Erschossener US-Teenager Michael Brown Das gespaltene Land

In den USA häufen sich rassistisch motivierte Übergriffe der Polizei. Ist der Tod des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown der jüngste Fall? Die Menschen sind erzürnt, das FBI ermittelt, Obama ruft die Menschen zur Ruhe auf.

Von , Washington

AP

Der tragische Tod des Teenagers Michael Brown hat in Amerika eine Debatte um rassistische Stereotype entfacht. Für Aufsehen sorgt das Twitter-Hashtag #IfTheyGunnedMeDown. Hunderte Afroamerikaner haben unter dem Stichwort "Wenn sie mich niederschießen würden" jeweils zwei Fotos von sich getwittert: Auf der einen Seite eines in positiv konnotierter Pose - etwa das offizielle Bild von der Uni-Abschlussfeier - auf der anderen eines mit Hoodie oder martialischer Geste. Die rhetorische Frage: Welches Bild würde in den Medien wohl verbreitet werden, wenn man selbst niedergeschossen würde?

Niedergeschossen wie der 18-jährige Michael Brown. Der Afroamerikaner ist am Samstagnachmittag von einem Polizisten in der Kleinstadt Ferguson, einem Vorort von St. Louis, getötet worden. Brown war unbewaffnet. An diesem Montag sollte er seine Ausbildung auf dem College beginnen. Warum schoss der - offenbar weiße - Polizist? Ein rassistisch motivierter Übergriff mit Todesfolge? Noch ist nichts klar, die Ermittlungen haben ja gerade erst begonnen.

Verschiedene Versionen

Der Freund, mit dem Michael Brown auf dem Weg zu seiner Großmutter war, hat geschildert, wie die beiden in dem Wohnviertel in der Straßenmitte gelaufen seien; wie sie ein Polizist im Streifenwagen aufgefordert habe, den Bürgersteig zu nutzen; wie sie sagten, es sei nur noch eine Minute bis zum Haus, sie würden die Straße gleich verlassen. Der Polizist aber habe Michael gepackt und ins Auto gezogen. Und dann geschossen. Michael habe sich lösen können und sie seien losgerannt - bis ein zweiter Schuss fiel. Michael habe schließlich die Hände gehoben. Der Polizist aber habe ihn mit weiteren Schüssen niedergestreckt. Die Version der Polizei geht anders: Demnach soll der Beamte aus Notwehr gehandelt haben, nachdem der Teenager zur Attacke übergegangen sei und nach der Dienstwaffe des Mannes gegriffen habe.

Nun hat sich das FBI wegen der möglichen Verletzung von Bürgerrechten in die Ermittlungen eingeschaltet. Das zeigt, wie ernst man den Fall in Washington nimmt. Es geht die Sorge um vor dem Funken, der ein ganzes Feuer entfachen könnte. In der Stadt Ferguson kam es zuletzt zu Unruhen und Plünderungen.

Vorort Ferguson: Schwarze Bevölkerungsmehrheit, weiße Polizisten

St. Louis im US-Staat Missouri ist eine der am stärksten segregierten Städte Amerikas. Weiße und Schwarze leben hier meist nebeneinander, nicht miteinander. Im 20.000-Einwohner-Vorort Ferguson stellen die Afroamerikaner zwei Drittel der Bevölkerung, ein Viertel der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Seit Jahrzehnten wandern die Weißen in weiter entferntere Vororte ab. Das hat zur Folge, dass heute zwar die Bevölkerungsmehrheit in Ferguson schwarz ist, Polizei und Behörden aber noch immer von Weißen dominiert werden. So wird Ferguson zum Schmelztiegel für das Gefühl der Fremdbestimmung, des Ausgeliefertseins und des ganz alltäglichen Rassismus.

Im US-Schnitt ist die Arbeitslosenquote der Schwarzen fast doppelt so hoch wie die der Weißen, ihre Schulen sind schlechter, ihre Haftstrafen länger und die Todeszellen sind überdurchschnittlich mit Schwarzen besetzt. Das wiederum bestimmt das Bild, das sich die Weißen - und eben auch die weißen Polizisten - von Afroamerikanern machen. Ein Teufelskreis.

Einer landesweiten Pew-Umfrage aus dem Jahr 2013 zufolge sagten sieben von zehn Afroamerikanern, dass sie sich von der Polizei

in ihrer Kommune weniger fair behandelt fühlen als Weiße. Und 68 Prozent zeigten kein Vertrauen in das Justizsystem. Eine Gallup-Umfrage aus dem selben Jahr ergab, dass sich nahezu ein Viertel der 18- bis 34-jährigen Afroamerikaner innerhalb der letzten 30 Tage ungerecht von der Polizei behandelt fühlte. Verstörende Zahlen, die gerade in den letzten Monaten ihre Entsprechung in der Realität gefunden haben:

  • Im September 2013 erschossen zwei Polizisten in North Carolina den 24-jährigen Afroamerikaner Jonathan Ferrell, der ihnen entgegenlief. Der unbewaffnete Ferrell hatte einen Autounfall und wollte die Polizisten um Hilfe bitten.

