Untersuchungsbericht zu verschwundenen Studenten Die Lügen der mexikanischen Regierung

Unabhängige Experten zerpflücken die Regierungsversion vom Verschwinden der 43 Studenten in Mexiko. Ein Jahr nach dem Verbrechen gibt es weder Gerechtigkeit noch Gewissheit, was mit den jungen Männern geschah.

AFP

Von , Mexiko-Stadt


Als die fünf Experten ihre Vorträge beendet haben, legt sich für einen kurzen Moment totale Stille über den Saal. Dann bricht ein Vater der 43 verschwundenen Studenten das Schweigen und schreit: "Fue el estado." In die drei Worte - "Es war der Staat" - legt er die ganze Wut über das, was er und 800 weitere Eltern, Diplomaten, Reporter und Vertreter der mexikanischen Regierung gerade gehört haben.

Knapp zwei Stunden lang hat eine unabhängige Kommission im Menschenrechtszentrum von Mexiko-Stadt ihre Sicht auf die Verbrechen vom 26. September 2014 in der Stadt Iguala präsentiert, als Studenten der Landuniversität von Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero von Polizisten beschossen, drei von ihnen getötet und 43 verschleppt wurden.

Diplomatisch verklausuliert und auf 500 Seiten niedergeschrieben zerpflücken die Juristen, Ärzte und Psychologen praktisch alles, was mexikanische Justiz und Regierung als "historische Wahrheit" im Zusammenhang mit dem Verschwinden der jungen Männer vor fast einem Jahr verkauft haben.

Vor allem widerlegen die Experten detailliert die Behauptung, dass die Opfer auf einer Müllkippe der Ortschaft Cocula nahe Iguala verbrannt wurden, wie es die Generalstaatsanwaltschaft Ende Januar behauptet und diese Version mit angeblichen Geständnissen von jungen Bandenmitgliedern untermauert hat. "Das können wir kategorisch ausschließen", sagt der chilenische Anwalt und Mitglied der Expertenkommission, Francisco Cox.

Zweifelhaft sei ebenso, ob die jungen Pistoleros des lokalen Kartells "Guerreros Unidos", die als Täter präsentiert wurden, wirklich verantwortlich sind. Liest man den "Informe Ayotzinapa" zwischen den Zeilen, dann heißt es darin an die Adresse der mexikanischen Regierung: Verfahren fragwürdig, Beweislage dünn, fangt nochmal von vorne an.

Das Verbrechen an den Studenten hat Mexiko wegen seiner Brutalität und den politischen Verwicklungen in Aufruhr versetzt und international für Bestürzung gesorgt. Denn es belegt erstmals lehrbuchhaft, wie eng in einer der größten Demokratien der Welt organisiertes Verbrechen, Politik und Sicherheitskräfte zusammenarbeiten.

Der Angriff auf die Studenten und das anschließende Verschwindenlassen durch lokale Polizeikräfte wurde vermutlich von dem damaligen Bürgermeister Igualas, José Luis Abarca, angeordnet. Die genaue Ursache dafür konnten die Experten während ihrer sechsmonatigen Recherchen nicht bestimmen. "Es gab nicht nur ein Motiv, und es ist möglich, dass die Entscheidung, die jungen Männer verschwinden zu lassen, erst im Laufe der Ereignisse der Nacht getroffen wurde," betonte der spanische Arzt und Psychologe Carlos Beristain.

Elf Monate und elf Tage sind seit dem Verbrechen vergangen - und es ist nichts geschehen. Die Regierung hat den Fall schnellstmöglich abschließen wollen, "Carpetazo" nennt man das in Mexiko: "zu den Akten legen". Dies ist eine oft praktizierte Form, um die wahren Täter zu decken.

