Abschuss von Flug MH17 Raketensystem stammt laut Ermittlern von russischem Militär

Malaysia-Airlines-Flug MH17 wurde mit einem Raketensystem einer russischen Militäreinheit abgeschossen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team internationaler Ermittler.

Rekonstruiertes Wrack der abgeschossenen Maschine
REUTERS

Rekonstruiertes Wrack der abgeschossenen Maschine


Im Fall des abgeschossenen Passagierjets von Malaysia Airlines hat ein internationales Ermittlerteam eine Zwischenbilanz seiner Arbeit vorgestellt. Das Raketensystem, mit dem das Flugzeug abgeschossen wurde, gehört laut dem Joint Investigation Team (JIT) zu den russischen Streitkräften. Alle Fahrzeuge in einem Konvoi, der die Raketen transportiert habe, seien Teil der russischen Streitkräfte gewesen. Zahlreiche Fotos, Videos und Zeugenaussagen würden das belegen.

Das System gehöre zur 53. russischen Luftabwehrbrigade, die in Kursk stationiert ist, sagte Wilbert Paulissen von der niederländischen Polizei. Die Ermittler riefen die Öffentlichkeit auf, Hinweise auf die Mitglieder der Einheit zu geben, die damals das Raketensystem bedient habe. So wollen sie wissen, wer zu der Mannschaft des Buk-Systems gehörte, wer ihr Kommando hatte und mit welchem Befehl sie in die Ukraine gezogen war.

"Wir untersuchen nun gezielt, inwieweit die betreffende Brigade selbst aktiv am Abschuss der Maschine beteiligt war", sagte der niederländische Ermittler Fred Westerbeke. Das JIT hat nach eigenen Angaben die Untersuchungsergebnisse nach Moskau gemeldet.

Russische Armee weist Vorwürfe zurück

Der russische Präsident Wladimir Putin sagte am Donnerstagabend, dass Moskau die Ergebnisse der Untersuchung analysieren werde. Zuvor hatte die russische Armee die Ermittlungsergebnisse am Donnerstag zurückgewiesen. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte: "Kein einziges Luftabwehrsystem der russischen Armee hat jemals die russisch-ukrainische Grenze überquert." Hinter der Tragödie stecke die Ukraine. Die russischen Behörden hätten "erschöpfende Beweise" dafür vorgelegt, dass ukrainische Einheiten beteiligt gewesen seien, die russische Buk-Raketen nutzten.

Die niederländischen Ermittler hätten Aussagen vollkommen außer Acht gelassen, die von Zeugen in der Nähe des Unglücksortes stammten. Demnach sei die Rakete von einem Gebiet abgefeuert worden, das die ukrainische Armee kontrollierte. Russland hat stets bestritten, an dem Abschuss des Flugzeuges beteiligt gewesen zu sein.

"Zweifelsfrei identifiziert"

Westerbeke sagte, das JIT sei noch nicht so weit, Verdächtige zu nennen. Man sei aber in der letzten Phase der Ermittlungen. Wann sie abgeschlossen werden, könne er nicht sagen, weil immer noch viel Arbeit zu tun sei. In den vergangenen Jahren seien viele Beweise gesammelt worden. Diese reichten für eine Anklage jedoch noch nicht aus. Es bleibe noch "Arbeit zu tun".

Das Ermittlerteam klagte über mangelnde Kooperation der russischen Behörden. An dem internationalen Team unter niederländischer Leitung beteiligen sich Malaysia, Australien, Belgien und die Ukraine.

Die Ermittler hatten die Route des Raketensystems rekonstruiert. Am 23. Juni 2014 war ein Militärkonvoi aus Kursk Richtung Ukraine abgefahren. Dazu gehörte auch das Fahrzeug mit dem Buk-System. Es habe charakteristische einzigartige Kennzeichen und sei dadurch "zweifelsfrei identifiziert" worden. Chefermittler Wilbur Paulissen sprach von einem Fingerabdruck.

Flug MH17 war am 17. Juli 2014 in Amsterdam gestartet und auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Dort kam die Maschine nicht an: Die Boeing 777-200 wurde über der Ostukraine abgeschossen, wo sich Regierungstruppen und prorussische Rebellen bekämpften. Alle 298 Menschen an Bord starben, 196 von ihnen waren Niederländer.

Im Video: SPIEGEL TV über Todesflug MH17 (11.01.2015)

SPIEGEL TV

Ermittlungen fokussieren sich auf Dutzende Personen

Die Konfliktparteien machen sich gegenseitig für den Absturz verantwortlich. Die ukrainische Regierung und der Westen vermuten schon lange, dass prorussische Rebellen das Flugzeug mit einer aus Russland stammenden Boden-Luft-Rakete abgeschossen haben. Moskau sieht die Verantwortung dafür hingegen bei der ukrainischen Armee. Auch die ukrainische Armee hatte Raketen russischer Bauart in ihren Beständen.

Zu dem Fall wurden mehrere Ermittlergruppen eingesetzt:

  • Das JIT unter Leitung der Niederlande befasst sich mit der strafrechtlichen Aufarbeitung. Ende September 2016 stellte es seine Ergebnisse vor: Demnach wurde die Maschine mit einer Buk-Rakete aus dem Gebiet prorussischer Rebellen abgeschossen. Die Rakete wurden den Ermittlern zufolge aus Russland in die Ostukraine transportiert, die Abschussrampe anschließend nach Russland zurückgebracht. Am JIT waren auch Behörden aus Australien, Belgien, Malaysia und der Ukraine beteiligt. Russland stellt die Ergebnisse in Zweifel.
  • Eine zweite Ermittlergruppe ging der Frage nach der Absturzursache nach, die Schuldfrage blieb außen vor. Verantwortlich war der niederländische Flugsicherheitsrat (OVV). Beteiligt waren neben Niederländern und Ukrainern auch Ermittler aus Malaysia, den USA, Großbritannien, Australien und Russland.
    Im Oktober 2015 stellte der OVV die Ergebnisse vor. Flug MH17 wurde demnach von einer Buk-Luftabwehrrakete getroffen. Die Ermittler kritisierten die Ukraine dafür, nicht den Luftraum über der Krisenregion gesperrt zu haben. Niemand habe an Risiken für die zivile Luftfahrt gedacht.

Die niederländische Staatsanwaltschaft teilte im September 2016 mit, hundert Personen seien identifiziert worden, die für die Ermittlungen von Interesse seien. Inzwischen fokussieren sich die Ermittlungen auf einige Dutzend Personen. Anklagen sind noch nicht erhoben worden, ein möglicher Strafprozess soll in den Niederlanden stattfinden.

Russland hatte die Einrichtung eines Uno-Sondertribunals im Weltsicherheitsrat blockiert. Da das Land wahrscheinlich Verdächtige nicht ausliefern wird, ist es fraglich, ob die mutmaßlichen Täter jemals vor Gericht erscheinen werden.

Im vergangenen Sommer wurde in den Niederlanden eine Gedenkstätte für die Opfer des Absturzes eingeweiht. Es befindet sich in der Nähe des Amsterdamer Flughafens.

ulz/dpa/Reuters/AP



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.