Millionenbetrüger Ulrich Engler: "Ich schäme mich"

Von

Ulrich Engler war einer der abgebrühtesten Anlagebetrüger Europas. Das Landgericht Mannheim verurteilte ihn nun zu acht Jahren und sechs Monaten Haft. Besser hätte es für den 51-Jährigen kaum laufen können: Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten einen Deal geschlossen.

Es ist ein guter Tag für Ulrich Engler. Es ist der letzte Prozesstag gegen ihn. Das Landgericht Mannheim verkündet sein Urteil. Engler kennt es längst. Sein Rechtsanwalt Steffen Lindberg und die Staatsanwältin Yvonne Durban hatten sich auf einen Deal geeinigt: Für ein umfassendes Geständnis sollte Engler maximal acht Jahre und neun Monate Haft bekommen.

Von den USA aus hatte Engler ein gewaltiges Schneeballsystem mit fingierten US-Aktiengeschäften betrieben, 1300 Anlegern Renditen von bis zu 72 Prozent im Jahr versprochen und ihnen laut Insolvenzverwaltung etwa 131 Millionen Euro abgeschwatzt, die er größtenteils für sich und seine Vermittler verwendete.

Und doch sieht Ulrich Engler elend aus an diesem Tag der Urteilsverkündung. Von einem Blatt Papier liest er sein Schlusswort ab. Er habe erst während der Verhandlung "in dieser Deutlichkeit" realisiert, wie vielen Menschen er Leid zugefügt habe. "Ich möchte mich dafür bei allen von ganzem Herzen entschuldigen", sagt Engler. Die Stimme versagt, Tränen schießen ihm in die Augen. "Ich schäme mich hierfür."

Er wisse, er könne das "nie wieder" gutmachen, sagt Engler und bedankt sich bei der Staatsanwaltschaft, dass sie ihm "die Chance einer Kooperation" gegeben habe, und bei seinem Rechtsanwalt für die "hervorragende menschliche und qualifizierte Zusammenarbeit". Dazu hat er auch allen Grund: Das Landgericht Mannheim verurteilte Engler zu acht Jahren und sechs Monaten Haft. Doch die Zeit hinter Gittern wird deutlich kürzer ausfallen.

Sehnsucht nach Leberwurst

Engler ist Erstverbüßer. Das Strafgesetz sieht vor, nach Verbüßung von zwei Dritteln einer Freiheitstrafe das restliche Drittel zur Bewährung ausgesetzt wird, die sogenannte Nettostrafe beträgt im Fall Engler also fünf Jahre und sieben Monate. Zusätzlich werden Auslieferungs- und Untersuchungshaft (zehn Monate) voll anerkannt. Als wahrscheinlich gilt zudem, dass Engler die letzten 18 Monate Haft im offenen Vollzug verbüßen wird.

Die Zeit im Gefängnis hat Engler bereits verplant. Er habe sich für eine Ausbildung als Möbeltischler beworben, sagte er am Montag. "Ich werde die letzte Chance für mich nutzen, um endlich wieder in ein normales Leben zurückkehren zu können."

Es ist lange her, dass Engler ein "normales Leben" führte. Als er noch Bundeswehrsoldat und Staubsaugervertreter war und nicht einer der abgebrühtesten Anlagebetrüger Europas. Als er noch "der Ulrich" und noch nicht "Richie" war, wie er sich in seinem Schickimicki-Leben nannte. Mit vergoldeten Wasserhähnen, einem Fuhrpark mit Porsche, Ferrari und Rolls-Royce.

Mit dem Geld der Anleger habe er zudem einen "sehr gehobenen Lebensstil gepflegt", sagte die Richterin am Montag in ihrer Urteilsverkündung und hielt Engler zugute, dass er ein umfassendes Geständnis abgelegt habe. Andernfalls wäre die Strafe "zweistellig" ausgefallen.

Schenkt man Englers Ausführungen Glauben, so entschloss sich Richie Engler selbst, wieder Ulrich Engler zu sein. Damals, am 11. Februar 2012, als er betrunken über den Highway in Nevada gerast war und einer Streife ins Netz ging. Ein letztes Mal gaukelte er den Polizeibeamten eine falsche Identität vor. Doch ab diesem Zeitpunkt hörte er auf, sich zu verstecken. Fünf Jahre Flucht hatten ihm zugesetzt. Er vermisste seine deutsche Heimat, Schwarzbrot, Leberwurst, ein deutsches Bier.

1300 Entschuldigungsbriefe mit der Hand geschrieben

Engler sagt, er habe regelrecht auf den Zugriff gewartet. Der erfolgte am 25. Juli 2012: Zwölf US-Marshalls stürmten auf ihn zu, nahmen ihn fest, als er mit mehreren Hunderttausend Dollar im Kofferraum durch Boulder City in Clark County, Nevada, kurvte. In einer Lagerhalle entdeckte das FBI mehr als 800 Gemälde, Statuen, Diamanten, Rubine sowie 200 Kunstwerke aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

In Englers Besitz befanden sich zudem drei Luxusanwesen auf dem Land, drei Eigentumswohnungen, zwei Grundstücke, Bauland im Wert von knapp sechs Millionen Dollar und eine Gewerbeimmobilie im Wert von 600.000 Dollar.

"Es wird wohl noch zwei bis drei Jahre dauern, bis Gelder an die geprellten Anleger zurückgeführt werden können", sagt Englers Anwalt Lindberg. Bislang seien knapp acht Millionen Euro Vermögen gesichert worden, zehn Millionen Euro könnten aus Wertanlagen verwertet werden.

Engler will allen 1300 Anlegern handschriftlich aus seiner Zelle einen Entschuldigungsbrief schreiben. Etwa 1000 hat er bereits abgeschickt. Einige Empfänger verbaten sich so ein Schreiben, andere nahmen die Entschuldigung an. Der Großteil jedoch hat nicht reagiert.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Kriminalität
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Millionenbetrüger vor Gericht: Der Fall Ulrich Engler