So bleibt ein Jahr ohne Wahrheit, ein Jahr ohne Beweise, ohne Gerechtigkeit, ein Jahr voller behördlicher Schlampereien oder Vertuschungsversuche. "Ein Jahr, in dem sie uns immer wieder das Herz herausgerissen haben", sagt Emiliano Navarrete, einer der Väter. Seine Stimme bebt vor Wut. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Denn die Eltern haben seit dem Verbrechen an ihren Kindern keinen Tag geruht. Sie hakten bei der Regierung nach, demonstrierten jeden Monat und verlangten immer wieder Aufklärung. Sie wurden Weltreisende in Sachen Gerechtigkeit, waren in Süd- und Nordamerika, sind nach Europa geflogen, um Unterstützung für ihren Kampf zu suchen. Überall stießen sie auf offene Ohren und Hilfsbereitschaft. Nur daheim nicht.

Aber durch den Expertenbericht fühlen sie sich jetzt bestätigt, dass die Regierung sie von Anfang an belogen hat. Auch weite Teile Mexikos haben die offizielle Version ohnehin nie geglaubt, zumal die Staatsanwaltschaft nur unter Folter erpresste Geständnisse präsentiert hat. Die Eltern fordern nun, dass die fünf internationalen Experten weiter ermitteln dürfen, bis die Jungen gefunden sind. Auch verlangen sie, dass "Präsident Enrique Peña Nieto Würde zeigt und mit uns redet".

Und während die Regierung die Studenten vergessen und im wahren Wortsinn totschweigen will, erinnert das ganze Land an die jungen Männer: "Nos faltan 43" - "Uns fehlen 43" ist zu einem nationalen Motto, zu einer landesweiten Bewegung geworden. Es steht auf Mauern, prangt auf Autofenstern, ist als Graffiti auf Häuserwände gesprüht. Fotoausstellungen erinnern an die Opfer, Musiker schreiben Songs für sie. Es ist wie ein Schrei nach Gerechtigkeit nicht nur für die Studenten geworden, sondern für die anderen mehr als 25.000 Menschen, die in Mexiko in den vergangenen Jahren spurlos verschwunden sind und vermutlich in Massengräbern verscharrt wurden.

Die Eltern, Brüder und Kommilitonen der Opfer haben im Menschenrechtszentrum schweigend die schmerzhaften Schilderungen über die Geschehnisse des 26. September angehört. Manche nicken leise, andere trocknen sich die Tränen. Die meisten sind in sich gekehrt. Die Wut kommt hinterher, aber auch die Erleichterung. "Wir wussten, dass diese historische Wahrheit der Regierung eine historische Lüge ist", sagt Felipe de la Cruz, einer der Sprecher der Angehörigen. Und er fügt hinzu: "Es war ein Verbrechen des Staates. Und der Staat muss dafür geradestehen."

insgesamt 14 Beiträge
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rwinter77 07.09.2015
1. Demokratie?
Kann man im Falle Mexikos wirklich von Demokratie sprechen? Zu einer Demokratie gehört mehr als ein paar Kreuze auf dem Stimmzettel alle paar Jahre, z. B. ein funktionierender Rechtstaat und eine politische Elite, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlt. Sonst verkommt der Demokratie-Begriff zum ideologischen Schlagwort, der eine Freihandelszone mit Mexiko und die alte Aufteilung in "demokratische" und "undemokratische" Staaten rechtfertigen soll!
metalslug 07.09.2015
2. Ziemlich hoffnungslos
Wie soll der Staat den Staat bestrafen?
Kater Bolle 07.09.2015
3. Wo bleiben denn die Mahner.....
Die Herren Schulz, Junker, Steinmeier, Kerry sollten auch da ihren Job machen und diese Mafia-Regierung undiplomatisch "abwaschen". Scheinbar gibt es gute und schlechte Mörder. IS= schlecht Regierung Mexico gut. Wo bleiben da die gerühmten Werte.
ecdora 07.09.2015
4. Diese Behördenapparate dienen nicht dem Bürger.
Der sogenannte Dienst am Bürger dient lediglich der Legitimation als deren Daseinsberechtigung. Die vordergründig aufgesetzte Freundlichkeit der Bediensteten, kaschiert im Grunde die Verachtung der Bürger. Das ist erlebte Praxis in den Behörden, wahrscheinlich weltweit.
Pränki 07.09.2015
5. Kurzfilm über exakt dieses Thema
Ein deutscher Regisseur beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Thema: https://youtu.be/CoGXRR8NkZw
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