  • Im Juli 2014 starb der 43-jährige Eric Garner, ein Asthmatiker, kurz nach seiner Festnahme in New York, weil der Polizist mutmaßlich einen verbotenen Würgegriff angewendet hatte. Der Afroamerikaner Garner hatte unbesteuerte Zigaretten verkaufen wollen.

  • Ebenfalls im Juli verprügelte ein Highway-Polizist eine dunkelhäutige, psychisch kranke Obdachlose.

  • Anfang August erschoss ein Polizist den 22-jährigen Afroamerikaner John Crawford in einem Walmart-Supermarkt in Ohio. Crawford hielt ein Spielzeugluftgewehr in Händen.

Am Dienstagabend meldete sich US-Präsident Barack Obama zu Wort, versuchte die Lage zu beruhigen: "Herzzerreißend" sei der Tod des Michael Brown. Er wisse, dass die Ereignisse der letzten Tage "starke Gefühle" ausgelöst hätten. Obama rief die Bevölkerung zum friedlichen Gedenken auf, "wir sollten uns gegenseitig trösten".

Der Fall Michael Brown erinnert stark an den des 17-jährigen Afroamerikaners Trayvon Martin, der im Februar 2012 in Florida erschossen wurde vom selbst berufenen Nachbarschaftswächter George Zimmerman, der den unbewaffneten Hoodie-Träger offenbar verdächtig fand. Im letzten Jahr wurde Zimmerman für "nicht schuldig" befunden, das Gericht attestierte ihm Selbstverteidigung.

Weite Teile der schwarzen Bevölkerung Amerikas sahen ihr Misstrauen in Justiz und Behörden durch eben dieses Urteil bestätigt. Obama äußerte sich nur wenige Tage später erstmals in seiner Präsidentschaft zur Benachteiligung der Afroamerikaner. Zentraler Satz damals: "Vor 35 Jahren hätte ich Trayvon Martin sein können." Viele Schwarze seien es gewohnt, wegen ihrer Hautfarbe besonders beobachtet zu werden. Auch er selbst kenne das.

Der Fall Martin führte der Nation vor Augen, dass die "post-rassische Gesellschaft", die viele mit Obamas Wahlsieg 2008 verbunden und erhofft hatten, noch in weiter Ferne liegt. Der Fall Brown könnte diese traurige Bestandsaufnahme nun bestätigen. Browns Eltern jedenfalls haben sich Benjamin Crump als Anwalt gewählt. Der vertrat bereits die Angehörigen von Trayvon Martin.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
jjcamera 13.08.2014
1. Nicht erstaunlich.
Zitat von sysopAPIn den USA häufen sich rassistisch motivierte Übergriffe der Polizei. Ist der Tod des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown der jüngste Fall? Die Menschen sind erzürnt, das FBI ermittelt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/michael-brown-rassismus-debatte-nach-schuessen-auf-teenager-a-985812.html
Angesichts von ca. 7000 Toten jährlich nach Schusswaffengebrauch in den USA (ein großer teil davon Afroamerikaner), ist dieser Vorfall nicht wirklich überraschend. In den USA ist es nach Gesetz erlaubt, jemand zu erschießen, von dem man sich "bedroht" fühlt. Das ist alles.
mielforte 13.08.2014
2. Neues Selbstbewußtsein Südamerikas + Rassenunruhen zu Hause
können eine explosive Mischung ergeben auch wenn Obama farbig und Friedensnobelpreisträger in einem ist. Einen künstlichen Martin Luther King als Präsidenten zu installieren, befriedet dieses Land nicht.
barstow 13.08.2014
3. Was will SPON mit diesem Artikel suggerieren?
Zitat von sysopAPIn den USA häufen sich rassistisch motivierte Übergriffe der Polizei. Ist der Tod des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown der jüngste Fall? Die Menschen sind erzürnt, das FBI ermittelt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/michael-brown-rassismus-debatte-nach-schuessen-auf-teenager-a-985812.html
Es erschließt sich mir nicht ganz? Wo sind die Fakten und wo sind vor allem die verschwiegenen Fakten? Merkt dieses Blatt eigentlich gar nicht mehr, dass es sich mehr und mehr disqualifiziert?
sylkeheimlich 13.08.2014
4.
Und dieses Land will den Nahost-Konflikt helfen zu lösen, will Demokratie in andere Länder exportieren...wenn nötig mit Gewalt? Die sollen doch erst mal ihre eigenen Probleme lösen, bevor sie sich immer ueberall einmischen. Es ist schlimm, dass sowas immer wieder passiert. Auch hier hat Obama versagt.
shiwo 13.08.2014
5.
Zitat von sysopAPIn den USA häufen sich rassistisch motivierte Übergriffe der Polizei. Ist der Tod des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown der jüngste Fall? Die Menschen sind erzürnt, das FBI ermittelt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/michael-brown-rassismus-debatte-nach-schuessen-auf-teenager-a-985812.html
Rassismus ist ueberall in den USA, die Trennung funktioniert. Am schlimmsten sehe ich es immer in Florida: kubanische Mehrheit, die glauben, sie seien weiss, gegen schwarze A merikaner. Ich bin oft in Miami, leben moechte ich dort nicht
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