakonflikts. Knapp 450 Morde gab es allein in den ersten neun Monaten des Jahres. Dabei sterben aber nicht nur die Killer der Kartelle. Immer öfter geraten Unbeteiligte wie Kinder und Touristen ins Kreuzfeuer.

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Morde in Mexiko: Ein tödliches Jahr

Experten führen den Gewaltanstieg auf den Zerfall des Sinaloa-Kartells zurück. Früher dominierte es den Bundesstaat. Nach der Auslieferung seines Bosses Joaquín "El Chapo" Guzmán an die USA Anfang des Jahres streiten seine Söhne und die alten Statthalter um die Nachfolge. Zudem drängt die Mafia "Jalisco Nueva Generación" in den Ferien-Bundesstaat am Pazifik, der wegen seiner strategischen Lage und der vielen Touristen umkämpft ist.

Mehr als 18.000 Mordopfer in neun Monaten

Baja California Sur steht beispielhaft für die entfesselte Gewalt. Bis Ende September wurden nach Angaben des Innenministeriums 18.505 Menschen ermordet. Das entspricht mehr als 68 Morden am Tag. Diese Zahlen wurden nicht einmal auf dem Höhepunkt des so genannten Drogenkriegs erreicht, als der frühere Präsident Felipe Calderón während seiner Amtszeit von 2006 bis 2012 eine aggressive Strategie gegen organisierte Kriminalität verfolgte.

2011 galt bisher als das Jahr mit den meisten Morden in Mexikos Geschichte. 22.630 Menschen wurden damals Opfer, ein Durchschnitt von 62 Morden pro Tag. 2017 wird es mehr Mordopfer geben, das zeichnet sich jetzt schon deutlich ab. Im regionalen Vergleich liege Mexiko damit zwar noch immer hinter Kolumbien und Brasilien, sagt der Sicherheitsexperte Alejandro Hope dem SPIEGEL. Aber für einen OECD-Staat und ein Land, das sich auf dem Sprung vom Schwellen- zum Industrieland sehe, sei das untragbar.

Die Ursachen für die Gewaltexplosion seien vielfältig: "Das Auseinanderbrechen des Sinaloa-Kartells, das Auftauchen neuer Mafiabanden, eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Heroin in den USA, aber auch die institutionelle Agonie und Unfähigkeit des Staates." Präsident Enrique Peña Nieto, dem ein gutes Jahr im Amt bleibt, habe weder die Zahl der Polizisten aufgestockt noch die Reform der Staatsanwaltschaften umgesetzt.

"Die Gewalt ist verteilt auf das ganze Land"

Auch die Regierungswechsel in vielen Bundesstaaten sind laut Hope ein potenzieller Faktor, der Gewalt fördere. Die alten Absprachen zwischen lokalen und regionalen Machthabern und der organisierten Kriminalität müssten neu "ausgehandelt" werden. Froylan Enciso vom Thinktank International Crisis Group sieht drei Hauptursachen für die Gewaltexplosion: unüberlegte Sicherheitsstrategien, zersplitterte kriminelle Organisationen und zunehmend diversifizierte illegale Aktivitäten.

Der wichtige Unterschied zwischen 2011 und 2017: "Die Gewalt ist verteilt auf das ganze Land und weniger fokussiert auf bestimmte Regionen", sagt Hope. "Damals konzentrierten sich 15 Prozent aller Morde in Ciudad Juárez, heute gibt es keinen Bundesstaat, der mehr als zehn Prozent der landesweiten Morde auf sich konzentriert."

Vor sechs Jahren wusste man mehr oder weniger, welche Gegenden zu meiden waren. Das ist vorbei. Jüngst machte die Riviera Maya, Mexikos Haupturlaubsziel in der Karibik, mit Exekutionen, Schusswechseln vor Einkaufszentren, Verfolgungsjagden in der Innenstadt und Leichenteilen in Müllsäcken von sich reden.

Präsident Peña Nieto schweigt zu dem Thema. Wo es besonders brennt, wie in Baja California Sur, werden Soldaten und zusätzliche Polizisten eingesetzt. Aber es gibt keine umfassende Strategie. "Man kann im Moment nur fokussiert die größten Brände löschen", sagt Sicherheitsexperte Hope. Angesichts der Präsidentenwahl im Juli 2018 geht er von einem Anstieg der Gewalt aus, denn Wahljahre sind in Mexiko immer Jahre der Gewalt. "Erst danach wird es abflauen."

In Baja California will die Bevölkerung nicht so lange warten. Bürger in der Hauptstadt La Paz und dem Urlaubsort Los Cabos protestierten mehrfach gegen den Gewaltanstieg: "Frieden für unser Paradies" und "Ich will kein Kollateralschaden sein" stand auf Plakaten bei den Kundgebungen. Die Menschen forderten ein durchdachtes Sicherheitskonzept - genau das, woran es in Mexiko am meisten fehlt.


Zusammengefasst: Die Gewalt in Mexiko eskaliert - in den ersten neun Monaten des Jahres wurden mehr als 18.500 Menschen ermordet. 2017 wird damit wahrscheinlich das Jahr mit den meisten Morden in der Geschichte des Landes werden. Grund dafür sind unter anderem die Revierkämpfe zerfallender Drogenkartelle, die sich zunehmend auch in Regionen verlagern, in denen es lange Zeit vergleichsweise friedlich war. Inzwischen hat der Drogenkrieg das ganze Land erfasst, auch bei Touristen beliebte Gegenden. Die Regierung findet kein Mittel, um die Lage zu bessern. Und Experten fürchten einen weiteren Anstieg der Gewalt im kommenden Jahr - dann sind Präsidentschaftswahlen.



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